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Israelische Kolleginnen aus Yad Vashem zu Gast beim Arbeitskreis Nachdem Ende letzten Jahres eine Delegationsreise des Arbeitskreises nach Israel stattgefunden hatte, konnten die Kolleginnen Deborah Hartmann und Dr. Birte Hewera vom German Desk der International School for Holocaust Studies Yad Vashem nun in den Gedenkstätten in Münster, Wewelsburg, Dortmund, Wuppertal und Köln die wissenschaftliche und didaktische Arbeit mit Tätergeschichten kennenlernen.
Rahmen des Austauschs ist die gemeinsame Absichtserklärung des Landes NRW und Yad Vashem, die Zusammenarbeit systematisch zu verstärken. Neben dem Arbeitskreis der NS-Gedenkstätten und -Erinnerungsorte koordiniert die Landeszentrale für politische Bildung NRW die Kooperationen. Daniel Gollmann berichtet vom Austausch.
Rahmen des Austauschs ist die gemeinsame Absichtserklärung des Landes NRW und Yad Vashem, die Zusammenarbeit systematisch zu verstärken. Neben dem Arbeitskreis der NS-Gedenkstätten und -Erinnerungsorte koordiniert die Landeszentrale für politische Bildung NRW die Kooperationen. Daniel Gollmann berichtet vom Austausch.
Der Arbeitsbesuch begann am 10. April 2016 im Geschichtsort Villa ten Hompel in Münster. Nach der offiziellen Begrüßung durch Prof. Dr. Alfons Kenkmann, Vorsitzender des Arbeitskreises, Dr. Hans Wupper-Tewes, Landeszentrale für politische Bildung und Dr. Christoph Spieker, Leiter der Villa ten Hompel, führte der Weg zunächst in das Dokumentenarchiv, wo umfangreiches Quellenmaterial lagert, das für die Darstellung der Täterperspektive in den Materialien zu Bialystok interessant sein könnte: U.a. Materialien von und zu Ernst Woywod, einem Kriminalbeamten, der gegen Kollegen wegen begangener Verbrechen aus der NS-Zeit ermittelte und dafür als „Christenverfolger“ beschimpft wurde. Außerdem befinden sich dort die Akten des Verteidigers von Heinrich Schneider, neben Ernst Buchs der Hauptangeklagte im Wuppertaler Bialystok-Prozess, weitere Dokumente zu Heinrich Schneider, der einst auch Adjutant beim Befehlshaber der Ordnungspolizei in Münster war, sowie ein Interview mit dem vorsitzenden Richter im Bialystok-Prozess, Norbert Simgen. Zudem gibt es zahlreiche Quellen zu Heinrich Schneider und Rolf-Joachim Buchs, die sich als Täterbiographien in den Materialien anbieten würden. Dr. Christoph Spieker und Thomas Köhler von der Villa ten Hompel konnten schließlich auch noch mit weiteren Hinweisen auch auf wenig genutzte Quellen aufwarten.
Nach dem für die Vertreterinnen von Yad Vashem ergiebigen Blick in die Sammlung ging es in die Ausstellung, unter Schwerpunktsetzung auf die Darstellung des Täterhandelns unter besonderer Berücksichtigung des Polizeibataillons 309, das für das Massaker in Bialystok verantwortlich war. Angereichert wurde die Präsentation um Informationen zur Vermittlung der Thematik im Rahmender Aus- und Weiterbildung von Polizeibeamtinnen und -beamten. Im Gegenzug berichteten die Vertreterinnen von Yad Vashem vom aktuellen Entwicklungsstand ihrer Materialien. Auf dieser Grundlage entwickelte sich ein fachlicher Austausch zu Quellen und Methodik sowie Möglichkeitender Unterstützung. Zusammen mit Dr. Hans Wupper-Tewes von der Landeszentrale wurde die Möglichkeit entfaltet, dass im Rahmen kleiner Projekte bzw. im Auftrag der Landeszentrale Reiseneinzelner Vertreter von NRW-Gedenkstätten finanziert bzw. bereits geplante Reisen verlängert werden könnten, um Quellenmaterial zu überbringen und zu diskutieren.
