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Tagungsbericht Werkstatt Geschichtsarbeit 2015 Kinder und Jugendliche im Nationalsozialismus waren das Rahmenthema der Fachtagung, die 2015 in Düsseldorf gleichzeitig mit dem Festakt zum 20. Gründungstag des Arbeitskreises stattfand. Dieser Bericht informiert über Diskussionen und Ergebnisse der einzelnen Workshops und Vorträge.
Die diesjährige Werkstatt Geschichtsarbeit und historisch-politisches Lernen zum Nationalsozialismus fand unter dem Rahmenthema „Kinder und Jugendliche im Nationalsozialismus“ statt. Bereits zum 18. Mal hat das Bildungswerk der Humanistischen Union NRW Gedenkstättenmitarbeiterinnen und -mitarbeiter und andere Interessierte aus Geschichtswerkstätten, Archiven und Schulen eingeladen. Dabei haben sie mit dem Arbeitskreis der NS-Gedenkstätten und –Erinnerungsorte NRW sowie der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf als Gastgeber der Tagung kooperiert. Gefördert wurde die Veranstaltung von der Landeszentrale für politische Bildung NRW.
Festakt in der Villa Horion zum 20jährigen Jubiläum des Arbeitskreises
Zum Auftakt der Tagung waren die Teilnehmenden in die Villa Horion eingeladen, um mit NRW-Landtagspräsidentin Carina Gödecke, der Leiterin der Landeszentrale für politische Bildung in NRW, Maria Springenberg-Eich, und weiteren Akteuren aus Landespolitik und Gedenkstättenlandschaft das 20jährige Jubiläum des Arbeitskreises der NS-Gedenkstätten und –Erinnerungsorte in NRW zu feiern. In ihren Grußworten betonten sowohl die Landtagspräsidentin als auch der Vorsitzende des Arbeitskreises, Prof. Dr. Alfons Kenkmann, die Bedeutung der Gedenkstätten für die Erinnerung an nationalsozialistische Verbrechen gerade auch in der Zukunft, wenn es keine Zeitzeuginnen und Zeitzeugen mehr gibt, die direkt berichten können, und forderten dazu auf, die regionalen Spezifika der Geschichtsorte zu erhalten. In einem Rückblick machte Prof. Kenkmann deutlich, dass die Einrichtungen in NRW oft durch bürgerschaftliche Initiativen und gegen politische Widerstände gegründet wurden. Die Erinnerung an den „kleinen Menschen als Sandkorn der Geschichte“ (Swetlana Alexijewitsch) könne ungeachtet der verstärkten Wissenschaftsorientierung auch zukünftig als Leitlinie gelten. In den letzten 20 Jahren seien die meisten Kommunen sich allerdings ihrer Verantwortung für die Erinnerung bewusst geworden. Parallel sei ein kontinuierlicher Prozess der Professionalisierung zu beobachten, sodass die dezentral organisierte Erinnerungskultur mittlerweile unverzichtbar für die Menschen und ihre Bildung im bevölkerungsreichsten Bundesland geworden sei.
Prof. Dr. Reinhard Rürup (Berlin) hat diese Entstehungsgeschichten in den gesamtgesellschaftlichen Kontext eingeordnet und die Erfahrungen der Gedenkstätten auf ihrem Weg „von der ‚Nestbeschmutzung‘ in die Mitte der Gesellschaft“ nachgezeichnet. So traten Einzelne oder kleinere Gruppen dem „stillen Gedenken“ seit Ende der 1970er Jahre in Form von „Geschichtsgruppen oder -werkstätten“ entgegen. Sie versuchten die Opferperspektive in den Mittelpunkt zu stellen und besonders auch Orte der Verfolgung vor Ort ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Die Gründung von Gedenkstätten in den 1980er Jahren war auch mit einem wandelnden Verständnis von Geschichte verbunden und hat zu einer wichtigen Ausdifferenzierung von Forschung und Ausstellungen beigetragen. Aber erst nach der Wiedervereinigung verbreitete sich allmählich ein Bewusstsein staatlicher Verantwortung für Erinnerung. Eine Entwicklung, die über die Jahrtausendwende hinweg anhielt und auch das Verhältnis von Gedenkstätten und Politik neu auslotete. Etwa zeitgleich wurde eine „Gedenkstättenkonzeption des Bundes“ verabschiedet, in der auch die herausragende Bedeutung von Gedenkstätten als Lernorte betont wurde.
