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Interview mit Ernst Klein: "Klimaschutz muss auch den Schutz des Klimas in unserer Gesellschaft mit einbeziehen" In der Nacht zum 2. Juni 2019 wurde der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke auf der Terrasse seines Hauses aus rechtsextremistischen Motiven ermordet. Sein langjähriger Weggefährte Ernst Klein war bis 2018 viele Jahre lang Sprecher der Regionalen Arbeitsgruppen und ist Vorstandsmitglied von Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. Bis 2019 war er 23 Jahre lang Vorsitzender des Vereins Rückblende – Gegen das Vergessen in Volkmarsen. Im Interview spricht er über seine Zusammenarbeit mit Walter Lübcke und darüber, welche gesellschaftlichen Fragen sich aus dem Mord und dem nachfolgenden Gerichtsprozess ergeben.

Verfasst am 01. Juni 2021

Herr Klein, Sie kannten Walter Lübcke unter anderem durch seine langjährige Mitgliedschaft im Verein Rückblende Gegen das Vergessen. Was hat ihn dabei in seinem Engagement geprägt?

Zu meinen ersten Begegnungen mit Herrn Dr. Walter Lübcke kam es schon bald nach der Gründung des Vereins im Jahr 1995. Er war damals unter anderem im Wolfhager Land kommunalpolitisch aktiv und verfolgte zum Beispiel die von uns organisierten Begegnungswochen mit aus der Region stammenden jüdischen Emigranten. Als er 1999 erst Mitglied des Hessischen Landtags und 2009 dann Regierungspräsident in Kassel wurde, nahm er oft an unseren Veranstaltungen mit Redebeiträgen teil, die weit über die üblichen „Grußworte“ von Politikern hinausgingen. Als ich Herrn Lübcke 2004 in Bezug auf eine Mitgliedschaft ansprach, trat er sofort dem Verein bei und wurde mir ein zuverlässiger Ansprechpartner bei vielen Fragen zu Fördermaßnahmen und anderen Belangen des Vereins. Seit dieser Zeit verband uns eine vertrauensvolle Zusammenarbeit. In seiner humorigen Art stellte er mich gegenüber anderen Personen manchmal als seinen „Chef von Gegen Vergessen“ vor.

Sein Mitgefühl für die Schicksale der Holocaust-Überlebenden, die sich vor der NS-Verfolgung durch die Flucht ins Ausland retten konnten, hat ihn sicherlich schon lange vor der sogenannten Flüchtlingskrise 2015 in seiner grundsätzlichen Haltung gegenüber Geflüchteten geprägt. Für unseren damals noch jungen Verein Rückblende – Gegen das Vergessen waren seine Aussagen zudem stets eine wertvolle öffentliche Unterstützung für unsere Erinnerungs- und Aufklärungsarbeit, wobei er sich auch nicht scheute, mit starken Worten Amtsträger aus der regionalen Politik – die sich zum Teil zunächst sehr zurückhaltend verhielten – oder auch Parteifreunde aufzurütteln, um unsere Bemühungen zu unterstützen. Dabei habe ich allerdings nicht einmal erlebt, dass er seine Reden auch nur ansatzweise mit Parteipolitik verknüpft hätte.

Was waren „klassische“ Situationen, in denen Sie persönlich mit ihm zusammengearbeitet haben?

Als ich beispielsweise Anstrengungen unternahm, um das heutige Gustav-Hüneberg-Haus in Volkmarsen für den Verein zu erwerben, damit dieser geschichtsträchtige Ort zu einem Dokumentations- und Informationszentrum zur Deutsch-Jüdischen Regionalgeschichte ausgebaut werden konnte, war er mein wichtigster Unterstützer, der sich beim Landkreis, bei der Stadt Volkmarsen und bei Landtagsabgeordneten mit aller Kraft erfolgreich für eine Förderung des Projekts einsetzte. Am 19. Juni 2019 fand die offizielle Eröffnung der Einrichtung im Beisein vieler Gäste statt – und für uns war selbstverständlich, dass auch Herr Lübcke zu diesem Anlass sprechen würde. Zu unserem Entsetzen wurde er in der Nacht zum 2. Juni ermordet, bei unserer Eröffnungsveranstaltung konnten wir nur noch durch eine Rose auf dem für ihn vorgesehen Sitzplatz deutlich machen, wie sehr er dem Verein und seinen Zielen verbunden war.

