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Grundschüler lernen Zeitgeschichte und Zivilcourage Wenn Kinder die Deportationsausstellung im Bahnhof oder die Villa ten Hompel besuchen, bleiben grausame Details zum Verfolgungsgeschehen völlig außen vor

Verfasst am 20. Mai 2008

Mutig den Mund aufmachen, wenn Menschen Unrecht geschieht, wenn Schwächere, Andersdenkende oder Minderheiten ausgegrenzt werden - wie wichtig das im Zusammenleben heute ist, machen sich vor historischem Hintergrund auch Grundschüler in Münster aktuell klar. Zum Beispiel in der Villa ten Hompel und im Hauptbahnhof Münster. Dort ist seit Sonntag - wie berichtet - die Ausstellung "Sonderzüge in den Tod. Die Deportationen mit der Deutschen Reichsbahn" samt Dokumentation des Geschehens im Münsterland zu sehen. Wobei diese Ereignisse unter dem Hakenkreuz in den vierten Jahrgangsstufen nur mit äußerster Zurückhaltung thematisiert werden. So haben Silvia Vogel-Schulte (2.v.r. auf dem Foto mit ihrer 4. Klasse) und Veronika Wagner, beide Klassenlehrerinnen an der Martinischule, wie auch ihre Kolleginnen Elke Lutter und Karin Schulte mit ihren Klassen an der Bodelschwinghschule die jeweiligen Begegnungen mit der Villa ten Hompel sorgsam und sehr sensibel im Unterricht vorbereitet. Die Grundschulen beider Konfessionen engagieren sich dafür, dass Kinder das kulturelle Leben in der Stadt als "Kulturstrolche" entdecken und planen stets inhaltliche Zugänge zum Archiv in Coerde, zum Stadtmuseum und eben auch zum städtischen Geschichtsort am Kaiser-Wilhelm-Ring mit in ihr Lernpensum ein.

Die 4c an der Matthias-Claudius-Gemeinschaftsgrundschule mit Klassenlehrer Philipp Witte, mit Karl-Heinz Winter und weiteren Helfern im Hintergrund setzte ihren Themenschwerpunkt besonders im Bereich der Deportationsausstellung. Die Klasse nahm jetzt den Gepäcktunnel des Bahnhofs in Augenschein, in dem die Ausstellung zum Verfolgungsschicksal der westfälischen Juden ab 1941 zu sehen ist - dieses jedoch ebenfalls nur nach intensiver Vorarbeit in der Villa ten Hompel. Kay Zentgraf, Marta Bobowski, Karin Berz und Stefan Querl aus dem Team des Hauses gestalteten die Begegnungen, denn für das Grundschulalter wird bewusst ein grundlegend anderer Programmzuschnitt angeboten als für ältere Klassen oder für Oberstufenkurse. "Es wäre pädagogisch ja auch fragwürdig und unserer Meinung nach sogar völlig verkehrt bis kontraproduktiv, Kindern zu früh Quellen zuzumuten, die Ängste schüren oder Grausamkeiten der NS-Zeit drastisch dokumentieren", betont Stefan Querl, der die Vorabsprachen mit den begleitenden Lehrerinnen und Lehrern führte. Es gehe vielmehr um altersgerechte Zugänge, um zeitgeschichtliches Bewusstsein und um Zivilcourage, die sich tatsächlich früh trainieren lasse. So haben übrigens auch alle Mütter und Väter, die diese Projekte engagiert begleiteten, angekündigt, mit ihren Töchtern und Söhnen vor dem anstehenden Wechsel in die weiterführenden Schulen inhaltlich am Ball zu bleiben. "Das ist kein Unterrichtsstoff wie jeder andere", waren sich die Beteiligten einig. Schulen, Elternhäuser wie auch Gedenkorte müssten vernetzt denken und handeln.

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