Bei einer abschließenden, von Dr. Sabine Kittel (Uni Münster) moderierten Podiumsdiskussion wurden die Impulse aus diesen Vorträgen an regionalen Beispielen aufgegriffen. Dr. Ulrike Schrader (Wuppertal), Kirsten John-Stucke (Wewelsburg), Angela Genger (Essen und Düsseldorf) und Dr. Ulrich Opfermann (Siegen) zeichneten die Entstehungskontexte und -kämpfe nordrhein-westfälischer Gedenkstätten ganz konkret nach. Deutlich wurde dabei besonders, dass die Landesgedenkstättenlandschaft dezentral und unabhängig organisiert ist und beispielsweise anders als in anderen Ländern nicht dauerhaft oder institutionalisiert vom Bund gefördert wird. Umso bedeutender – das klang in allen Beiträgen an – ist neben dem hohen bürgerschaftlichen Engagement vor Ort in rheinischen und westfälischen Städten auch die Vernetzung zwischen den so unterschiedlichen Einrichtungen.
Einblicke in die neue Ausstellung der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf
Der Folgetag (Freitag, 20.11.2015) begann mit einer Begrüßung durch die gastgebenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf um ihren Leiter Dr. Bastian Fleermann und die stellvertretende Leiterin Hildegard Jakobs. Sie hatten alle Räume ihrer Einrichtung geöffnet, sodass die Gäste sich neben der neuen, im Mai 2015 eröffneten Dauerausstellung auch mit dem historischen Luftschutzkeller oder der Bibliothek und dem „offenen Archiv“ beschäftigen konnten. In einem einleitenden Vortrag verortete Prof. Kenkmann das Thema „Jugend“ über Gedenkstätten hinaus historisch in musealen Dauerausstellungen. Nach ersten Ausstellungen ab 1914 habe es beispielsweise 1927 eine erste große „Leistungsschau“ deutscher Jugendpflege in Berlin gegeben. Überraschenderweise hätten die Nationalsozialisten „Jugend“ als Ausstellungsthema weitgehend vernachlässigt. Erst Ende der 1960er Jahre kamen mit der neuen Jugendbewegung und einem geschichtswissenschaftlichen Paradigmenwechsel wieder vermehrt Ausstellungen auf und seit Mitte der 1980er Jahre wurde das Thema dann auch von professionellen Museumsmachern kulturgeschichtlich aufgegriffen. Die Gesamtentwicklung überblickend stellte Prof. Kenkmann vier Vorzüge von Jugendbezügen in Ausstellungen heraus: Das Interesse bei Jugendlichen an ihren historischen Altersgenossen ist sehr groß, für einige Besucherinnen und Besucher wird der Rückblick in die eigene Jugend ermöglicht, dieses generationenübergreifende Interesse mache einen intergenerationellen Austausch möglich und viertens ist die Suche von jugendlichen Gästen nach eigenen historischen Pendants zu beobachten, die zu gegenwartsbezogenen Vergleichen führen können.
Anschließend präsentierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Mahn- und Gedenkstätte in Kleingruppen die neue Dauerausstellung der Einrichtung, die anhand 18 ausgewählter Biographien von Kindern und Jugendlichen die Geschichte von Ausgrenzung und Einbindung in die nationalsozialistische „Volksgemeinschaft“, von Verfolgung und Erinnerung erzählt. In der bundesweit ersten Gedenkstätte mit diesem Zuschnitt wurde darüber hinaus allerdings nicht der Bezug zur Haus- und Stadtgeschichte vergessen: Alle Ausstellungsobjekte stammen aus Düsseldorf, immer wieder kreuzen sich die Wege der Jugendlichen mit den Behörden, die im Nationalsozialismus ihren Sitz im Haus hatten. Sowohl während der Rundgänge als auch in einer anschließenden Plenumsdiskussion gab es die Möglichkeit, sich über die pädagogische Arbeit mit und in der Ausstellung auszutauschen. Insgesamt würden die Programme dabei individuell ausgearbeitet werden, Gruppen könnten zwischen (Schwerpunkt-) Führungen, Seminaren, Workshops oder Studienfahrten wählen. Die bisherigen Erfahrungen mit den Hörstationen, prominent platzierten Hauptexponaten und individuellen biographischen Zugänge seien dabei bisher sehr gut gewesen. Das deckt sich mit den Eindrücken, die die Tagungsgäste gesammelt hatten. Bemerkenswert ist die möglichst breite Auswahl der Kinder- und Jugendbiographien in der Ausstellung, durch die unterschiedlichste Opfergruppen berücksichtigt werden. Auch weil „auf die Befindlichkeiten der Menschen in Düsseldorf Rücksicht genommen wurde“, seien Kontroversen bisher weitgehend ausgeblieben, erklärte Dr. Fleermann.
