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„Mehr als man denkt – näher als man kennt“ – Erinnerungskultur zwischen Routine und Innovation Für ihre fünfte und damit letzte Station ist die Ausstellung „Mehr als man kennt – näher als man denkt. Objektgeschichten aus Gedenkstätten in NRW“ in der Köln angekommen. Anhand einer Auswahl von Gegenständen haben Besucher*innen nun in der Bezirksregierung Köln die Gelegenheit, spannende Einblicke in die vielfältige Gedenkstättenlandschaft Nordrhein-Westfalens zu gewinnen.

Verfasst am 05. Dezember 2021

Die Eröffnung der Ausstellung, die vom Arbeitskreis der NS-Gedenkstätten und -Erinnerungsorte zusammen mit der Landeszentrale für politische Bildung entwickelt wurde, fand in der Bezirksregierung Köln am 30. November digital statt. An einem Podiumsgespräch nahmen neben der Kölner Regierungspräsidentin Gisela Walsken, der Staatssekretär im Ministerium für Kultur und Wissenschaft NRW Klaus Kaiser, der wissenschaftliche Leiter des NS-Dokumentationszentrums Vogelsang Stephan Wunsch sowie der Leiter des Lehr- und Forschungsbereichs für die Didaktik der Gesellschaftswissenschaften der RWTH Aachen Christian Kuchler teil.

Im Zentrum des Gesprächs stand die Frage, wie sich aktuelle Gedenk- und Erinnerungsarbeit im Spannungsfeld zwischen Routine und Innovation aufstellt und entwickelt. Die Gesprächsrunde kam darin überein, dass Tendenzen der Ritualisierung in der Erinnerungskultur erkennbar seien. Dabei entstehe nicht selten ein Konflikt zwischen den eingespielten Formen der Erinnerung und dem Wunsch, auch junge Generationen immer wieder neu für die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nationalsozialismus zu interessieren. Gerade das zunehmende Verstummen der Zeitzeugen mache die Schaffung neuer Zugangswege unabdingbar.

Die Gastgeberin der Ausstellung Regierungspräsidentin Gisela Walsken betonte in diesem Zusammenhang die Bedeutung persönlicher Anknüpfungspunkte. Für Walsken, deren Großtante Jeanette Korn als Jüdin in Auschwitz ermordet wurde und deren Schwiegervater Ernst Walsken als Widerstandskämpfer von den Nationalsozialisten verfolgt wurde, sind es diese persönlichen Schicksale, die im Mittelpunkt des Erinnerns stehen müssen. Anhand konkreter Biografien und persönlicher Geschichten könne Empathie geschaffen werden und einer rein formalisierten Erinnerung entgegengewirkt werden. Als ein besonderes Anliegen nannte Walsken die Konservierung von Zeitzeugenberichten und ihre didaktische Aufarbeitung.

Wenn der persönliche Kontakt zu Zeitzeugen immer seltener möglich ist, gewinnen für den Geschichtsdidaktiker Christian Kuchler zudem authentische Orte und historische Objekte an Bedeutung für die Erinnerungsarbeit. Insbesondere wenn durch sie ein Lokalbezug hergestellt werden könne, werde NS-Geschichte und ihre Relevanz für die eigene Umgebung greifbar. Die Erkenntnis „Das war in unserer Nachbarschaft“ ist auch für Staatssekretär Klaus Kaiser ein zentraler Moment der Erinnerungsarbeit. Daher möchte er das dezentrale Konzept der Gedenkstättenlandschaft in NRW auch zukünftig stärken.

Von den Möglichkeiten, Geschichte am authentischen Ort zu vermitteln, konnte Stephan Wunsch aus der Praxis des NS-Dokumentationszentrums Vogelsang berichten. Das Gelände der ehemaligen NS-Ordensburg lädt seine Besucher*innen ein, sich mit den Hintergründen und Motiven von Tätern und Mitläufern des Nationalsozialismus zu beschäftigen. Die vom Ort ausgehende Faszinationskraft gilt es, laut Wunsch, in der Vermittlungsarbeit kritisch zu hinterfragen und einzuordnen. Gleichzeitig schaffe die Auseinandersetzung mit Täterbiografien, vielfältige Anknüpfungspunkte an die Gegenwart und rege zur Selbstreflexion an. Hierdurch könne ein „demokratischer Impuls“ gesetzt werden.

Die Bedeutung historisch-politischer Bildung für die demokratische Erziehung wurde von allen Gesprächsteilnehmenden unterstrichen. Christian Kuchler machte deutlich, dass ein Gedenkstättenbesuch zwar keinesfalls gegen antidemokratische Tendenzen „immunisiert“. Dennoch könne die Erfahrung ein gewinnbringender Mosaikstein in der Demokratiebildung sein. Zukünftig gelte es vor allem noch verstärkter die Nachkriegsgeschichte und die „zweite Geschichte des Nationalsozialismus“ in der Vermittlungsarbeit in den Blick zu nehmen.

Eine zunehmende Bedeutung maßen Christian Kuchler und Stephan Wunsch der transnationalen Erinnerungsarbeit bei. Das Erkennen und Zusammenführen unterschiedlicher Perspektiven auf „die“ Geschichte, bilde eine wichtige Grundlage für transnationale Verständigung. Angesichts der deutschen Migrationsgesellschaft fördere die Internationalisierung der Erinnerungs- und Gedenkkultur aber auch hier den Zusammenhalt.

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