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Einblicke in die Innenwelt der SS: „Verbrechen als Dienst an einer höheren Sache“ 3. Wewelsburger Symposium „Die SS – Selbstverständnis, Mentalitäten, Karrieren“ mit großem Besucherinteresse

Verfasst am 11. November 2010

Kreis Paderborn (krpb). Erschreckende und verstörende Einblicke in die Innenwelt der SS erhielten rund 150 Besucherinnen und Besucher des dritten Wewelsburger Symposiums am vergangenen Samstag, den 6. November, im Burgsaal der Wewelsburg. Drei Vorträge zu den Themen „Selbstverständnis, Mentalitäten und Karrieren von SS-Männern“ standen auf dem Programm. Ziel der Referenten war es, die Täter jener Organisation in den Blick zu nehmen, die verantwortlich zeichnete für Holocaust und Massenmord.

Arzt am "Volkskörper"

Landrat Manfred Müller unterstrich in seinem Grußwort zu Beginn der Veranstaltung, dass „jede Generation aufs Neue herausgefordert ist, sich der Geschichte des Nationalsozialismus zu stellen und der Opfer der SS-Gewalt zu gedenken – auch wenn sich eine abschließende Erklärung für den Nationalsozialismus wohl niemals finden lassen werde“, so Müller.

Der renommierte Freiburger Historiker Ulrich Herbert näherte sich in seinem Beitrag „Die SS in der deutschen Geschichte“ einem solchen Erklärungsversuch. Er betonte, die Taten der SS müssten besonders aus deren ideologischen Annahmen betrachtet werden: Im Sinne eines biologistische Rassismus wäre innerhalb der SS von der Existenz eines potenziell gesunden deutschen Volkskörpers ausgegangen worden, der durch negative äußere Einflüsse wie „Verunreinigung“ durch „artfremde Rassen“ geschädigt würde. Auch andere politische Ansichten wurden als „Krankheitserreger“ innerhalb des Volkskörpers angesehen. Der SS fiel ihrem eigenen Selbstverständnis gemäß die Rolle des Arztes zu, der die verschiedenen „Krankheitsbilder“ bekämpfen sollte. Ausgehend von dieser Mentalität war es den SS-Männern möglich, in der brutalen Verfolgung politischer oder rassischer Gegner und dem Massenmord einen tieferen Sinn zu erkennen und ihre Verbrechen als Dienst an einer „höheren Sache“, nämlich dem deutschen Volke, anzusehen. Die daraus resultierende Praxis der SS, so unterstrich Herbert, müsse man sich dabei immer wieder vor Augen halten: Das „Alltagsgeschäft“ der SS insbesondere in Osteuropa bestand vor allen Dingen in der Auffindung und Liquidierung von als Feinden klassifizierten Menschen. Vor diesem Hintergrund müsste auch das Bild des industriellen Massenmords in den Gaskammern der Vernichtungslagern geschärft werden: Der weitaus größere Teil der Holocaust-Opfer starb nicht in den Tötungszentren, sondern in zum Teil äußerst brutalen Blutorgien bei Massenerschießungen, Zwangsarbeit, Deportationen oder aufgrund der Lebensbedingungen in den Ghettos.

Mikrokosmos Wewelsburg spiegelt Gesamtentwicklung der SS

Besonders erschreckend war dabei, so betonte Dr. Matthias Hambrock von der Universität Halle-Wittenberg während seines Vortrages, dass viele Vordenker und Haupttäter der SS aus der Mitte der Gesellschaft kamen und häufig promovierte Akademiker und Intellektuelle waren. Den seit Jahren durch die wissenschaftliche Forschung geisternde „Normalitätsbegriff“ der Täter versuchte Hambrock anhand des Nachweises einer „Kompensationsmoral“ zu präzisieren. Demzufolge habe besonders die Selbstwahrnehmung der SS als „Opfer“ die Verbrechen ermöglicht. Ausgangspunkt hierfür sei ein Selbstverständnis als „verfolgte Unschuld“ angesichts vermeintlicher geschichtlicher Schicksalsschläge, äußeren wie inneren Feinden und den Herausforderungen der Moderne gewesen. Diese „Benachteiligungen“ hätten – in den Augen der SS – das rigorose Vorgehen gegen Gegner als „Kompensation“ gerechtfertigt.

Markus Moors, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Kreismuseums, arbeitete in seinem Vortrag heraus, welche Rolle der Wewelsburg innerhalb des SS-Apparates zufiel – und welche weit reichenden Pläne SS-Chef Heinrich Himmler noch für das Weserrenaissanceschloss hegte. Das in Wewelsburg geplante „Reichshaus der SS-Gruppenführer“ sollte eine elitäre Versammlungsstätte für die höchsten SS-Führer gigantischen Ausmaßes werden. Moors deutete die geplante ringförmige Anlage um die Wewelsburg als architektonisches Modell einer „idealen“ nationalsozialistischen Gesellschaft mit der SS als Mittelpunkt. Mindestens 1.285 Menschen kamen im Wewelsburger Konzentrationslager bei der Umsetzung der Baupläne als Zwangsarbeiter ums Leben. An kaum einem Ort, so betonte Moors, seien Ideologie und Terror der SS so unmittelbar miteinander verwoben wie in Wewelsburg. In einer Abschlussdiskussion stellten sich die Referenten den zahlreichen Fragen des Publikums.

Eingeladen zu diesem weiteren Veranstaltungshöhepunkt im Eröffnungsjahr der neuen zeitgeschichtlichen Abteilung „Ideologie und Terror der SS“ hatten das Kreismuseum und sein Förderverein. Den Abschluss der Vortragsreihe 2010 im Kreismuseum bildet am 25. November im Burgsaal der Wewelsburg der Vortrag von Museumsleiter Wulff Brebeck über die langwierige und kontroverse Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte in Wewelsburg.

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