Workshops zur Praxis der Gedenkstättenarbeit: Literatur, Zeitzeugen und eigene Archive
In drei Nachmittagsworkshops hatten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Möglichkeit, sich mit praktischen Fragen der Gedenkstättenarbeit auseinanderzusetzen.
Dr. Ulrike Schrader und Christine Hartung besprachen anhand einer Auswahl von Kinder- und Jugendliteratur aus der Begegnungsstätte Alte Synagoge in Wuppertal und von den Gästen mitgebrachten Titeln die Chancen dieser Vermittlungsformate für die historisch-politische Bildung. Der Workshop diente einer kritischen Schau auf den Kinder- und Jugendbuchmarkt zu den Themen „Nationalsozialismus“ und „Holocaust“. Impuls dafür waren ausgewählte Textauszüge aus dem leider noch immer in vielen Deutschklassen der unteren Jahrgänge gelesene Buch „Damals war es Friedrich“ aus dem Jahr 1961. Die Kritik daran entzündet sich nicht nur an den mittlerweile sattsam bekannten Mängeln (Entlastungsstruktur, Stereotype), sondern auch an der Rolle im Schulcurriculum, da dieses Buch fachfremd im Deutschunterricht und dann auch noch als oft erster Kontakt mit dem Thema vor der Behandlung im Geschichtsunterricht eingesetzt wird. Eine gute Alternative, die auch literarische Qualitäten besitzt, wäre Irene Disches schmale Novelle „Zwischen zwei Scheiben Glück“, die erfreulicherweise wieder aufgelegt worden ist. Erfreulich gestaltet sich die gegenwärtige Literaturszene, die sich durch eine große Vielfalt und Vielzahl unterschiedlicher Textsorten, von Memoirenliteratur, Biografien, spannenden Romanen (Abenteuer und Liebe kommen nicht zu kurz) bis zum Comic bzw. der Graphic Novel erstreckt. Nicht alles davon taugt als Klassenlektüre, aber durchaus für die begleitende individuelle Lektüre oder für die gemeinsame Projektarbeit.
Astrid Wolters aus der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf und Prof. Dr. Inge Marszolek (Uni Bremen) leiteten einen Workshop zum Thema Zeitzeuginnen, Zeitzeugen und Zeitzeugen. An theoretische Überlegungen zur „medialen Figur des Zeitzeugen“ und der Bedeutung der Stimme anknüpfend wurde anhand Düsseldorfer Beispiele über Möglichkeiten der Integration dieser Quellen in Gedenkstätten und ihre Pädagogik diskutiert. Ein reflexiver Umgang mit Zeitzeugnissen muss die (massenmedial vielfach präsenten) Gefahren eine Instrumentalisierung durch „Erlebnisintensität“ und einer Entpersonalisierung der Zeugnisse vermeiden. Die mehrdimensionale Präsenz der in Düsseldorf präsentierten Biografien (in mehreren Ausstellungsschichten und im Archiv) bietet große Chancen, eine stereotype Rezeption zu umgehen und neue Fragen zu stellen.