Durch die langjährige Zusammenarbeit mit Walter Lübcke kennen Sie seit vielen Jahren auch seine Familie. Welche Bedeutung hatte für diese der siebeneinhalb Monate dauernde Prozess gegen den Hauptangeklagten Stephan Ernst und den Mitangeklagten Markus H., der Ende Januar 2021 mit einer lebenslangen Haftstrafe für Stephan Ernst und einer Bewährungsstrafe für Markus H. endete?

In einem kürzlich geführten Telefongespräch sagte mir Frau Braun-Lübcke: „Wir wussten, dass der Prozess für uns sehr belastend sein würde, aber wir waren es doch meinem Mann einfach schuldig, daran teilzunehmen und dadurch klarzumachen, dass wir nicht einknicken, dass wir Gesicht zeigen – so, wie es mein Mann auch immer getan hat. Wir müssen diesen radikalen Kräften doch Paroli bieten!“ Für Frau Braun-Lübcke und ihre Söhne war und bleibt es wichtig, dass die Vorgänge in der Mordnacht aufgeklärt werden und vor allem auch die Rolle möglicher Hintermänner aufgedeckt wird.

Sind Fragen im Prozess offengeblieben?

Insbesondere die Frage nach der Rolle von Markus H. wurde zum Bedauern der Familie leider bisher nicht wirklich geklärt, eine Beteiligung von ihm an dem Verbrechen konnte nicht nachgewiesen werden. Auch die Frage, welche Version der unterschiedlichen Geständnisse von Stephan Ernst der Wahrheit am nächsten kommt, konnte nicht eindeutig beantwortet werden. Somit gibt es noch viele offene Fragen, die vielleicht – aber nur vielleicht – in einem möglichen Revisionsverfahren nochmals angesprochen werden könnten.

Aus dem Verbrechen und dem Prozess ergibt sich für mich zudem in erster Linie die Frage, warum die zuständigen Behörden potenzielle Täter wie Stephan Ernst und andere nicht ernsthafter und wirksamer überwacht haben, um dadurch Schlimmeres zu verhindern. Eine der Forderungen an die Gesellschaft muss daher sein, konsequenter auf Verdächtige zu achten – sowohl durch alle zuständigen Institutionen als auch durch alle Bürgerinnen und Bürger.

Welche weiteren gesellschaftlichen Schlussfolgerungen lassen sich aus Ihrer Sicht ziehen?

Nach meiner Auffassung reicht es nicht, auf die AfD und ihre Wählerinnen und Wähler zu schimpfen oder diese auszugrenzen. Mehr denn je ist Zivilcourage gefragt. Es reicht nicht, Fehlentwicklungen anzuprangern und die Verantwortung an Andere weiterzuschieben. Jeder von uns hat die Möglichkeit, rassistischen, fremdenfeindlichen oder neonazistischen Äußerungen zu widersprechen, sich von Gewalttaten zu distanzieren und sie anzuzeigen, Schutzbedürftigen zu helfen, Irrende aufzuklären und Unbelehrbare zu isolieren. Dies sehe ich auch mit Blick auf die vielgepriesenen jungen Menschen von Fridays for Future. Es ist lobenswert, dass sich viele junge Menschen für den dringend notwendigen Klimaschutz engagieren. Leider wird nach meiner Wahrnehmung oft wenig oder gar nicht bedacht, dass es nicht nur notwendig ist, das Gift in der Luft, im Wasser und im Boden zu bekämpfen. Es gibt leider auch „Gift“ in manchen Köpfen. Klimaschutz muss nach meiner Auffassung daher unbedingt auch den Schutz des Klimas in unserer Gesellschaft mit einbeziehen. Wie wichtig diese Forderung ist, zeigt uns nicht zuletzt das Beispiel von Dr. Walter Lübcke.

Das Interview führte Frederik Schetter für den Geschichtsort Villa ten Hompel im April 2021. Frederik Schetter ist Mitglied von Gegen Vergessen Für Demokratie im Münsterland.

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