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"Etwa 85 v. H. besitzen eigene Häuschen" Zigeunerverfolgung in Wittgenstein

In der Frühen Neuzeit standen alle Menschen in Mitteleuropa, die nicht in Untertanenverbände eingegliedert waren, unter dem ordnungspolitischen, rechtlichen und gesellschaftlichen Verdikt, „herrenloses Volk“ zu sein. Die große Mehrheit der Juden („Betteljuden“), der Roma und ein nicht geringer Teil der Mehrheitsbevölkerung lebte zeitweise oder dauerhaft ein illegalisiertes Leben.

Roma-Familien oft westfranzösischer Herkunft kamen im 17. Jahrhundert vermehrt in die weitere Region an Lahn, Dill und Sieg. So auch in die beiden Wittgensteiner Grafschaften, wo ihnen in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Niederlassung ermöglicht wurde. Sie standen in einer engeren Beziehung zu den Landesherren als die meisten Untertanen. Es gab landesherrliche Patenschaften bei Taufen von Roma-Kindern. Roma arbeiteten für die Landesherrschaft im Schloss- und im Teichbau. Sie waren im Militär und im Polizeidienst tätig. Ein Rom war seit etwa Mitte des 18. Jahrhunderts in Wittgenstein-Hohenstein „Landesvisitator“, seine Assistenten kamen ebenfalls aus der Minderheit. Johann Ludwig Haßler war für die Sicherung der Grenzen gegen Übergriffe und Schmuggel und für sicherheits- und ordnungspolitische Aufgaben im Inneren zuständig. Ein Rom war um 1760 als Provos der Sicherheitsverantwortliche der wittgenstein-hohensteinischen Schlosskompanie. 1772 übertrug die Stadt Berleburg dem „gewesenen Zigeuner“ Johann Henrich Klein das Amt des Stadtwachtmeisters.

Die ökonomischen und rechtlichen Strukturveränderungen des 19. Jahrhunderts – ortsfeste Lohnarbeit und rechtliche Gleichheit – bewirkten die weitere Eingliederung der Minderheit. Von der ethnischen, sozialen und kulturellen Herkunftsidentität des 18. Jahrhunderts blieben unter den veränderten Bedingungen kaum mehr als einige kulturelle Reste, darunter das bis heute den älteren Berleburgern bekannte "Manisch", ein Mischidiom aus Romanes, Jenisch und dem lokalen Dialekt. Von einer separaten ethnischen Gruppe, wie sie Ethnonyme wie "Zigeuner" oder "Roma" unterstellen, lässt sich seither nicht mehr sprechen.

Historische Aufnahme der Teilnehmer eines Familienfests vor dem Haus von August Mettbach. Das Bild stammt aus den 1920er Jahren.

Teilnehmer eines Familienfests vor dem Haus von August Mettbach (dieser ganz links). Bild aus den 1920er Jahren.

1926 beantwortete der Landrat des Kreises Wittgenstein eine Umfrage der Zigeunerpolizeistelle München als reichszentraler Anlauf- und Koordinationsstelle "zur Bekämpfung der Zigeunerplage": "Etwa 85 v. H. besitzen eigene einfache Häuschen. Die männlichen Bewohner sind in der Mehrzahl Tagelöhner und arbeiten als Land- und Waldarbeiter in fürstlichen Betrieben, ein anderer Teil sucht in der Industrie als Arbeiter sein Auskommen. Nur ein geringer Teil unter ihnen geht dem Hausierhandel nach. ... Der Schulpflicht kommen sie nach." Und ein Heimatautor empfahl, "man sollte endlich einmal mit den ironisch-unwahren Zigeunermären aufräumen und den Menschen das Maß an Gerechtigkeit widerfahren lassen, was man billig von einem gesitteten Menschen erwarten darf."

Farbiger Notgeldschein über "1 Mark" für die Einwohner der "Zigeunerkolonie" der Stadt Berleburg aus dem Jahr 1921. Abgebildet ist eine Zeichnung der Kolonie.

