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Den Opfern rechter Gewalt Kraft geben, „die Debatte über Rassismus neu aufrollen“ Ibrahim Arslan hat den Anschlag von Mölln 1992 als Kind überlebt. Ein Zeitzeugen-Gespräch mit Bundesfreiwilligen und ihm in Münster zog jetzt positiv Kreise und regte zum Nachdenken an: Zuhören ist sehr wichtig und auch ein Zeichen gegen den Hass.

Verfasst am 09. April 2021

In dem Online-Seminar hat Ibrahim Arslan von dem Anschlag auf das Wohnhaus seiner Familie in Mölln 1992 berichtet. Bewusst stellte Ibrahim den Anschlag nicht als Einzelfall dar, sondern machte deutlich, dass es sich um eine Reihe an rassistisch motivierten Anschlägen gegen Personen in der Bundesrepublik ab der Mitte der 1980er Jahre handelt. Er hat uns berichtet, wie er sich mit anderen betroffenen Menschen vernetzt, die mitunter sehr ähnliche Erfahrungen gemacht haben, wie Medien, Verwaltungen und Ermittlungsbehörden mit diesen rassistisch motivierten Anschlägen und den Betroffenen umgingen.

Teamer Lukas Alex interviewte die Seminar-Teilnehmerinnen Hannah Rex (Bundesfreiwilligendienst Theater Münster) und Corinna Koselleck (FsJ Kultur Villa ten Hompel) zu ihren Eindrücken.

Lukas: Inwieweit hat Dich das Gespräch mit Ibrahim nachhaltig beeindruckt?

Hannah: Mir ist vor allem seine beeindruckende Erzählweise im Kopf geblieben. Er konnte so souverän von diesen schrecklichen Ereignissen erzählen. Natürlich ist das, was er erlebt hat, lange her, aber ich kann mir gut vorstellen, dass es auch diese Zeit gebraucht hat, mit dem Erlebten umzugehen und uns darüber zu berichten.

Ich fand es spannend, wie er vor allem Fakten aufgezählt hat und diese dann für sich sprachen. Durch die Berichterstattung kommen die Gefühle dazu nicht auf, sondern Anschläge werden versachlicht und kleingeredet. Mich hat da beeindruckt, dass Ibrahim dasselbe Thema angesprochen hat und uns doch viel mehr mitnehmen konnte als andere Medien.

Corinna: Bereits während, aber auch nach dem Seminar habe ich gemerkt, wie unangenehm es mir war, so wenig über die rassistisch motivierten Anschläge in Deutschland zu wissen. Ich kannte bisher die jüngsten, also vor allem den NSU-Komplex und das Hanau-Attentat. Ibrahim hat von einer ganzen Reihe von Gewalttaten berichtet, die bereits davor stattgefunden haben, das war mir gar nicht bewusst. Mir wurde schnell klar, dass sich da etwas ändern muss. Natürlich liegt es auch an mir, mich zu informieren, aber gleichzeitig denke ich, dass das Erinnern und Wissen über diese Anschläge im Geschichts- oder Politikunterricht thematisiert werden sollte.

Lukas: Beurteilst du die gesellschaftliche Verantwortung im Umgang mit diesen Anschlägen jetzt anders?

Hannah: Ich war immer schon der Meinung, dass man als eine geschlossene Gesellschaft stark gegen Rassismus und rassistische Anschläge vorgehen muss. Es sollte kein Thema der betroffenen Minderheiten sein, denn es betrifft alle und wir müssen zusammen dagegen kämpfen. Die Verantwortung, diese Ungerechtigkeit zu beheben, liegt bei uns allen. Die Bereitschaft, Empathie und Mitgefühl aufzubringen, ist da ein wichtiger Aspekt, der zu schnell verloren geht, wenn man nicht richtig über schlimme Ereignisse wie diese Anschläge berichtet.

Ich finde auch, dass man die Debatte um Rassismus neu aufrollen muss. Rassismus wird häufig, aber gleichzeitig so unkonkret thematisiert, dass die Gefahr besteht, bei vielen Überdruss zu erzeugen. „Ach, die reden schon wieder über Rassismus, dann schalte ich jetzt den Fernseher aus.“ Man muss die Debatten offen und interessant gestalten, die Menschen direkt ansprechen und vor allem Betroffene einbeziehen. Nur Außenstehende darüber berichten zu lassen, ist der größte Fehler dabei.

Corinna: Schon vor dem Seminar ist mir zum Beispiel durch #saytheirnames im Zusammenhang mit dem Jahrestag von Hanau klargeworden, dass bereits ein kleiner Teil getan ist, die Namen der Opfer zu kennen und zu sagen. Diese gesellschaftliche Verantwortung ist mir in der letzten Zeit immer stärker bewusstgeworden. Durch das Seminar mit Ibrahim erkannte ich, wie viele Teile der Gesellschaft ihn und die anderen Betroffenen nicht wirklich anerkannt und wertgeschätzt haben. Die Betroffenen nach einem solchen Anschlag müssen gehört werden, teilhaben und mitentscheiden dürfen. Das hat in seinem Fall von allen Seiten nicht funktioniert.

