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Jüdische Museen und Erinnerungsorte in NRW – woher und wohin? Ein Vortrag im Jüdischen Museum Westfalen (Dorsten) von Dr. Norbert Reichling
Die Erinnerung an den Völkermord an den europäischen Juden und an die Gesamtheit jüdischen Lebens hat vielfache Ankerpunkte in unserem Bundesland gefunden – ehemalige Synagogen, Gedenkstätten und Museen. Seit den 1980er Jahren wurden – oft aus bürgerschaftlichem Impuls heraus –jüdischen Museen an vielen Orten in (West-) Deutschland aufgebaut. Das vor 20 Jahren eröffnete Dorstener Jüdische Museum Westfalen ist dafür ein typisches Beispiel; sein Leiter Norbert Reichling referierte dort Ende Juni über Vorgeschichte, Gegenwart und Aussichten solcher Lernorte.
Auch in dieser Hinsicht kann sich die „Erinnerungslandschaft“ Nordrhein-Westfalen sehen lassen, sind es doch inzwischen mehr als 15 Stätten in allen Regionen des Landes, die sich der jüdischen Geschichte und Gegenwart widmen und kontinuierlich Bildungsangebote machen.
Die bis zu den 1980er Jahren zaghaften Minderheiten-Versuche, jüdisches Leben und NS-Verbrechen durch Ausstellungen in der Erinnerung zu halten, spiegeln die langsamen Lernprozesse der Bundesrepublik
Viele der heutigen Gedenkorte wurden im Bewusstsein gegründet, dass aktives jüdisches Leben in den meisten Regionen bald zu Ende gehen würde: Jüdische Orte wie Synagogen, Mikwen und Friedhöfe wurden regelrecht wiederentdeckt. Die Programmatik und Praxis, die sie tragenden bürgerschaftlichen Motive und die Erwartungen an sie unterliegen aber nach 10, 20 oder mehr Jahren deutlichen Veränderungen, die hier an Beispielen skizziert wurden. Dabei standen beispielhaft einige neue oder jüngst umgestaltete Orte im Mittelpunkt – so das Haus der jüdischen Kultur in Essen, die Alte Synagoge Wuppertal, das LVR-Kulturhaus in Titz-Rödingen, das Forum Jacob Pins in Höxter und die jüdischen Bauten in Petershagen bei Frille.
Woran erinnern diese Orte heute? Ihr Selbstverständnis hat sich mit der jüdischen Zuwanderung und anderen veränderten Bedingungen stark verändert; ihr historisch-bildender Auftrag ist geschärft, seit mehr und lebendigere jüdische Gemeinden wieder Auskünfte zur Gegenwart geben können. Das Klima des „Nachrufs“ auf ein untergegangenes Judentum und die verbreitete Fixierung auf Juden als Opfer sind gewichen – in der politischen Rhetorik manchmal einem übertriebenen Triumphalismus, dass „wir“ wieder jüdisches Leben in Deutschland „haben“.
Die Erinnerungsorte zum Judentum verstehen sich bescheidener: Sie haben (noch?) keine neue Grunderzählung, sondern erzählen Geschichte über jüdische Vielfalt, über die Ambivalenzen von „Integration“ und Aufstieg, über Bürgerrechte und Migrationserfahrungen, multiple Identitäten und die nichtjüdischen Erwartungen an „Jüdisches“. Und gegen übertriebene Erwartungen an Sinngebung, „Läuterungspädagogik“ und „Instantbildung“ wehren sie sich gemeinsam mit den NS-Gedenkstätten; sie brauchen Zeit und andere Ressourcen wie jede Bildungs- und Kulturinstitution.
Ein Beitrag von Dr. Norbert Reichling, Leiter des Jüdischen Museums Westfalen in Dorsten.
