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Geflüchtete im Gedenkstättenbereich - Ein Interview mit dem Projektleiter der "Willkommensstätten" Gefördert von der Landeszentrale für politische Bildung setzt sich das Projekt “Willkommensstätten” seit 2015 intensiv mit der Thematik “Geflüchtete im Gedenkstättenbereich” auseinander. Die Redaktion des Arbeitskreises hatte Gelegenheit mit dem Projektleiter der “Willkommensstätten”, Dennis Grunendahl, ein Gespräch über die spezifischen Herausforderungen und Aufgaben zu führen, die sich NS-Gedenkorten vor dem Hintergrund der aktuellen Migrationsbewegung stellen.

Verfasst am 25. August 2017

Inwiefern stellen Menschen mit aktueller Fluchterfahrung in der Gedenkstättenarbeit eine Besonderheit dar?

"Als authentische historische Orte der NS-Verbrechen – viele der heutigen Erinnerungsstätten sind ehemalige Gefängnisse[1] oder Lager[2] – strahlen NS-Gedenkstätten eine gewisse "Aura" aus, die Menschen mit eigener Flucht- und Gewalterfahrung auf einer sehr emotionalen Ebene ansprechen und gewisse Erinnerungen hervorrufen kann. Vor diesem Hintergrund werden Geflüchtete mitunter als eine spezifische Zielgruppe erfasst, die Gedenkstättenmitarbeiterinnen und -mitarbeiter vor besondere Herausforderungen stellt. Ein solches Verständnis sollte allerdings nicht dazu führen, mit dem durchaus nicht unproblematischen Begriff der "Zielgruppe" eine prinzipielle Homogenität "der Geflüchteten" zu unterstellen. So eint diese Menschen zwar grundsätzlich ihre Flucht- und möglicherweise auch Gewalterfahrung, doch gilt es zu berücksichtigen, dass sie – nicht nur mit Blick auf ihre unterschiedlichen Kulturkreise und Herkunftsregionen – untereinander doch deutlich heterogen sind. Eine wesentliche Gemeinsamkeit besteht aber darin, dass es sich um Menschen handelt, die mit Blick auf ihre historische Vorbildung eher unbedarft nach Deutschland kommen und die es nun in den Geschichtsunterricht wie auch in die Gedenkstättenarbeit zu integrieren gilt."

Wie können NS-Gedenkstätten diesen Herausforderungen begegnen?

"Im Laufe unserer Arbeit haben wir festgestellt, dass manche Voraussetzungen bei der Arbeit mit Geflüchteten beispielsweise aufgrund geringeren Vorwissens oder möglicher Traumatisierungen zwar andere sind, sich die Basics aber kaum vom Umgang mit anderen Besuchergruppen unterscheiden: Notwendig ist vor allem ein Maximum an Empathie und Abholbereitschaft. Zudem können eigens auf Geflüchtete zugeschnittene Ausstellungsrundgänge konzipiert werden, wenngleich es sich hierbei lediglich um inhaltliche Angebote an die BesucherInnen handeln sollte, um nicht Gefahr zu laufen, sie auf die von uns projizierte Zielgruppe "Geflüchtete" zu reduzieren. Als Anknüpfungspunkte bieten sich bei solchen Angeboten z.B. Schwerpunktsetzungen auf das Schicksal der Zeugen Jehovas an, die während der NS-Herrschaft wegen ihrer Verweigerung des Dienstes an der Waffe verfolgt wurden und daher grundsätzlich ein erhebliches Identifikationspotential für Menschen bieten, die aufgrund von Kriegsdienstverweigerung nach Deutschland geflohen sind. Ähnliche Überschneidungspunkte finden sich beim Thema Kommunikation: Erhalten gebliebene Kommunikationsmittel, wie Briefe von Deportierten, können Anknüpfungspunkte sein für Menschen, die ebenfalls ihre Heimat verlassen mussten und nun ihre Freunde und Angehörige über ihre derzeitige Lebenssituation informieren möchten. Durch derartige Transferleistungen werden uns als Gedenkstättenmitarbeiterinnen und -mitarbeitern letztlich auch neue Blickwinkel auf die eigenen Ausstellungen ermöglicht. Insofern lässt sich durchaus davon sprechen, dass Menschen mit eigener Flucht- oder Gewalterfahrung nicht nur als Informationsadressaten zu betrachten sind, sondern darüber hinaus auch dazu beitragen können, den in der historisch-politischen Bildungsarbeit Tätigen neue oder zumindest andere Perspektiven auf die von ihnen zu vermittelnden Inhalte zu eröffnen – ein Prozess, von dem beide Seiten letztlich nur profitieren können."

