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Juden in Düsseldorf Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf

Die Düsseldorfer Jüdische Gemeinde - eine typische deutsch-jüdische Gemeinschaft in der Großstadt - übte eine starke Anziehungskraft auf Juden aus ländlichen Regionen aus. Der jüdische Bevölkerungsanteil wuchs stetig, wobei sein Anteil an der Gesamtbevölkerung bis 1933 relativ konstant bei einem Prozent lag. 1933 lebten etwas über 5.000 Juden in Düsseldorf. Die Mehrzahl war in hohem Maße akkulturiert. Sie orientierte sich in ihrer Lebensweise selbstverständlich an der deutschen Kultur und gestaltete diese mit. Eine einflussreiche Minderheit blieb religiös traditionell. Dies trifft auch für die Mehrheit der ostjüdischen Zuwanderer zu.

Im jüdischen Bürgertum gab es im Kaiserreich deutliche Klassenschranken mit einer Wirtschaftsaristokratie, die oftmals politisch konservativ war. Zu den wohlhabenden Unternehmern, Bankiers und Kaufleuten kamen Ärzte, Rechtsanwälte und Richter. Die zahlreichen Geschäftsinhaber und Gewerbetreibenden gehörten zum mittleren Bürgertum mit gutem Einkommen. Hierzu zählte in Düsseldorf bis zu Beginn der 1930er Jahre eine nicht unerhebliche Zahl jüdischer Bürger.

Um die Jahrhundertwende war die alte Synagoge von 1875 an der Kasernenstraße viel zu eng geworden. Sie machte 1904 einem neuen repräsentativen, im neuromanischen Stil erbauten Gebäude Platz, das mit Orgel und Einführung eines gemischten Chors ganz auf den liberalen Ritus ausgerichtet war. Als Gemeinderabbiner amtierte hier als Nachfolger von Dr. Leo Baeck von 1913 bis zu seiner Emigration nach London Anfang 1939 Dr. Max Eschelbacher. Neben ihm wirkte von 1919 an Dr. Siegfried Klein als zweiter Rabbiner, Redakteur der Gemeindezeitung, Vorsitzender des Jugendvereins, Mitbegründer des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten (RjF) und in vielen anderen Funktionen. Nach dem Weggang Dr. Eschelbachers im Februar 1939 übernahm Dr. Klein bis zu seiner Deportation im Oktober 1941 alle Rabbinatsaufgaben.

Neben der Hauptgemeinde gab es eine orthodoxe Gemeinde, die Israelitische Religionsgemeinschaft, die ihren Betsaal im ersten Stockwerk des Hauses Poststraße 4 hatte. 1925 trennte sich eine Gruppe von der Hauptgemeinde ab, der Altisraelitische Synagogenverein Addas Jisroel, mit einem Betsaal in der Corneliusstraße und Dr. Heinrich Weyl als Rabbiner. Zusätzlich gab es eine Anzahl kleinerer Betsäle, der größte in der Kreuzstraße, andere in der Mintropstraße und in der Adersstraße, die nicht immer alle gleichzeitig in Funktion waren, aber jeweils auch ihre eigenen Gottesdienste durchführten. Als Rabbiner wirkte dort unter anderem Dr. Jakob Horowitz.

Erst 1935 wurde in Düsseldorf eine jüdische Schule – als Reaktion auf die Entfernung von jüdischen Schülern in öffentlichen Schulen – gegründet, die wichtige Funktionen zu übernehmen hatte. Die Kinder und Jugendlichen fanden in ihr nicht nur zum Teil sehr fortschrittliche Unterrichtsmethoden von jungen Lehrern und guten Pädagogen, sondern sie erlebten die Schule zum Teil auch als eine angenehme Insel, auf der sie unter ihresgleichen waren.

