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"[Weiße Flecken]" : Schülerzeitung füllt journalistische Lücken aus der NS-Zeit

60 Jahre Bundesrepublik, 20 Jahre Mauerfall. Das Jahr 2009 ist ein Jahr der Jubiläen.

Verfasst am 31. Juli 2009

Die zahlreichen Rückblicke auf die deutsche Geschichte gehen einher mit der Verantwortung, sich auch der schrecklichen Aspekte deutscher Vergangenheit zu erinnern, nicht zu vergessen und für die Zukunft zu lernen.

Eine Initiative, welche sich dieser Aufgabe angenommen hat, ist step21. Die "Initiative für Toleranz und Verantwortung" bemüht sich in zahlreichen Projekten, Kinder und Jugendliche zur Auseinandersetzung mit der Vergangenheit zu bewegen und ihnen durch den Umgang mit Geschichte zu zeigen, wie wichtig es ist, sich aktiv für die Demokratie und Menschenrechte einzusetzen.

Unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Horst Köhler, gefördert durch Einrichtungen wie BILD e.V. "Ein Herz für Kinder", die "Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft", die Stiftung für deutsch- polnische Zusammenarbeit und dem Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds und unterstützt von zahlreichen ehrenamtlichen Helfern und Medienvertretern motiviert step 21 junge Menschen, mutig die Stimme gegen Unrecht, Gewalt und Diskriminierung in unserer heutigen Gesellschaft zu erheben.

Mit ihrem mittlerweile zehnjährigen Bestehen feiert die Initiative in diesem Jahr ebenfalls ein Jubiläum.

Ein außergewöhnliches Projekt von step21 ist die Zeitung "[Weiße Flecken]". Schüler aus verschiedenen Ländern, derzeit aus Deutschland, Polen, Tschechien und Österreich, recherchieren in ihrem Heimatort nach Geschichten, die während der NS- Zeit nicht erzählt werden durften. Die Jugendlichen machen Überlebende ausfindig und schreiben über Ereignisse, die sonst wahrscheinlich für immer vergessen worden wären, da sie in der nationalsozialistisch gelenkten Presse bewusst verschwiegen oder falsch dargestellt wurden. Die Erinnerungen der Zeitzeugen, das sind die "weißen Flecken", also die von der NS-Presse absichtlich hinterlassenen Lücken. Sie werden von den Schülern nun durch ihre journalistische Arbeit gefüllt.

So recherchierte zum Beispiel ein Team von vier Schülerinnen und Schülern aus Berlin- Weißensee die Geschichte von Erich Boltze, dem es während seiner Inhaftierung im KZ Sachsenhausen gelang, Widerstand zu leisten. Durch seine Arbeit in der Schreibstube gelang es ihm, neuen Häftlingen nützliche Hinweise zu geben und sie weniger gefährlichen Arbeitseinheiten zuzuteilen. Durch eine Verlegung in ein Aussenlager gelang es Boltze sogar, die Fertigung deutscher Luftwaffen- Bomber zu sabotieren. Boltze gehörte einem Netzwerk innerhalb des Konzentrationslagers an, welches sich zur Aufgabe gemacht hatte, den Nationalsozialismus auch aus den Konzentrationslagern heraus zu bekämpfen.

Aus NRW haben je zwei Schülerteams ihren eigenen Projektbeitrag geleistet. Drei Schülerinnen aus Aachen arbeiten die Erschießung zweier Jungen im Alter von 14 Jahren auf und interviewten für ihr Projekt einen Zeitzeugen, der die traurige Tat 1944 miterlebte.

Ein zweites Team aus Köln- Mülheim recherchierte über den Versuch der Edelweißpiraten, im Oktober 1943 ein Kreishaus der NSDAP zu überfallen. Indem das Team sich mit Quellen und Historikerurteilen auseinandersetzt, folgt ihr Projekt der übergeordneten Fragestellung: Widerstand oder krimineller Akt?

Seit 2006 haben sich bereits über 200 Jugendliche in dem Projekt engagiert. Mit den ersten beiden Ausgaben der Zeitung konnten sie schon über 100.000 Jugendliche in ganz Europa erreichen. Das Interesse an dem Projekt wächst immer mehr, was die Auflagenstärke von mittlerweile 30.000 Exemplaren zeigt, die Schulen, Gedenkstätten und Jugendeinrichtungen in den beteiligten Länder zur Verfügung gestellt werden.

Im Juni 2009 ist die dritte Ausgabe der Zeitung erschienen. Insgesamt 70 Jugendliche aus Deutschland, Polen, Tschechien und Österreich haben seit Oktober 2008 in 15 Redaktionsteams vor "ihrer eigenen Haustür" über die Zeit des Nationalsozialismus recherchiert, haben Zeitzeugen ausfindig gemacht und interviewt sowie Archive durchforstet. In einer umfangreichen Ausgabe präsentieren sie nun ihre Ergebnisse und knüpfen an den Erfolg der Ausgaben aus den Jahren 2006 und 2008 an. Das erste druckfrische Exemplar der aktuellen Zeitung überreichten die Nachwuchsjournalisten nun Bundeskanzlerin Angela Merkel bei einer feierlichen Veranstaltung im Jüdischen Museum Berlin.

Im Leitartikel der aktuellen Ausgabe setzen sich die jungen Autoren mit einer wichtigen Errungenschaft unserer heutigen Zivilgesellschaft auseinander, den Menschenrechten. Die Jugendlichen haben erkannt, dass die Selbstverständlichkeit, mit der sie sich im heutigen Europa bewegen können, in einem starken Gegensatz zu dem steht, was die Menschen während der Zeit des Nationalsozialismus - und auch noch darüber hinaus - erlebt haben. Diese Selbstverständlichkeit ist in ihren Augen das Resultat einer demokratischen Entwicklung, die es auch weiterhin mit aller Kraft zu unterstützen gilt und die nicht wie selbstverständlich hingenommen werden darf.

Auf 36 Seiten umfasst die Ausgabe neben dem Leitartikel und zahlreichen weiteren Beiträgen der Jugendlichen, mehrere Gastbeiträge von prominenten Historikern und Journalisten. Eine Sonderseite zum heutigen Rechtsextremismus in Europa stellt den aktuellen Bezug zur Gegenwart her. Das Besondere an dem internationalen Gemeinschaftsprojekt ist, dass die Beiträge zusätzlich auf Polnisch und Tschechisch erscheinen.

Das Projekt leistet demnach mehr, als "nur" Erinnerungen zu wahren. Die Geschichten ermutigen den Leser, sich für Demokratie, Menschenrechte und Pressefreiheit einzusetzen.

Die Schüler können erste journalistische Erfahrungen sammeln und viel über die Arbeit von Historikern sowie einen verantwortungsbewussten Umgang mit der Vergangenheit lernen. Gleichzeitig treffen sie auf Jugendliche aus anderen Ländern und Kulturen und können sich über Erfahrungen und Erlebnisse austauschen. "[Weiße Flecken]" leistet damit auch einen wichtigen Beitrag zur Völkerverständigung.

Exemplare aller drei Ausgaben sind bestellbar und als pdf-Dokumente über den Internetauftritt von step 21 erhältlich (s. Linktipp).

Ein pädagogisches Begleitheft mit Materialien für den Unterricht ist ebenfalls zu bekommen.

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