Hildegard Jakobs und Dr. Christoph Spieker (Münster) überlegten mit der dritten Gruppe anhand von historischen Objekten aus dem Geschichtsort Villa ten Hompel, wie sich archivalische Sammlungen für die Bildungsarbeit in Gedenkstätten nutzen lassen könnten. Ihre besondere Bedeutung kommt diesen Beständen durch ihre Korrektiv-Funktion zu, da sie als Überlieferung von Opferperspektiven die amtliche Dokumentation in Archiven kontrastieren können. Einig waren sich die Anwesenden darin, dass die Zusammenarbeit zwischen Gedenkstätten auch hinsichtlich ihrer Sammlungsarbeit intensiviert werden sollte, vielleicht sogar durch Einrichtung eines informellen Beratungs- und Austauschnetzwerks. Solch ein Rahmen ermögliche es, gemeinsam Konzepte für die Zukunft entwickeln, gerade weil nach dem „Ende der Zeitzeugenschaft“ auch anhand von Objekten und Interviews Geschichte weiter lebendig vermittelt werden könne. Diese Konzepte sollten dabei Finanzierungsfragen beinhalten, um dem wachsenden Bedarf an Personal, Raum und Budget für die immer größer werdenden Sammlungen gerecht zu werden, resümierten die beiden Workshopmoderatoren.
Einblicke in den Arbeitsalltag durch die Projektbörse
Neben den Workshops wurde auch die Projektbörse am Samstagvormittag dem Werkstattcharakter der Veranstaltung gerecht: Mehrere Gedenkstättenmitarbeiterinnen und -mitarbeiter hatten die Möglichkeit, neue Projekte vorzustellen und im Anschluss diskutieren zu lassen. Den Anfang machte Dr. Ulrike Schrader, die mit „Sternvergehen“ eine didaktische Mappe zur Biographie von Herbert Cohnen, einem der letzten lebenden jüdischen Zeitzeugen in Wuppertal, vorstellte. Sein Vater wurde nach einer Denunziation nach Auschwitz deportiert und starb nach Kriegsende an den Folgen der dort an ihm vorgenommenen medizinischen Versuche. Neben der didaktischen Mappe mit 40 aufbereiteten Quellen kann in der Begegnungsstätte auch eine Wanderausstellung entliehen werden.
Anschließend präsentierten Andrea Nepomuck und Jennifer Farber das pädagogische Konzept des Erinnerungsorts in der ehemaligen NS-Ordensburg Vogelsang. Die Biographien einiger „Ordensjunker“ werden unter den Leitfragen, was die Männer verkörpern sollten und wie sie sich selber verstanden haben, dargestellt. Unter der Prämisse, auch diesen Tätern empathisch zu begegnen, sollen Motive und Attraktivitätspotenziale herausgearbeitet werden. Indem die Kriegsverbrechen einiger dieser jungen Männer dann anschließend aus Opfersicht erzählt werden, sollen die Lebensgeschichten inhaltlich und perspektivisch gebrochen werden. Ähnlich wie die Biographien provoziert auch der von herrschaftlicher NS-Architektur geprägte Ort Vogelsang Diskussionen, die vom pädagogischen Team vor Ort aktiv aufgegriffen und reflektiert werden.
Ein weiteres Projekt stellte Klaus Merklein vom Aktiven Museum Südwestfalen vor: Die Ausstellung „jüdische Soldaten des Ersten Weltkriegs aus der Synagogengemeinde Siegen“ führt in Listen die Toten der Weltkriege und die Opfer der NS-Verfolgung auf und erzählt die Lebensgeschichten einiger dieser jüdischen Siegener. Der auch bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs vorherrschende Antisemitismus habe dafür gesorgt, dass einige jüdische Soldaten in der Hoffnung auf eine folgende Integration und Anerkennung begeistert am Krieg teilnahmen.
Nina Reip (Autonome Hochschule der DG Eupen) warb für eine Wanderausstellung: „Wiederentdeckt. Zeugnisse aus dem KZ Holzen“ zeigt handschriftliche Zeichnungen und weitere Dokumente, die belgische Soldaten als Häftlinge im KZ-Außenlager Holzen angefertigt hatten. Weil sie selber anders als ihre Zeichnungen die Todesmärsche bei Kriegsende nicht überlebten, haben diese „letzten Zeugnisse“ eine besondere Bedeutung. Neben Fragen um das Thema „kultureller Widerstand“ lässt sich auch die Rolle der so genannten Funktionshäftlinge anhand der Ausstellung diskutieren, die von der Gedenkstätte Buchenwald konzipiert wurde.