Das Ende der deutsch-jüdischen Geschichte in Düsseldorf wurde auch hier mit der "Kristallnacht", die richtigerweise als Pogromnacht bezeichnet werden muss, offenkundig. Nicht nur die Synagogen brannten in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, sondern Wohnungen und Geschäfte von Juden wurden systematisch zerstört, über 70 Menschen wurden verletzt, drei ermordet, weitere 15 starben wenige Tage später an den zugefügten Verletzungen, durch Selbstmord oder an Spätfolgen. Am nächsten und in den folgenden Tagen wurden 166 Männer und Jugendliche und 20 Frauen verhaftet und ins Polizeigefängnis gesperrt, und am 16. November wurden 89 der Männer, darunter auch einige Jugendliche, in das Konzentrationslager Dachau verschleppt. Dort kamen sie in der Regel erst frei, wenn sie entweder die "Arisierung" oder "Auflösung" ihres oder eines anderen Betriebes durchführen mussten oder wenn Auswanderungspapiere vorlagen. Flucht und Auswanderung waren nun die einzigen Chancen, das eigene Leben und das der Angehörigen zu retten. Schwerwiegendes Hindernis aber war, dass es fast keine legalen Einwanderungsmöglichkeiten in andere Staaten mehr gab. Nach dem Novemberpogrom 1938 lockerte nur die britische Regierung die Einwanderungsbedingungen, und so gelangten 10.000 unbegleitete Kinder, auch viele aus Düsseldorf, mit den sogenannten Kindertransporten nach Großbritannien.

Den Zurückgebliebenen wurde zunehmend jede Lebensgrundlage entzogen. Im Verlauf des Jahres 1938 wurden die jüdischen Gemeinde- und Verbandsorgane als staatlich anerkannte Selbstverwaltungsorgane aufgelöst. Ihre Angelegenheiten wurden von der neugeschaffenen „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“ verwaltet, die weisungsgebunden war.

Mehr als die Hälfte der Düsseldorfer Juden war zum Zeitpunkt der einsetzenden großen Deportationen von 1941 aus dem Land geflohen. Die meisten hatten sich in Länder außerhalb des Machtbereichs der Nazis retten können. Diejenigen, die nach Belgien, Frankreich und in die Niederlande geflohen waren, gerieten im Mai 1940 wieder unter deutsche Herrschaft oder in Südfrankreich zumindest in ihren Einflussbereich. Ganz wenige überlebten im Versteck oder mit gefälschter Identität im Widerstand.

Als erste Deportation von Düsseldorf aus ist die der "polnischen" Juden anzusehen: In der Nacht vom 27. zum 28. Oktober 1938 waren die aus Polen stammenden Juden verhaftet, ins Polizeigefängnis gebracht und in Zügen an die polnische Grenze abgeschoben worden. Obwohl die entsprechende Verfügung eigentlich auf Männer bezogen war, handelte es sich bei den aus Düsseldorf Abgeschobenen um ganze Familien: um Männer und Frauen, von denen die meisten schon seit mehr als dreißig Jahren in Deutschland gelebt hatten, und deren Kinder, von denen nicht wenige in Deutschland geboren waren. Zunächst ließ die polnische Regierung sie nicht ins Land. Jüdische Hilfskomitees organisierten sehr rasch Verpflegung und Unterkunft in dem Grenzort Zbaszyn. Im Sommer 1939 gelang einigen die Rückkehr nach Deutschland, andere, die meisten, waren von der polnischen Regierung entweder zu Verwandten ins Land oder bis August 1939 in verschiedene polnische Städte und Orte gelassen worden. Dort holte sie die deutsche Besatzung mit Kriegsbeginn im September 1939 wieder ein. Nur wenige der ca. 200 aus Düsseldorf Abgeschobenen wurden gerettet. Alle anderen starben in den Gettos und Lagern.

Ab 1941 wurde eine große Zahl jüdischer Menschen aus Düsseldorf und dem gesamten Regierungsbezirk vom Bahnhof Düsseldorf-Derendorf deportiert. Der erste Zug verließ am 27. Oktober 1941 die Stadt mit 1.003 Juden, Bestimmungsziel war das Getto Litzmannstadt innerhalb der polnischen Stadt Litzmannstadt/Lodz. Zwischen 1941 und 1944 fuhren mindestens sieben solcher Massentransporte von Düsseldorf ab: am 10. November 1941 nach Minsk, am 11. Dezember 1941 in das Getto von Riga, am 22. April 1942 und am 15. Juni 1942 nach Izbica (Bezirk Lublin), am 21. Juli 1942, 25. Juli 1942 und am 25. Juni 1943 in das Getto Theresienstadt. Ein letzter Deportationszug, vor allem mit Düsseldorfern, die zuvor in sogenannten "privilegierten Mischehen" gelebt hatten, verließ Düsseldorf am 9. September 1944.

Über 2.313 Juden aus Düsseldorf starben in den Ghettos und Lagern. Nur 57 Rückkehrer und Überlebende gründeten 1945 die neue jüdische Gemeinde.

(Text: Hildegard Jakobs)