Und wie kommt hier das Projekt "Willkommensstätten" ins Spiel?

"Das Projekt "Willkommensstätten" versteht sich mittlerweile vor allem als eine Institution, die durch entsprechendes Know-How im Bereich der Thematik Geflüchtete und Gedenkstättenarbeit beratend tätig wird und Handlungsanleitungen für gewisse Themen und Problemlagen zur Verfügung stellen kann, ohne dabei selbstverständlich zu beanspruchen, stets die richtige Antwort zu liefern. Dabei richtet sich der Blick zwar auch auf Geflüchtete selbst, in zunehmendem Maße rücken aber vor allem die in der historisch-politischen Bildungsarbeit Tätigen in den Vordergrund, für die wir eine Anlaufstelle bieten, wenn sie bei Menschen mit Migrationshintergrund Herausforderungen erwarten. Da es sich hierbei nicht selten um Problemlagen handelt, bei denen der Horizont des Historikers nicht ausreicht, ist das Projekt bewusst über den Kernbereich der "reinen" Gedenkstättenarbeit hinaus angelegt. So erfolgt beispielsweise eine Zusammenarbeit mit psychologisch geschulten Experten der Kölner Frauenrechts- und Hilfsorganisation "medica mondiale", die sich auf die Verarbeitung von Traumata spezialisiert haben, und auch das Team der "Willkommensstätten" setzt sich interdisziplinär zusammen, um ein möglichst breites Spektrum für unterschiedliche Aufgabenbereiche abzudecken."

- Austausch- und Kommunikationsplattform zum Thema Geflüchtete in Gedenkstätten -

"Außerdem möchten wir langfristig eine Austausch- und Kommunikationsplattform für die Gedenkstätten in NRW zur Thematik aktueller Flucht- und Gewalterfahrung von Besucherinnen und Besuchern zur Verfügung stellen. Glücklicherweise stehen wir damit nicht alleine dar: Erste Bestrebungen dahingehend haben sich durch unsere Kolleginnen und Kollegen der Akademie Vogelsang IP im Arbeitskreis "Räume öffnen" institutionalisiert – eine Art offener Kommunikationsraum von und für VertreterInnen aus verschiedenen NRW-Gedenkstätten.[3] Daran anknüpfend sind wir bestrebt, für Sprach- und Integrationskurse oder ähnliche Angebote für Geflüchtete, wie sie bereits an einigen NRW-Gedenkstätten durchgeführt werden, ein flächendeckendes Netzwerk zu schaffen. Schließlich geht es uns auch um eine grundlegende Reflexion des Themas, unter anderem in Form von Workshops und Tagungen, aber auch mithilfe entsprechender Publikationen. Dabei reicht die Bandbreite von didaktischen Handreichungen über die Frage, wie an konkreten Gewaltorten mit Geflüchteten umgegangen werden sollte, bis hin zur Perspektive der Geflüchteten selbst, die in Form von Interviews eingefangen wird."

Wie sinnvoll ist es überhaupt, Menschen mit möglicherweise traumatischen Flucht- und Gewalterfahrungen in Gedenkstätten mit der Gewaltgeschichte der NS-Herrschaft zu konfrontieren?

"Das ist die vielleicht spannendste Frage in unserem Betätigungsfeld. Sie schlägt auch in der Öffentlichkeit hohe Wellen. Man kann da grundsätzlich verschiedener Meinung sein: Unter anderem Elke Gryglewski[4] sagt zum Beispiel, dass sich Gedenkstätten sehr gut als Willkommensorte eignen. Dies begründet sie damit, dass Menschen, die in Gedenkstätten arbeiten, schon von ihrem Berufsethos her eine gewisse Empathie mitbringen. Vor allem seien sie es gewohnt, bedrückende Themen anzufassen und darüber auch in Diskussionen zu kommen. Ferner hat Gryglewski ihre Ansicht damit begründet, dass sich der Kontakt mit Einheimischen bei vielen der Geflüchteten vielfach auf diverse Behördengänge konzentriert oder gar beschränkt, die nicht selten auch mit weniger positiven Nachrichten verbunden sind. Demgegenüber entsteht beim Gedenkstättenbesuch eine pädagogische Situation, in welcher Mitarbeitende Geflüchtete als Gäste und nicht als zu bearbeitende Fälle willkommen heißen können – für die BesucherInnen oftmals der erste unbeschwerte Austausch mit Einheimischen ohne bürokratischen Druck. Dieser Ansicht würde ich ein ganzes Stück weit zustimmen, wobei dies, meiner Meinung nach, nicht für jede Gedenkstätte gilt oder zumindest nicht für jeden historischen Ort, der in irgendeiner Form einen NS-Bezug hat."