Der Arbeitsbesuch wurde am 11. April in der Erinnerungs- und Gedenkstätte Wewelsburg 1933-1945 sowie der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache Dortmund fortgesetzt. In der Gedenkstätte Wewelsburg wurden Deborah Hartmann und Dr. Birte Hewera von Yad Vashem zunächst von Landrat Manfred Müller begrüßt. In seiner Ansprache wies er vor allem darauf hin, dass der internationale Austausch wichtig sei und zur Friedenssicherung die Werte Europas vermittelt und gelebt werden müssten. Insbesondere hierfür stehe auch die Arbeit der Gedenkstätte Wewelsburg. Die ebenfalls anwesende Ministerin für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen, Christina Kampmann, hob in ihrer Begrüßung ebenfalls die große Bedeutung eines internationalen Austausches und internationaler Zusammenarbeit hervor und zeigte sich von der Arbeit der nationalen Gedenkstätte Yad Vashem, die sie auf einer Israel-Reise kennenlernen durfte, beeindruckt.
Im Anschluss führte Kirsten John-Stucke, Leiterin des Kreismuseums Wewelsburg, durch die Ausstellung der Gedenkstätte. Dabei ging es vor allem um die Geschichte der Burg als Stätte der SS und die Frage, wie man als Gedenkstätte in Dauerausstellung und Vermittlung mit den vielen Hinterlassenschaften der SS sowie den in der rechten Szene mythisch aufgeladenen Räumen im Nordturm der Burganlage, der Gruft und dem Gruppenführerraum, umgeht. Sie stellte heraus, dass die Entscheidung, die NS-Devotionalien zu zeigen eine bewusste, aber auch nicht unumstrittene Entscheidung gewesen war. Ihre Wirkung wird gebrochen durch eine sterile, unpersönliche Präsentation in Vitrinen, die auf Licht und sonstige Inszenierungen verzichtet. Außerdem kommen die Täter nicht mit Original-Tönen vor. Ganz anders kommt die Präsentation der Häftlingsschicksale des der Burg für die einst geplanten umfangreichen Baumaßnahmen angegliederten KZ Niederhagen daher. Hier werden die Exponate weder steril noch gebrochen inszeniert und die Überlebenden kommen umfangreich zu Wort.
Das sich anschließende Gespräch konzentrierte sich vor allem auf die Geschichte des Gedenkens in Wewelsburg sowie die pädagogische Arbeit. Die Vertreterinnen vonYad Vashem zeigten sich von dem Ort und der Ausstellung beeindruckt und überlegen, im Jahr 2017 Partnertreffen in Wewelsburg zu veranstalten.
Die nächste Station war die Mahn- und Gedenkstätte Steinwache Dortmund. Hier führte Dr. Stefan Mühlhofer, Leiter der Einrichtung, durch die Ausstellung am historischen Ort, die im Kern auf die 1980er Jahre zurückgeht und nun grundlegend neu konzipiert wird. Für Informationen zu der in Planung befindlichen Neugestaltung standen auch die wissenschaftlichen Mitarbeiter Dr. Stefan Klemp und Markus Günnewig zur Verfügung. Insbesondere Dr. Stefan Klemp war hier mit seiner Expertise zur Geschichte der Polizei-Bataillone ein gefragter Gesprächspartner für Deborah Hartmann und Birte Hewera.
Durch die juristische Aufarbeitung der Verbrechen in Bialystok in den 1960er Jahren u.a. in Wuppertal liegt auch zum Umgang mit der NS-Zeit durch die Bundesrepublik Deutschland umfangreiches Material in NRW vor. Deswegen standen am selben Tag auch noch Besuche im Polizeipräsidium in Wuppertal sowie der Begegnungsstätte Alte Synagoge Wuppertal auf dem Programm. In ihrer Begrüßung stellte die Wuppertaler Polizeipräsidentin Brigitta Radermacher die bewegte Geschichte dieses Ortes vor, die auch ein Grund dafür war, warum sie sich als Behördenleiterin entschied, mit ihrem Präsidium an diesem Ort zu bleiben und das Gebäude umfänglich zu sanieren, anstatt einen Neubau zu beziehen.
