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„Menschliche Hemmschwelle beunruhigend niedrig“ 55. bundesweites Gedenkstättenseminar in der Wewelsburg zu Entwicklungen und Perspektiven in der Täterforschung

Verfasst am 12. Juli 2011

Kreis Paderborn (krpb). Wie werden aus „ganz normalen Menschen“ Massenmörder? Wie kann man Antworten auf diese Frage so vermitteln, dass sie Bewusstsein schaffen und Erinnerung auch in der Zukunft gelingt? Die über 130 Teilnehmerinnen und Teilnehmer des 55. bundesweiten Gedenkstättenseminars beschäftigten sich in der Wewelsburg mit den Entwicklungen und Perspektiven der Täterforschung sowie den aktuellen und zukünftigen Herausforderungen in der historisch-politischen Bildungsarbeit in Gedenkstätten. Eingeladen hatten das Kreismuseum Wewelsburg, die Bundeszentrale für politische Bildung und die Stiftung Topographie des Terrors in Zusammenarbeit mit dem Verein „Gegen Vergessen – für Demokratie“.

 

Seit einigen Jahren werden in Gedenkstätten für die Opfer von Gewaltverbrechen zunehmend auch Ergebnisse der Täterforschung in Ausstellungen und pädagogischen Konzepten vermittelt. Hintergrund ist die Frage, wie aus „ganz normalen Menschen“ Täter werden können, die sich an Ausgrenzung, Verfolgung und (Massen)Mord beteiligen. Über den aktuellen Forschungsstand, Vermittlungskonzepte und die Zukunft des Erinnerns tauschten sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der verschiedensten Gedenkstätten und des Bildungsbereiches im Kreismuseum Wewelsburg aus.

 
Ungestrafte Möglichkeit zur Gegenmenschlichkeit

 

Den Auftakt des dreitägigen Seminars bildete der Vortrag des Sozialpsychologen Harald Welzer. Die neuesten Forschungserkenntnisse über Täterinnen und Tätern legten den Schluss nahe, „dass die menschliche Hemmschwelle, sich an Massenmord und Verbrechen zu beteiligen, beunruhigend niedrig liegt“, so Welzer. Situative Faktoren, Gruppendynamik, Technik, Arbeitsteilung oder auch schlicht der Reiz, vermeintlich ungestraft etwas sonst Unmögliches tun zu können, bewirkten eine erstaunliche schnelle Bereitschaft zur Gewaltanwendung bis hin zur Tötung von Menschen. Auf Grundlage erst kürzlich erschlossener Gesprächsprotokolle von deutschen Soldaten, die ohne ihr Wissen in alliierter Kriegsgefangenschaft belauscht wurden, könne zudem die langjährige Schutzbehauptung, man habe von NS-Verbrechen wie dem Judenmord nichts gewusst, ad absurdum geführt werden.

 

Jan Erik Schulte stellte in einem weiteren Vortrag des Eröffnungstages den aktuellen Stand der Täterforschung dar. Von biographischen Studien zu einzelnen Täterinnen und Tätern, so Schulte, seien keine grundsätzlich neuen Erkenntnisgewinne zu erwarten, sie könnten aber gute Einstiege in eine strukturelle Analyse der NS-Zeit sein. Die Täterforschung dürfe jedoch keinesfalls die Opferperspektive außer acht lassen. In multiperspektivischen Forschungsarbeiten zur Geschichte von Nationalsozialismus und seinen Verbrechen solle die Täterforschung „eine Facette neben Opfer-, Mitläufer- und Augenzeugenperspektive sein“; so Schulte.

 

Herausforderungen der Bildungsarbeit

 

Der zweite Seminartag verband Theorie und Praxis miteinander. Nach einem Vortrag zu museologischen und historischen Aspekten der Täter-Darstellungen in Gedenkstätten von Detlef Hoffmann und einer Einführung in die Wewelsburger Ausstellung „Ideologie und Terror der SS“ durch die stellvertretende Museumsleiterin Kirsten John-Stucke, arbeiteten die über 130 Teilnehmerinnen und Teilnehmer in Workshops. Die unterschiedlichen Darstellungsformen von Täterinnen und Tätern in Gedenkstätten sowie pädagogische Vermittlungskonzepte wurden exemplarisch anhand der Wewelsburger Ausstellung erarbeitet und die Ergebnisse diskutiert. Neben den Workshops boten die gemeinsame Zeit und eine Führung durch den historischen Ort Wewelsburg den Rahmen für Gespräche und Austausch.

 

Der letzte Seminartag widmete sich mit Vorträgen von Sonja M. Schultz und Gerhard Teuscher der Frage, wie in Dokumentar- und Spielfilmen Täterinnen und Täter dargestellt werden und inwiefern solche populären Medien für die historisch-politische Bildungsarbeit nutzbar gemacht werden können. In einer abschließenden Diskussionsrunde äußerten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mehrheitlich positiv über das Seminar und betonten, durch die Vorträge, den fachlichen Austausch und die Arbeitsgruppen „wichtige Denkanstöße für die eigene Arbeit mitzunehmen“, so die Bilanz von John-Stucke. Das nächste bundesweite Gedenkstättenseminar findet im Herbst in Osnabrück statt.

www.wewelsburg.de

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