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Ein Ort der Opfer und der Täter

„Erinnerungs- und Gedenkstätte Wewelsburg 1933–1945“ arbeitet seit zehn Jahren gegen das Vergessen

Verfasst am 22. April 2020

Kreis Paderborn (krpb). Wie fühlt es sich an, verschleppt, verachtet und tagtäglich roher Gewalt ausgesetzt zu sein? Was geht in den Köpfen und Herzen jener vor, die diese Gräueltaten verübten? Seit genau zehn Jahren versucht die zeitgeschichtliche Dauerausstellung „Ideologie und Terror der SS“ als weltweit einzigartige Gesamtdarstellung der Schutzstaffel (SS) der NSDAP auf all das Antworten zu finden.

Am 15. April 2010 wurde in den - damals eigens hierfür umgebauten - Räumlichkeiten des ehemaligen Wachgebäudes auf dem Schlossgelände der Wewelsburg die neue Erinnerungs- und Gedenkstätte Wewelsburg 1933-1945 mit der modernen und zeitgemäßen Dauerausstellung der Öffentlichkeit übergeben.

Es ist ein Täterort, der gleichzeitig ein Opferort ist. Landrat Manfred Müller bekannte sich schon damals zu seiner Aufgabe, mit der Vermittlung der Geschichte der SS an diesem Ort politische Bildungs- und Aufklärungsarbeit zu leisten und gegen das Vergessen zu arbeiten. „Als Träger der einzigen KZ-Gedenkstätte auf nordrhein-westfälischem Boden war und bin ich mir der Verantwortung zur Wahrung des Vermächtnisses der Opfer des SS-Terrors bewusst“, betont Müller auch heute. Ziel sei es, an die Bereitschaft der Besucherinnen und Besucher dieses spannungsgeladenen historischen Ortes zu appellieren, Verantwortung für sich und ihr Handeln in der Gesellschaft zu übernehmen.

Der Reichsführer der SS, Heinrich Himmler, hatte die Wewelsburg mit dem Ziel gepachtet, sie unter rücksichtloser Ausnutzung von KZ-Häftlingen zu einem Versammlungsort mit gigantischen Ausmaßen für seine Gruppenführer zur Stärkung ihres Selbstbewusstseins und Elitegefühls umzubauen. Die Pläne waren gigantisch. In letzter Konsequenz hätte das Dorf Wewelsburg weichen müssen.

Ziel der Ausstellungsmacher um den damaligen Museumsleiter Wulff E. Brebeck und seine Nachfolgerin und heutige Museumsleiterin Kirsten John-Stucke war es, alle weltanschaulichideologischen und verbrecherischen Facetten der SS auf Grundlage des aktuellen Forschungsstandes zu präsentieren. Gleichzeitig sollte der ideologische und mythisch aufgeladene Ort ein Gedenkort für die Opfer der SS-Gewalt sein. Die Kosten der Umbaumaßnahmen und Neukonzeption in Höhe von 7 Millionen Euro wurden durch eine großzügige finanzielle Förderung des Bundes und des Landes NRW unterstützt.

Die vor der Ausstellungseröffnung geäußerten Sorgen, gerade durch die Präsentation von Originalen wie Heinrich Himmlers Tagebuch oder Uniformen und Schriften der SS auch die rechtsradikale Szene verstärkt anzuziehen, haben sich nicht bewahrheitet. „Wir richten unsere Ausstellung an mündige Besucherinnen und Besucher. Die Ausstellungsobjekte dienen der Aufklärung über die Ideologie und Weltanschauung der Schutzstaffel“, erklärt Museumsleiterin Kirsten John-Stucke. Man zeige sie betont nüchtern und neutral, um eine Faszination zu vermeiden. „Dies gelingt uns sehr gut. Die Besucher verstehen unsere Präsentation“, so John-Stucke.

Dem Kreismuseum ist es mit der Erinnerungs- und Gedenkstätte Wewelsburg gelungen, auch die Bildungsarbeit in den vergangenen zehn Jahren zu erweitern und zu profilieren. „Die Wewelsburg ist ein lebendiger Ort, an dem aktive Bildungsarbeit geleistet wird, an dem gegenwartsrelevante Themen aufgegriffen und umfassend vermittelt werden“, erklärt die Museumsleiterin. Mit jährlich über 50.000 Besuchern und über 600 Gruppen- und Seminarbuchungen kommt die pädagogische Abteilung ihrem umfassenden historischpolitischen Bildungsauftrag nach. Darüber hinaus finden jährlich zahlreiche Sonderausstellungen, Veranstaltungen, Seminare, Studien- und Projekttagen oder Workcamps statt. Bildungspartnerschaften mit Schulen gehören seit einigen Jahren zum festen Programm der Erinnerungs- und Gedenkstätte. Richtungsweisend ist das innovative „Hingucker“-Programm, mit dem die Gedenkstätte neue Wege im Bereich Vermittlung von gesellschaftlichen Werten wie Zivilcourage und Demokratieerziehung für die Schulklassen der Stufen vier bis sechs beschreitet.

Die Erinnerungs- und Gedenkstätte stellt auch die Lokalkoordination für das Bundesprogramm „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ und berät die teilnehmenden Schulen im Kreis Paderborn. Das Kreismuseum ist betraut mit der Umsetzung des Handlungskonzepts gegen Rechtsextremismus und Rassismus, das von dem Landesprogramm NRWeltoffen initiiert wurde, und beteiligt sich an dem Bundesprojekt „Demokratie leben!“ „Die junge Generation soll lernen, die Geschichte zu verstehen, damit sie in demokratischem Verständnis handeln und ihre Zukunft gestalten kann“, betont Landrat Manfred Müller abschließend.

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