Schließlich hat Astrid Wolters (Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf) ein besonderes pädagogisches Programm präsentiert: In Sommerferienworkshops 2015 setzten sich Jugendliche mit dem Thema „Helden“ auseinander. In vier Tagen beschäftigten sich die 10-14jährigen in der Gedenkstätte und im Stadtmuseum inhaltlich mit Fragen nach heldenhaften Taten oder Vorbildern aus der Geschichte und setzten ihre Eindrücke anschließend in Kurzfilmen um. Dass dabei das Fantasy-Genre und Geschichte vermischt wurden, machte die Reflektionen im Produktionsprozess besonders interessant: Wie lassen sich Heldentaten filmisch darstellen? Wo liegt die Grenze bei der Nachstellung historischer Personen oder Ereignisse?
Abschlussvortrag und Diskussion: Die Stellung von Gedenkstätten im öffentlichen und politischen Raum von ihren Gründungen bis in die Gegenwart
Im Abschlussvortrag unter dem Titel „…dass die dunklen Kapitel unserer Geschichte inzwischen der Vergangenheit angehören“ zog Cornelia Siebeck die Entwicklungen gegenwärtiger bundesrepublikanischer Geschichtspolitik noch einmal insbesondere für die letzten drei Jahrzehnte nach. Dabei wurde deutlich, dass viele erinnerungspolitischen Inhalte, die mindestens bis in die 1980er Jahre noch erstritten werden mussten, mittlerweile als Selbstverständlichkeit gelten und ins offizielle staatliche Geschichtsbild integriert wurden. Dabei werde die Erinnerung an das „dunkle Kapitel“ deutscher Geschichte, den Nationalsozialismus und seine Verbrechen, nun in eine „teleologische Dramaturgie“ integriert und das gegenwärtige Erinnern als später Läuterungsprozess dargestellt. In diesem Sinne einer nationalen Meistererzählung habe der „lange Kampf um Erinnerung nun ein glückliches Ende gefunden“, wie offizielle Stellungnahmen suggerieren. Dieser vermeintliche Überwindungsprozess äußert sich beispielsweise in Berlin in der Errichtung von Gedenkstätten oder neuen „positiven“ Denkmälern besonders stark, machte die Referentin deutlich. Abschließend stellte sie zur Diskussion überleitend kritisch fest, dass durch diese Prozesse des „Geschichte-Aufräumens“ das „Irritationspotenzial“ von Geschichte entschärft worden sei. In der Diskussion wurde bei grundsätzlicher Zustimmung mehrfach darauf hingewiesen, dass die Gedenkstättenlandschaft in der nordrhein-westfälischen „Provinz“ deutlich anders aufgestellt ist als in der Hauptstadt. So betonte beispielsweise Dr. Norbert Reichling, dass alleine die Dezentralität eine Meistererzählung oder ein einheitliches Masternarrativ relativiere. Darüber hinaus bedeute die finanzielle Absicherung der Gedenkstätten durch ihre Integration in kommunale Strukturen nicht automatisch eine Anpassung an staatliche Erzählungen, ergänzte Prof. Dr. Stefan Goch. Ganz allgemein gehöre es allerdings auch zur Aufgabe von Gedenkstätten, Normierungstendenzen kritisch zu hinterfragen. Hildegard Jakobs forderte alle Gedenkstättenmitarbeiter auf, intensiver an landes- und bundesweiten Vernetzungsangeboten teilzunehmen, um die dezentrale Perspektive zu stärken und auf solche Entwicklungen hinzuweisen.