Lukas: In wieweit hat der Dialog mit Ibrahim Dein Nachdenken über den Begriff „Opfer“ verändert?

Hannah: Den Begriff habe ich schon länger in der Art gesehen, wie Ibrahim Arslan ihn verkörpert. Opfer sind nicht immer schwach, sondern sie sind stark. Ganz besonders, wenn sie ihre Stimme erheben. Was sich mir in dem Vortrag und dem Gespräch mit Ibrahim neu eröffnet hat, ist wie lange man auch noch nach einem Anschlag zu Opfern gemacht wird. Auch nach dem Anschlag wurden Ibrahim und wahrscheinlich vielen anderen Betroffenen Hindernisse in den Weg gelegt von beispielsweise Gesellschaft, Medien und Verwaltung. Das zu hören hat mich sehr aufgeregt, weil der Betroffene aus dieser Rolle dann gar nicht mehr wegkommt. Viele können das nicht sehen und sagen: „Die heulen nur rum“. Wie viel verharmlost wird, das ist mir durch das Gespräch noch viel bewusster geworden.

Corinna: Das hat sich sehr verändert. Da ich mich selbst nicht als „Opfer“ beschreiben kann, habe ich mich noch nicht tiefergehend mit dem Begriff beschäftigt. Ich kann mich beispielsweise daran erinnern, dass wir bei uns auf dem Schulhof „Du Opfer!“ sehr häufig als Beleidigung verwendet haben. Als Schülerin habe ich mich schon bei einem Seminar in der Villa ten Hompel mit den Beleidigungen, die wir benutzen, konfrontiert, nach dem Zeitzeugengespräch mit Ibrahim ist mir aber nochmal stärker hängen geblieben, wie sehr dieser Begriff fälschlicherweise mit „Schwäche“ assoziiert wird. Dabei sieht man zum Beispiel an den Rettungsversuchen von Ibrahims Familie in der Brandnacht, dass diese „Opfer“ nicht schwach sind.

Besonders schlimm finde ich, was auch Hannah bereits gesagt hat, dass man nicht nur in dem Moment des Geschehens das „Opfer“ ist, sondern man danach noch so lange mit dem Begriff identifiziert wird, der häufig synonym zu „schwach“ gebraucht wird. Also müssen wir ihn umdeuten oder andere Wörter benutzen.

Lukas: Wie könntest du persönlich gegen diesen Rassismus aktiv werden?

Hannah: Ich finde es besonders wichtig, zuallererst bei sich selber anzufangen. Selbst wenn ich der Meinung bin, ich hätte keinen Rassismus in mir und denke nicht rassistisch, ist das oft dann leider doch nicht der Fall. Wir sind alle aufgewachsen mit Rassismen und rassistischem Gedankengut. Deswegen ist es meist ein langer Weg, sich davon loszumachen und sich klarzumachen, was man für eigene Vorurteile dann doch noch unterschwellig in sich trägt und wie sie das eigene Verhalten beeinflussen. Jeder Einzelne muss sich einfach erstmal intensiv mit sich selbst auseinandersetzen und sich selbst hinterfragen, sich ehrlich und wahrhaftig aktiv von Rassismus distanzieren und so einen Grundstein zur Änderung legen.

Außerdem ist es wichtig, mit Betroffenen zu reden und vor allem zuzuhören. Wenn ich mich mit meiner besten Freundin unterhalte, die so wie ich nicht von Rassismus betroffen ist, dann kann uns das nicht so weit bringen. Einer betroffenen Person so zuzuhören und mit ihr ins Gespräch zu kommen im Seminar hat mir klargemacht, wie viel es gibt, das man als nicht betroffene Person nicht weiß. Man sollte solche Begegnungen und was man daraus mitgenommen hat, überall da hinbringen, wo man sich selbst einbringen kann. Also klein angefangen in die Familie und dann z.B., wenn man politisch interessiert ist, in die Politik. Oder ich, mit Theaterbezug, möchte versuchen, mitzuhelfen die Aufmerksamkeit für Rassismus in die Kultur zu bringen.

Corinna: Da kann ich Hannah nur zustimmen. Es ist notwendig, sich mit sich selbst zu beschäftigen und den Betroffenen zuzuhören. Man muss seine eigenen Haltungen und deren rassistischen und kolonialen Wurzeln hinterfragen und dagegenwirken. Darüber hinaus kann man sich aktiv über Rassismus und rassistische Taten informieren, sodass man nicht betroffene Bekannte in einer „Aufklär-Rolle“ lässt. Man sollte aktiv Angebote annehmen, in der Schule oder an anderen Orten, um gegen Rassismus vorzugehen. Dabei ist es daneben auch wichtig, den Betroffenen sprechen zu lassen.

Weitere Informationen über Ibrahim Arslan und sein Engagement gegen Rassismus finden Sie auch hier.

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