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Gehörtes lässt den Atem stocken Konzertlesung in der Martinskirche

Verfasst am 29. Januar 2008

-hat- Was geht in einer Mutter vor, die die Hand ihrer ältesten Tochter ergreift, um mit ihr gemeinsam den Weg vor ein Erschießungskommando anzutreten? Um die Tragik noch zu steigern, überlebt die Mutter die Erschießung durch die deutsche Wehrmacht und kann sich, mit dem Blut der eigenen Kinder und vieler anderer Leidensgenossen besudelt, aus dem Massengrab befreien.

Bei diesen Zeilen stockte dem Publikum, das am späten Sonntagnachmittag der Einladung zum Konzert in der Martinskirche in Drensteinfurt gefolgt war, der Atem. Auch Roswitha Dasch, die diese Zeilen aus einem Augenzeugenbericht des Wilnaer Ghettos vortrug, war die innere Bewegung anzumerken.

Den Opfern und Überlebenden der Wilnaer Ghettos war die Konzertlesung gewidmet, die den Titel „Ess ist gwen a Sumertog“ trug. Beeindruckend und ergreifend zugleich, mit welchem Mut sich die Bewohner des Ghettos, in das sie nach dem Einmarsch der Wehrmacht am 22. Juni 1941 gepfercht worden waren, immer wieder gegen ihre Peiniger auflehnten. Wie die jüdischen Liederdichter ihre Bewacher, die schließlich zu ihren Mördern wurden, verhöhnten. Doch aus dem Spott spricht die Angst des Opfers, das sich seiner aussichtslosen Lage bewusst ist und dem nur die Hoffnung auf eine wundersame Rettung bleibt.

Gelegentlich griff Roswitha Dasch in den Liedern selbst zur Geige, was die Ausdruckskraft der vorgetragenen Texte, allesamt auf Jiddisch, unterstrich. An ihrer Seite Ulrich Raue, der sie wie gewohnt auf dem E-Piano begleitete und der die Lieder auch arrangiert hat. Gemeinsam übernahmen sie es, die Lieder in den historischen Kontext mit Aussagen über das Wilnaer Ghetto zu stellen.

Bei seiner Begrüßung hatte Pfarrer Walter Gröne zuvor von einer besonderen Tragik gesprochen, dass gerade die im Mittelalter aus dem Heiligen Römischen Reich deutscher Nation vertriebenen Juden, die im Osten eine neue Heimat gefunden hatten, Opfer des Vernichtungsfeldzugs der Nationalsozialisten wurden. „Dabei waren es die Deutschesten aller Deutschen „, so Gröne in seiner kurzen Ansprache.

VHS-Leiter Rudolph Blauth dankte als Mitveranstalter dem Förderverein Alte Synagoge für sein Engagement bei der Durchführung des Konzerts und der zuvor in der ehemaligen Synagoge eröffneten Ausstellung mit dem Titel „Sage nie, du gehst den letzten Weg!“ über das Wilnaer Ghetto.

Foto und Text: Dierk Hartleb

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