Damit machte die Abschlussdiskussion nochmal deutlich, was zu Beginn der Tagung beim Festakt festgestellt wurde: In Nordrhein-Westfalen gibt es durch Dezentralität und die tiefe Verwurzelung der einzelnen Einrichtungen in ihr lokales Umfeld eine besondere Gedenkstättenkultur, die inhaltlich und konzeptionell außergewöhnlich vielfältig ist, aber auch Herausforderungen mit sich bringt. Neben dauerhaften Fragen um Verstetigung der Arbeit und finanzielle Absicherung entwickelten sich im bevölkerungsreichsten Bundesland ganz unterschiedliche Gedenkstätten und Erinnerungsorte mit verschiedensten inhaltlichen Schwerpunkten. Wie diese Strukturen erfolgreich genutzt werden, wurde durch die einzelnen Workshops und Projektpräsentationen der Geschichtswerkstatt deutlich, konnten die Werkstattteilnehmerinnen und -teilnehmer darüber hinaus auch in der neuen Dauerausstellung in der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf erfahren. Insgesamt bot die diesjährige „Werkstatt Geschichtsarbeit“ nicht nur Einblicke in aktuelle Entwicklungen der Erinnerungskultur, sondern zeigte anhand praxisnaher Beispiele auch Herausforderungen auf, die die nahe Zukunft der Gedenkstättenarbeit prägen könnten. Dass die Gäste sich in konstruktiver angenehmer Atmosphäre auch kritisch austauschen konnten, ist allen Veranstaltern zu verdanken.
Bericht von Philipp Erdmann
Programm:
Donnerstag, 19.11.2015
17.00 Uhr
Festakt „20 Jahre Vernetzung und Professionalisierung – 20 Jahre Arbeitskreis der NS-Gedenkstätten und -Erinnerungsorte NRW“
Begrüßung und Einführung durch Prof. Dr. Alfons Kenkmann (Vorsitzender des Arbeitskreises)
Grußworte von Landtagspräsidentin Carina Gödecke und Maria Springenberg-Eich (Landeszentrale für politische Bildung NRW)
17.45 Uhr
Vortrag „Von der ‚Nestbeschmutzung‘ in die Mitte der Gesellschaft – Erfahrungen und Perspektiven von Gedenkstätten zum NS-Regime“ – Prof. Dr. Reinhard Rürup (Berlin)
18.15 Uhr
Gesprächsrunde „Etablierungskämpfe der NRW-Gedenkstätten – was lässt sich daraus lernen?“ – mit Angela Genger, Ulrich Opfermann, Kirsten John-Stucke und Dr. Ulrike Schrader
19.00 Uhr
Empfang – Imbiss – Gespräche
Freitag, 20.11.2015
9.00 Uhr
Einführung in die neue Dauerausstellung der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf „Düsseldorfer Kinder und Jugendliche im Nationalsozialismus“ – Dr. Bastian Fleermann und Hildegard Jakobs
9.15-10.15 Uhr
Rundgang in Kleingruppen
10.15-10.45 Uhr
Kaffee-/Teepause
10.45-12.15 Uhr
Auswertung des Rundgangs und Diskussion – mit einem Exkurs von Prof. Dr. Alfons Kenkmann: „Das Thema ‚Jugend‘ in den Ausstellungen von Gedenkstätten“
12.15-14.00 Uhr
Mittagspause (gemeinsames Essen)
14.00 Uhr
Kurze Vorstellung der Themen und Expert/innen der Workshops
14.30-18.00 Uhr
Workshops
A Zeitzeug/innen und Zeitzeugnisse in Ausstellungen – mit Prof. Dr. Inge Marszolek (Universität Bremen) und Astrid Wolters (Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf)
B Archive und Sammlungen in den NS-Gedenkstätten NRW. Bestände, Findbücher und pädagogische Arbeit – mit Dr. Christoph Spieker (Villa ten Hompel Münster) und Hildegard Jakobs (Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf)
C Kinder- und Jugendliteratur zur NS-Zeit. Kriterien und Bücherschau – mit Dr. Ulrike Schrader und Christine Hartung (Begegnungsstätte Alte Synagoge Wuppertal)
19.00 Uhr
Gemeinsames Abendessen
Samstag, 21.11.2015
9.30 Uhr
Projektebörse – Pläne, Kurzberichte und Nachrichten aus Vereinen, Gedenkstätten, Museen, politischer Bildung und Geschichtswerkstätten
11.00 Uhr
Kaffee-/Teepause
11.30-13.00 Uhr
„... dass die dunklen Kapitel unserer Geschichte inzwischen der Vergangenheit angehören“ – Gedenkstättenarbeit zu den NS-Verbrechen im Kontext gegenwärtiger bundesrepublikanischer Geschichtspolitik – Vortrag von Cornelia Siebeck (Bochum/Berlin) und Diskussion