Dr. Ulrike Schrader, Leiterin der Begegnungsstätte Alte Synagoge Wuppertal, gab einen kurzenÜberblick zur Zusammenarbeit zwischen der Alten Synagoge und dem Polizeipräsidium, die 1999 mitder Anbringung einer allgemein formulierten Gedenkstafel begann. Es folgte 2000 die Würdigung eines einzelnen Polizeibeamten, der eine Sinti-Familie vor der Deportation bewahrte. Seit 2004 gibt es auch eine Materialmappe für den schulischen Unterricht. Zudem finden regelmäßig Führungen durch das Präsidium statt. Bei alldem mussten verträgliche Formen der Vermittlung gefunden und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Polizeipräsidiums für die Historie des Ortes sensibilisiert und auf dem Weg zu dieser Art von Öffnung ihres Hauses „mitgenommen“ und immer wieder neu davon überzeugt werden. Michael Okroy zeichnete in seinem visualisierten Vortrag, ausgehend von der Architektur, die Geschichte des Hauses nach. Der Raum, in dem sich die kleine Reisegruppe versammelt und 1967/68 der Wuppertaler Bialystok-Prozess stattgefunden hatte, war ursprünglich ein Fest-, Vortrags- und Besprechungssaal gewesen. Er berichtete auch von Vernehmungsräumen der Gestapo sowie einzelnen Polizeibeamten, die sich während der NS-Diktatur unterschiedlich verhalten hatten. Nachder deutschen Niederlage war das Gebäude kurzzeitig ein Internierungscamp der Amerikaner gewesen, bevor es zum regionalen Hauptquartier der britischen Militärregierung wurde. Ab 1946 war hier auch ein lokaler Entnazifizierungsausschuss untergebracht. An der Person Friedrich Bosshammer, Judenreferent bei Eichmann, verdeutlichte Okroy das Procedere und Scheitern derEntnazifizierung. Über den Wuppertaler Bialystok-Prozess bot sich ein interessanter Blick auf die Befindlichkeiten der Nachkriegsgesellschaft und die Rechtsgeschichte der Bundesrepublik. Hierbei verwies Michael Okroy auch auf zahlreiche Quellen, die für Yad Vashem von Interesse sein könnten wie z.B. Vernehmungsprotokolle, die unterschiedliche Tätertypen offenbaren oder Materialien zu Netzwerken wie der Kameradenhilfe, deren Ziel es war, ehemalige Nationalsozialisten vor Strafverfolgung zu schützen. Außerdem verwies er auf Quellen zum Prozess selber sowie zur Polizeiarbeit, deren Ermittlungstätigkeit wegen ständig drohender Verjährungsfristen ein Lauf gegendie Zeit war.
An den Verbrechen in Bialystok war maßgeblich ein Polizeibataillon aus Köln beteiligt. Daher fand der Arbeitsbesuch in dem NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln am 12. April seinen Abschluss. Nach einer Führung durch die Ausstellung durch Dr. Werner Jung, Direktor des NS-Dokumentationszentrums, stand eine Arbeitssitzung unter der Moderation von Prof. Dr. Alfons Kenkmann auf dem Programm. Zunächst stellte Deborah Hartmann den Vermittlungsansatz von Yad Vashem und den aktuellen Entwicklungsstand der Materialien zu Bialystok vor. Ausgangspunkt für die Entwicklung der Materialien waren bisher ausschließlich Verfolgte, die überlebt hatten und Retter. Zentral waren dabei die persönlichen Geschichten, die eine Kontextualisierung erfuhren. Die Täter haben bisher eine nur marginale Rolle gespielt.