- Erwartungen an Gedenkstätten nicht zu hoch stecken -

"Dazu muss man aber auch sagen – wie es beispielsweise Astrid Messerschmidt[5] hervorhebt – dass sich Gedenkstättenpädagogik nicht in einem von gesellschaftlichen Prozessen isolierten Raum abspielt, sondern mit diesen verflochten und ihr pädagogischer Auftrag durch diese bedingt ist. Eine kritische Reflexion dieser Zusammenhänge ist auch für unsere Arbeit mit Geflüchteten aktuell bedeutsam, da der Gedenkstättenbesuch von verschiedener Seite mehr und mehr zu einer Art zentralem Integrationsprojekt aufgeladen wird: So werden Erwartungshaltungen formuliert, der Gedenkstättenbesuch vermittele Geflüchteten ein tiefgreifendes Verständnis vom Wert des Grundgesetzes und ein kritisches Verständnis des Antisemitismus. Dies mündete jüngst in der Forderung, Geflüchtete sollten zwecks Antisemitismusprävention verpflichtend Gedenkstätten besuchen. Hier besteht die Gefahr einer politischen Überfrachtung, die Gedenkstätten gewissermaßen als "Integrationsmaschinen" betrachtet und ihnen die Arbeit gegen eigentlich gesellschaftlich-strukturelle Ursachen für menschenfeindliche Einstellungen überlässt."

Welchen Beitrag können Gedenkstätten als historische Lernorte denn dann zum gesamtgesellschaftlichen Projekt der Integration leisten?

"Ich würde nicht soweit gehen, wie dies teils von Koryphäen der Geschichtsarbeit wie Wolfgang Benz, Volkhard Knigge oder Bernd Faulenbach geäußert wurde, dass ein Gedenkstättenbesuch erforderlich sei, um die deutsche Geschichte zu verstehen. Ich glaube nicht, dass es irgendeinem Menschen, der erst vor kurzem nach Deutschland gekommen ist, besser gelingt, sich zu integrieren, wenn er vorher einmal in einer Gedenkstätte gewesen ist. So wichtig ich unser Projekt finde, wichtiger sind zuerst einmal lebenspraktische Angelegenheiten. Aber es wäre meiner Meinung nach falsch, den Menschen, die sich für NS-Geschichte und ihre Verarbeitung in Gedenkstätten interessieren, Zugänge zu verwehren. Daher muss es flächendeckende Angebote geben, wie sie vom Projekt "Willkommensstätten" gefördert und durchgeführt werden. Jeder der will, soll Geschichte an einem historischen Ort erfahren und erlernen können. Allerdings ist das Prinzip der Freiwilligkeit oberstes Gebot: Wer eine Gedenkstätte nicht besuchen oder sich dort manche Dinge eben nicht ansehen möchte, der soll es auch nicht tun müssen. Und dies gilt umso mehr, wenn man etwa auf der Flucht oder auch im Heimatland Orte gesehen hat, an die man durch einen Gedenkstättenbesuch möglicherweise erinnert wird."


[1] Bspw. die Mahn- und Gedenkstätte Steinwache Dortmund oder auch das NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln.

[2] So u.a. die Dokumentationsstätte Stalag 326 (VI K) Senne in Schloß Holte-Stukenbrock.

[3] Mehr Informationen und Kontaktdaten zum Arbeitskreis "Räume Öffnen" in der Mai-Ausgabe des Magazins "Lernen aus der Geschichte": http://lernen-aus-der-geschichte.de/Lernen-und-Lehren/content/13612.

[4] Elke Gryglewski ist seit 1995 wissenschaftlich-pädagogische Mitarbeiterin in der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz. Zu ihrer Sichtweise auf die Thematik siehe u.a.: Neue Konzepte der Gedenkstättenpädagogik. Gruppenführungen mit Jugendlichen nichtdeutscher Herkunft in der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz. In: Fechler, Bernd, u.a. (Hrsg.): Neue Judenfeindschaft? Perspektiven für den pädagogischen Umgang mit dem globalisierten Antisemitismus, Frankfurt a.M. 2006, S. 299-309.

[5] Astrid Messerschmidt ist Professorin für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Geschlecht und Diversität an der Bergischen Universität Wuppertal. Zu ihren Lehr- und Forschungsschwerpunkten gehören u.a. Bildung in der Migrationsgesellschaft sowie die zeitgeschichtlichen Erinnerungsprozesse in den Nachwirkungen des Nationalsozialismus.

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