Beispiel für die Ausgrenzung der so genannten Zigeuner: Notgeld für die Einwohner der "Zigeunerkolonie" der Stadt Berleburg aus dem Jahr 1921.

Dieser Vorschlag war nicht zuletzt an die Mitbürger aus der Mehrheitsbevölkerung gerichtet, denn dort galten ganz unbeeindruckt vom Gang der Dinge die hartnäckig so genannten Zigeuner als Menschen zweiter Klasse. Die Bewohner der "Kolonien" blieben der Mehrheitsbevölkerung fremd, und das gleich mehrfach:

  • als soziale Fremdlinge, da sie aus der migrierenden Armut kamen und durchweg arm blieben
  • als konfessionelle Fremdlinge, die als Katholiken einer reformiert-protestantischen Umgebungsgesellschaft gegenüberstanden
  • als „fremdrassige Zigeuner“ und damit als kollektive Träger invarianter schädlicher Eigenschaften
  • seit den 1920er Jahren auch als politische Fremdlinge und Schädlinge, da die kleine Wittgensteiner KPD auf dem „Zigeunerberg“ ihren einzigen und dazu starken Stützpunkt in einer zunächst deutsch-nationalen und bereits früh sich nationalsozialistisch orientierenden Umgebungsgesellschaft hatte.

Mit der Machtübergabe an die Nationalsozialisten endeten alle positiven Ansätze einer allmählichen Veränderung abrupt. Der bis dahin informelle gesellschaftliche Ausschluss wurde nun in jede Richtung ausgeweitet und rechtlich fixiert. In Stadt und Amt Berleburg als den Hauptwohnorten der Minderheit setzte ein Kesseltreiben gegen die Bewohner der "Kolonien" ein. Ein Netzwerk von Gegnern war dabei von Anfang an bestrebt, über die zunächst auch unter NS-Bedingungen noch gegebenen rechtlichen Grenzen weit hinauszugehen. An ihrer Spitze standen die Stadt- und Kreisbehörden. Zahlreiche Institutionen und Personen arbeiteten ihnen zu.

Berleburg kann insofern als exemplarischer Fall einer Radikalisierung von unten gelten, zu der früh schon explizit auch eliminatorische Ausschlusspläne gehörten.   Den Höhepunkt von Ausgrenzung und Verfolgung bildete die Deportation von 134 als "Zigeuner" kategorisierten Berleburgern, etwa die Hälfte Kinder, am 9. März 1943 in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Neun von ihnen überlebten. Das Eigentum der Deportierten wurde wie bei der jüdischen Minderheit anschließend unter der Mehrheitsbevölkerung verteilt.

1948/49 kam es zu einem Prozess gegen Verantwortliche der Deportation. Er endete mit milden Urteilen. Eine mehrheitsgesellschaftliche Solidaritätsbewegung getragen von Gesangvereinen über die evangelische Kirchengemeinde bis zu Abgeordneten politischer Parteien hatte Freispruch wegen Unschuld gefordert. Es ist der einzige deutsche Prozess gegen lokale Deportationsverantwortliche gewesen. Es war einer von insgesamt zwei deutschen Prozessen zur nationalsozialistischen Zigeunerverfolgung, die mit Verurteilungen endeten. Der Angeklagte im zweiten Verfahren – Jahrzehnte später – war als SS-Angehöriger in Auschwitz eingesetzt gewesen. Er hatte sich dann später unbehelligt in Berleburg niedergelassen. Dort kannte man seine Vergangenheit, nicht zuletzt durch Berleburger Auschwitz-Überlebende.  

Die traumatischen Folgen der Deportation sind in den betroffenen Familien bis heute wirksam und spürbar. Nach wie vor gibt es die Erfahrung gesellschaftlicher Exklusion und die Angst davor.  

Text aus: Ulrich Friedrich Opfermann, "Endlich einmal mit den ironisch-unwahren Zigeuner­mären aufräumen", in: in: Riedesel, Rikarde/Johannes Burkardt/Ulf Lückel (Hrsg.), Bad Berleburg – Die Stadtgeschichte, Bad Berleburg 2009, S. 247-248.