Multiperspektivität verlangt aber auch die Thematisierung der Täterschaft; diese ist in Yad Vashem nach wie vor umstritten. Ein erster Schritt in diese Richtung waren schwarze Kästen in der neu konzipierten Dauerausstellung, in denen Täterbiographien präsentiert werden. Anhand von Bialystok soll nun versucht werden, die synchroneund die diachrone Perspektive miteinander zu verbinden. Synchron werden die Ereignisse der Shoah präsentiert, diachron die jüdische Perspektive. Im Mittelpunkt des Interesses stehen Entscheidungs- und Handlungsprozesse. Die Lernenden sollen, so das Ziel, Handlungen innerhalb der gesetzten Rahmenbedingungen beurteilen, wobei die entscheidenden Kriterien der Handlungsspielraum und der Entscheidungsprozess sind. Die Materialien bestehen aus drei Teilen: dem jüdischen Leben vor 1941 – den Ereignissen vom 27. Juni 1941 – der Zeit danach, unter besonderer Berücksichtigung der juristischen Aufarbeitung der Ereignisse im Wuppertaler Prozess. Im ersten Teil sollen die Lernenden anhand eines Stadtplans das jüdische Leben verorten. Kern der Materialien zum zweiten Teil, den Ereignissen vom 27. Juni 1941, sind Personen- und Kontextkarten. Vorgestellt werden unterschiedliche Personengruppen (jüdische Einwohner – polnische, nichtjüdische Einwohner – Polizisten – Wehrmachtsoldaten) mit ihren Handlungsspielräumen. Gefragt wird vor allem nach den vollzogenen Handlungen und dem Kontext, in dem die Handlungen ausgeführt wurden. Auch für den dritten Teil werden Personenkarten entwickelt und Informationen zu den einzelnen Personen in der Nachkriegszeit zusammengestellt. Ziel der Vermittlung ist es, für individuelle Handlungsspielräume zu sensibilisieren, und zu verdeutlichen, dass Handlungen Auswirkungen haben und jeder Handelnde auch Verantwortung für sein Handeln trägt.
Im Anschluss wurde vor allem über Methodik und Vor- wie Nachteile einzelner Quellen, die sich für die Täterperspektive anbieten, diskutiert. Konsens in der Diskussion war am Ende, dass es hinsichtlich der Täter nicht um emotionale Empathie gehen dürfe, sondern um einen kognitiven Zugriff gehen müsse. Zu Beginn des zweiten Teils der Arbeitssitzung gab Dr. Thomas Roth, wissenschaftlicher Mitarbeiter im NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln, einen Überblick zur Polizeigeschichtsforschung mit Schwerpunkt auf den hauseigenen Forschungen, aus denen ein Buch, eine Ausstellung und didaktische Materialien hervorgingen. Besondere Berücksichtigung fanden die Quellenlage und Möglichkeiten der Vermittlung.
Perspektiven weiterer Zusammenarbeit
Am Ende des Arbeitsbesuchs wurde vereinbart, die Materialien zur Täterperspektive gemeinsam weiterzuentwickeln, indem Personenkarten von Tätern von Mitarbeitern der NRW-Gedenkstätten überarbeitet und erweitert sowie zusätzliche Materialien generiert und deren Verwendungsmöglichkeiten diskutiert werden. Dies kann durch einzelne Personen oder kleine Gruppen geschehen. Die Landeszentrale für politische Bildung hat sich bereit erklärt, diesen Prozess auch weiterhin zu unterstützen, indem Reisen einzelner Gedenkstättenmitarbeiter nach Israel oder die Verlängerung von ohnehin geplanten Israel-Reisen zu diesem Zweck kostenseitig – in Form von Kleinprojekten oder eines Auftrags – übernommen werden können. Perspektivisch wurde vereinbart, gemeinsam weitere „schwarze Kästen“ zur Stärkung der Täterperspektive in der Dauerausstellung in Yad Vashem sowie gemeinsame Materialien zu entwickeln. In diesem Zuge sollen dann auch methodische Fragen der Vermittlung vertieft diskutiert werden. Hierfür ist ein Symposion im Spätherbst 2016 geplant. Auch die schon im vergangenen Herbst in Israel formulierte Absicht, im Bereich der Datenbanken verstärkt zu kooperieren, wurde bekräftigt.
Bericht von Daniel Gollmann
