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Riesige Resonanz im Hauptbahnhof: Münster pocht auf ein Erinnern an NS-Verbrechen und an die Deportierten Ausstellung "Sonderzüge in den Tod" im Beisein von Überlebenden des Holocaust eröffnet - Begleitprogramm mit Kultur-, Vortrags- und Gedenkveranstaltungen bis Mitte Juni

Verfasst am 24. Mai 2008

Knapp 110 Meter misst der Gepäcktunnel im Hauptbahnhof Münster - und zeitweise war dort am Sonntag, 18. Mai, kaum ein Durchkommen möglich, als die Geschichtsausstellung "Sonderzüge in den Tod. Die Deportationen mit der Deutschen Reichsbahn" offiziell eröffnet wurde.

Riesig war die Resonanz, stille und konzentrierte Menschentrauben bildeten sich vor den Bild- und Texttafeln und vor den historischen Objekten und Karten, die bis Sonntag, 15. Juni, im Hauptbahnhof ausgestellt bleiben, um an das Schicksal von Deportierten und Verfolgten im Nationalsozialismus zu erinnern.

Im Vorfeld der Ausstellungsplanung war um die Verantwortung des heutigen Verkehrsunternehmens Deutsche Bahn AG und um die Rolle der Reichsbahn bei der Verfolgung und Vernichtung europäischer Juden und weiterer Opfer der braunen Gewaltherrschaft hart gerungen worden - so u.a. auf Druck von Beate und Serge Klarsfeld, die schließlich mit politischer Unterstützung die Deutsche Bahn AG von der Wichtigkeit einer konzerneigenen Aufarbeitung überzeugen und dafür wertvolle Quellen ausfindig machen, veröffentlichen und beisteuern konnten.

Beate Klarsfeld war am Sonntagmorgen extra aus Frankreich zur Ausstellungseröffnung nach Münster gereist, wie nicht nur die Historikerin Dr. Susanne Kill, Leiterin Konzerngeschichte DB AG und treibende Kraft im Ausstellungsteam, dankbar gegenüber dem Gastgeber vor Ort, Oberbürgermeister Dr. Berthold Tillmann, und vor Vertretern aus Politik, Bürgerschaft, Stadtverwaltung und Geschichtsinitiativen unterstrich. Münster ist die fünfte und zugleich erste nordrhein-westfälische Station der Wanderausstellung "Sonderzüge in den Tod", die am 23. Januar in Berlin der Öffentlichkeit vorgestellt worden war.

Ergänzt wird die Schau der Deutschen Bahn AG in Münster durch eine sehr sehenswerte regionale Ausstellungserweiterung, die ein Initiativkreis um Christoph Spieker (Geschichtsort Villa ten Hompel der Stadt Münster), Andreas Determann (Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Münster) und Matthias M. Ester (Wolfgang Suwelack-Stiftung Billerbeck) vorbereitet und ermöglicht hat. Lange bekannte und völlig neu erschlossene Quellen wurden gesichtet, Überlebende befragt und Spenden und Fördermittel für die Bildungsarbeit eingeworben. Mit Hilfe renommierter Designer um Prof. Norbert Nowotsch (FH Münster) und Manfred Hendricks (SNT Media Concept GmbH aus Münster) wurden die Orte und Dokumente der Verfolgung sowie der Täter- und Zeugenschaft auf besondere Weise zugänglich gemacht. Weitere inhaltliche Impulse für eine intensivere historische Auseinandersetzung mit den Deportationen, die in Westfalen im Winter 1941 begonnen worden waren, kamen aus Bocholt, Steinfurt, Warendorf, Billerbeck und Coesfeld, die wie Münster als Kommunen Mitglieder im Deutschen Riga-Komitee sind und sich für eine rege Erinnerungskultur in Deutschland, Europa und besonders im Baltikum stark machen. Bis heute sind längst nicht alle Verfolgtenschicksale wirklich bekannt oder umfassend aufgeklärt. Oft verlieren sich die Spuren der verschleppten Menschen aus dem Münsterland in den Ghettos, Arbeits-, Konzentrations- und Vernichtungslagern Osteuropas, die die NS-Besatzungsmacht und Kollaborateure in den okkupierten Gebieten errichteten. Heikel ist bis heute auch die Frage nach dem zurückgelassenen oder beschlagnahmten Eigentum, das im Rahmen so genannter "Arisierungen" plötzlich seine Besitzer wechselte.

Etliche Ideen für eine angemessene Erinnerung an die Beraubten, Verschleppten und Ermordeten setzte der Initiativkreis mit einem enormen Aufgebot ehrenamtlicher Unterstützer und Studierender um. Viele der Beteiligten werden auch in den nächsten Wochen noch etliche Stunden in dem Bahnhofstunnel ohne Tageslicht verbringen, um Aufsicht zu führen oder Gruppen durch die Ausstellungsbereiche zu begleiten. Die Liste der an einem Rundgang interessierten Schulen ist lang, das Angebot an Kultur-, Vortrags- und Gedenkveranstaltungen vielfältig.

Unter die Haut gingen den Gästen am Eröffnungstag jedoch nicht nur die großformatigen Bilder und die Berichte zum grausamen, manchmal auch entsetzlich "geräuschlosen" Deportationsgeschehen. Es waren vor allem die Schilderungen von Überlebenden des Holocaust, die zum Innehalten, Zuhören und Nachdenken veranlassten. Drei Ehrengäste jüdischen Glaubens nahmen auf Einladung der Stadt Münster und weiterer Partner, darunter die Wolfgang-Suwelack-Stiftung, an der Ausstellungseröffnung teil: Prof. Dr. Gertrude Schneider aus New York sowie Marga Spiegel und Marion Zambrano aus Münster. Auf völlig unterschiedliche Weise haben sich die Damen in ihrem Umfeld stets dafür eingesetzt, dass die menschenverachtende Diktatur zwischen 1933 und 1945 in Deutschland nicht dem Vergessen oder Beschweigen anheim fällt. Auch jetzt blicken die Zeitzeuginnen und das Ausstellungsteam gedanklich bereits weit nach vorn und planen Gedenkinitiativen über das Ausstellungsende in Münster hinaus.

Jährt sich doch 2008 zum 70. Mal die Phase der brutal inszenierten Ausschreitungen im November 1938, die das NS-Regime in widerlicher Verdrehung als "Kristallnacht" propagierte. Innovative Lern- und Geschichtsprojekte, die sich mit diesen Pogromen im Münsterland und der auf sie folgenden weiteren Entrechtung der jüdischen Bevölkerung auseinandersetzen, sind in Vorbereitung - und werden bewusst an das, was im Bahnhof anschaulich gezeigt wird, anknüpfen.

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