Inhalt

Gratwanderung zwischen Geschichte und Gegenwart Die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und die Suwelack-Stiftung organisierten eine historisch besonders herausfordernde Begegnung mit dem Baltikum. So ist der Ort des ehem. Ghettos Riga heute sozialer Brennpunkt. Wie dort erinnern?

Verfasst am 10. Oktober 2007

Das Bild, das sich den 20 Teilnehmern einer Studienreise aus Münster und dem Münsterland in der "Moskauer Vorstadt" von Riga bot, beunruhigte und beschämte zugleich: Völlig verwahrlost und verkommen sind viele der Straßenzüge. Der Zahn der Zeit nagt an den grauen Mietskasernen, die wenig mit dem prächtigen Jugendstil und der weitgehend aufwendig rekonstruierten Altstadt von Riga gemein haben. Die Menschen, die heute in der "Moskauer Vorstadt" leben, sind sozial benachteiligt, haben historisch keinerlei Bezug zu dem, was den Ort zu einem brisanten Brennpunkt gesamteuropäischer Geschichte und Gegenwart macht. Ein regelrechtes Armuts- und Elendsquartier erstreckt sich in genau dem Bereich von Riga, den Hitlers Besatzungsmacht nach ihrem Einmarsch 1941 ins Baltikum zum "Judenghetto" erklärt hatte.

Tausende, jüdische Bürger aus der lettischen Hauptstadt und der Ostseeregion, aber auch so genannte "Reichsjuden" aus Westfalen und vielen Gebieten Deutschlands, ließ das NS-Regime im Winter 1941/42 in die "Moskauer Vorstadt" verschleppen. Darunter befanden sich mehrere hundert Menschen aus Münster und den heutigen Kreisgebieten von Coesfeld, Warendorf und Steinfurt, die zumeist später in den Stadtwäldern von Riga Opfer von Massenerschießungen wurden. Vor allem an ihr Schicksal erinnerte die Exkursion der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Münster und der Suwelack-Stiftung Billerbeck ins Baltikum - bewusst allerdings mit einer deutlich erweiterten Perspektive und Fragestellung zum Gedenken und Erinnern in europäischer Dimension.

Interessiert nahm der Kreis der Teilnehmenden, dem auch Bundestagsabgeordneter Winfried Nachtwei sowie Stiftungsgründer Wolfgang Suwelack angehörten, Geschichte und Gegenwart gleichermaßen intensiv in den Blick. Besucht wurden KZ-Gedenkstätten und Tatorte der NS-Zeit in Rigas Umgebung, aber auch Friedhöfe, die unterschiedliche, gar widersprüchliche Gedenkkulturen symbolisieren. Andreas Determann, Geschäftsführer der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Münster, und Matthias M. Ester, Vorstandsmitglied der Suwelack-Stiftung, leiteten die Exkursion. Sie führten kompetent und engagiert durch das Programm, das oft auch Gratwanderungen mit sich brachte und die Gruppe positiv herausforderte im Umgang mit den komplizierten historisch-politischen Zeit- und Streitfragen.

Gerade jetzt nach der friedlichen Revolution ballen sich im Baltikum die sozialen und erinnerungspolitischen Konflikte zwischen Gruppen verschiedener Herkunft, Religion, Weltanschauung und Kultur, was auch daran liegt, dass gerade Lettland sowohl unter "brauner" wie auch "roter" Fremdherrschaft massiv gelitten hatte. Ein Besuch des Okkupationsmuseums, das NS- und Sowjet-Terror aus lettischer Sicht thematisiert, führte dies der Reisegruppe deutlich vor Augen.

Den tiefsten und lebhaftesten Eindruck allerdings boten die Diskussionsrunden mit Gesprächspartnern vor Ort, etwa den Holocaust-Überlebenden Margers Vestermanis, Gründer des Jüdischen Museums in Riga, und Alexander Bergmann, der weit mehr ist als ein Zeitzeuge. Unermüdlich organisiert der promovierte Jurist seit Jahrzehnten Hilfe zur Selbsthilfe für andere ehemals Verfolgte. Er verhandelt mit Regierungen in aller Welt, pocht auf Entschädigung. Und er strahlt, wenn er Gäste aus Westfalen trifft, denn nachhaltige Unterstützung erfahren die jüdischen Überlebenden in Lettland bis heute aus Münster und Billerbeck. "Dass an einem Platz in Riga die Spuren der zerstörten Synagoge wieder sichtbar gemacht und Gedenktafeln angebracht wurden, haben unter anderem viele Menschen in Münster gefordert und ermöglicht", erinnert auch Bergmanns Duzfreund Winfried Nachtwei als einer der seiner Zeit Beteiligten dankbar. „Weil die Medien in Münster breit berichteten und auch dort Öffentlichkeit schufen, damit die Verbrechen und ihre Opfer nicht vergessen werden."

Ähnliche Impulse müsse es jetzt auch für die "Moskauer Vorstadt" in Riga geben - im Dialog zwischen Juden, Christen, Letten und Deutschen, vor allem aber auch mit den Menschen, die dort in dem Viertel wohnen. Eine solche Idee brauche hohe Sensibilität und starke Fürsprecher, betonen auch Matthias M. Ester und Andreas Determann, die dafür mit vielen anderen Kooperationspartnern bereits im engen Austausch stehen, beispielsweise mit dem Riga-Komitee deutscher Städte, dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge und dem Geschichsort Villa ten Hompel der Stadt Münster.

zurück