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Gedenkstätten als Dritte Orte: Potenziale und Spannungsfelder einer Übertragung Kann eine Gedenkstätte ein „Dritter Ort" sein? Eine provokante Frage, denn einerseits sollen Gedenkstätten niedrigschwellig und für alle zugänglich sein. Andererseits dürfen sie nicht zu Orten der Beliebigkeit werden, an denen die Schwere des Erinnerns einer lockeren Atmosphäre weicht. Dieser Artikel argumentiert, dass das Konzept der „Dritten Orte" genau dann produktiv wird, wenn wir diese Spannung nicht auflösen, sondern bewusst gestalten.
Ray Oldenburg prägte den Begriff der „Third Places" in den 1980er Jahren als informelle Treffpunkte zwischen Zuhause (Erster Ort) und Arbeitsplatz (Zweiter Ort), die den sozialen Zusammenhalt stärken. Zentral sind dabei: Niedrigschwelligkeit im Zugang, soziale Durchmischung und Gespräche auf Augenhöhe. Im Kern geht es um Räume, in denen sich Menschen begegnen, die sich sonst nie begegnen würden.
Doch während Cafés, Bibliotheken oder Museen durch bewusste Gestaltung zu solchen Orten werden können, entsteht bei Gedenkstätten ein fundamentales Paradox: Sie sollen zugänglich sein und gleichzeitig den Ernst des Ortes bewahren. Begegnung ermöglichen, dabei allerdings kritische Distanz bewahren.
Die Spannungsfelder: Wo das Konzept produktiv wird
Zwischen Niedrigschwelligkeit und Verharmlosung
Gedenkstätten öffnen sich bewusst für alle Bevölkerungsschichten. Geringe Eintrittskosten oder kostenfreier Zugang, zentrale Lagen und erweiterte Öffnungszeiten an Wochenenden senken Zugangshürden. Diese Niedrigschwelligkeit ist essentiell für den Bildungsauftrag.
Doch hier beginnt die erste Spannung: Eine zu „lockere Atmosphäre“ im Sinne der „Dritten Orte“ nach Oldenburg, könnte die Ernsthaftigkeit der Gedenkstätte untergraben. Die lockere Atmosphäre, die Oldenburg als Merkmal beschreibt, ist bei Gedenkstätten keineswegs selbstverständlich – und darf es auch nicht sein. Gedenkstätten durchbrechen den Alltag durch ihre Beschaffenheit. Sie konfrontieren mit Tod und Trauma und erfüllen gerade dadurch eine ethische Funktion.
Die entscheidende Frage wird damit: Wie schafft die Gedenkstätte die Orientierung an der Niedrigschwelligkeit ohne den inhaltlichen Aspekt durch Raumkonzepte zu verharmlosen?
Zwischen Partizipation und unkritischer Vereinnahmung
Gedenkstätten ermöglichen durch ihre offene Konzeption soziale Durchmischung. Menschen mit verschiedensten Hintergründen können hier aufeinandertreffen, ohne vorher Kontakt zueinander gehabt zu haben. Partizipative Formate können diesen Austausch fördern und verschiedene Perspektiven sichtbar machen.
Doch Partizipation birgt ebenfalls die Gefahr der unkritischen Vereinnahmung: Wenn alle Meinungen gleichwertig werden, kann die historische Faktizität unterwandert werden. Daher ist die Gedenkstätte auf wissenschaftlich fundierte Meinungen als Basis ihrer Arbeit angewiesen, die der unkritischen Vereinnahmung entgegen gestellt werden können.
Die Leitfrage lautet daher: Wie erschafft die Gedenkstätte partizipative Zugänge, ohne historische Faktizität zu unterwandern?
Zwischen Gemeinschaft und kritischer Distanz
Gespräche auf Augenhöhe sind in Gedenkstätten möglich: Sie zeigen uns unser Gleichsein als Menschen auf, während Ungleichheiten im Angesicht des Leids derjenigen, denen wir gedenken, transparent werden. Gemeinsames Gedenken kann dabei Solidarität schaffen und ein Gefühl von Zusammengehörigkeit erzeugen.
Doch diese Zusammengehörigkeit birgt ein Problem: Sie kann die notwendige Distanz zum historischen Geschehen einebnen, wenn sie durch das Konzept der „Dritten Orte“ zu stark fokussiert wird. Ein „Zuhause-Gefühl", wie es Oldenburg für Dritte Orte beschreibt, wäre in Gedenkstätten daher problematisch. So sollten die „Gespräche auf Augenhöhe“ zu einem gegenseitigen Respektieren des menschlichen Daseins führen, ohne ein „Zuhause-Gefühl“ zu evozieren. Daher bleibt die Frage, die keine einfachen Antworten zulässt, präsent: Was unterscheidet Täter, Opfer und heutige Besuchende?
Fazit: Die Spannung ist konstitutiv
Das Konzept der Dritten Orte ist in Teilen auf Gedenkstätten übertragbar – aber nur, wenn wir die entstehenden Spannungen als produktiv begreifen statt sie aufzulösen.
Gedenkstätten müssen diese Widersprüche aushalten: Sie sind Orte der Begegnung, die zugleich Unbehagen erzeugen. Sie ermöglichen Teilhabe durch Niedrigschwelligkeit, ohne die kritische Distanz aufzugeben oder zu verharmlosen.
Die Frage ist nicht, ob Gedenkstätten Dritte Orte sein, sondern wie sie das Konzept nutzen können: als Räume, die Begegnung und Unbehagen, Teilhabe und kritische Distanz nicht als Gegensätze verstehen, sondern als notwendige Pole einer ethischen Praxis. Nur durch das bewusste Gestalten und Aushalten dieser Spannungen bleiben Gedenkstätten ihrer Funktion treu – als Orte, die sowohl Dokumentieren, Gedenken, Bilden als auch Verbinden, Ermöglichen, Teilnehmen lassen. Sie sind Orte, die Gesellschaft im Angesicht von Ungerechtigkeiten konstituieren.

