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Zwischen Barmen, von Galen und Gottvertrauen: Christen in der Zeit der Diktatur Frauenhilfe der Trinitatiskirche nahm bei einem Besuch der Villa ten Hompel die NS-Geschichte in den Blick

Verfasst am 24. September 2009

Einen engagierten Einblick in die wissenschaftliche Forschung am Geschichtsort Villa ten Hompel der Stadt Münster nahm jetzt die Evangelische Frauenhilfe der Trinitatiskirche in der Thomasgemeinde um Ingrid Barwisch und Marie-Luise Fuchs. Die Damen besuchten nicht nur das sehenswerte historische Gebäude aus dem Jahre 1928, das den Namen einer einst recht wohlhabenden katholischen Fabrikantenfamilie trägt, sondern kamen vor Ort auch intensiv ins Gespräch über die Rolle der beiden großen christlichen Kirchen in der Phase der NS-Diktatur in Deutschland. Während des Zweiten Weltkriegs war die Villa ten Hompel Sitz von Schreibtischtätern aus den Reihen der Ordnungspolizei, ab 1954 dann des „Dezernats für Wiedergutmachung“ innerhalb des Regierungspräsidiums Münster.

Wie tief zwischen 1933 und 1945 die Gräben zwischen „Kreuz und Hakenkreuz“ gewesen seien, lasse sich im Blick auf beide großen Konfessionen untersuchen – zum Beispiel anhand des offenen Potestes gegen den Kranken- und Behindertenmord, für den im Bistum Münster der spätere Kardinal Clemens August Graf von Galen, im süddeutschen Raum zudem der evangelische Landesbischof von Württemberg, Theophil Wurm, stehe. Das unterstrichen Stefan Querl, Philipp Erdmann und Lena Bethmann vom Team des Geschichtsortes, die auch Führungen in kleinen Gruppen anboten. Zu den brisanten Befunden und bitteren Erkenntnissen der neuesten Zeit- und Kirchengeschichte gehöre aber auch die Tatsache, dass das so genannte „Dritte Reich“ über weite Strecken und leider bis in viele lokale und familiäre Ebenen hinein eine „Zustimmungsdiktatur“ gewesen sei, dieses mindestens bis zu Beginn des Zweiten Weltkriegs. Umso wichtiger sei es, heute Dokumente der Resistenz, etwa die Barmer Erklärung oder auch die Werke Bonhoeffers zu würdigen, forderte Querl, der beeindruckt auch an das Gottvertrauen vieler jüdischer sowie christlicher KZ-Häftlinge erinnerte. Dass es ein evangelischer Pfarrer wie Paul Schneider gewagt habe, sogar im Lager Buchenwald zu predigen, sei Zeugnis der Selbstbehauptung und eine Ermutigung für Entrechtete. Es habe einige Zeit gebraucht, bis Schneiders Vermächtnis von den Landeskirchen in Rheinland und Westfalen in den Mittelpunkt ihres Erinnerns und Bekennens gerückt worden sei, meinte er in seiner Analyse der Stellungnahmen und Gedenkfeiern im Hunsrück zu Schneiders 70. Todestag im Juli. Als Mitglied der Bekennenden Kirche war der Seelsorger nach Einzelhaft und Folter vermutlich durch eine Überdosis Herzmedikamente in Buchenwald ermordet worden.

Einen hohen Stellenwert hatte der Besuch der Frauenhilfe in der Villa ten Hompel auch vor dem Hintergrund der Zeitzeugenschaft einiger Teilnehmerinnen, die eigene Erlebnisse und Beobachtungen aus der Not- und Nachkriegszeit beisteuern konnten. So entspann sich an dem Nachmittag ein offener und generationsübergreifender Dialog. „Viele Fragen des Gedenkens und Erinnerns bewegen und berühren uns persönlich sehr tief“, hob ausdrücklich Ingrid Barwisch in ihren Dankesworten an das Team hervor.

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