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Erinnerungen an die Geisweider Juden Stolpersteinverlegung

Verfasst am 01. Februar 2011

Die Stolpersteinverlegung für die Geschwister Löwenstein Anfang Dezember 2010 war Anlass, an die Menschen jüdischen Glaubens, die einmal in Geisweid lebten, zu erinnern. Die Werbegemeinschaft Geisweid, Heiner Köhne und Thomas Weber haben für Meta (1880-1942), Hulda (1885-1942) und Julius Löwenstein (1883-1951) Stolpersteine gestiftet, die unter reger Anteilnahme weiterer Stifter und Interessierter am Ausgang der Werksverwaltung der Deutschen Edelstahlwerke, im Bereich der ehemaligen Unteren Kaiserstraße, von Fritz Klappert und Ralf Schumann (Jugendzentrum BlueBox) verlegt wurden. Roland Schmidt, Vorsitzender des Betriebsrates, begrüßte die Teilnehmer der Veranstaltung, die sich im Sitzungssaal zum Vortrag von Traute Fries und Klaus Dietermann zusammenfanden. Den Bezug zum Stahlwerk stellte die Vorsitzende des Heimat- und Verkehrsvereins her: Die Mitarbeiter und ihre Angehörigen waren Kunden des Textilgeschäftes „Geschwister Löwenstein“ und des Schuhgeschäftes „Salomon“. Abraham Rosenblum (1886-1942), der 1919 mit Frau Estera und Sohn Max (heute Meir) nach Klafeld zugezogen war, hatte Arbeit im Geisweider Eisenwerk gefunden. Sohn Josef wurde am 25. Dez. 1919 in Klafeld geboren. Er fiel 1948 im jüdisch-arabischen Krieg. Bruder Meir feierte Mitte Januar in Ramat Gan (Israel) seinen 98. Geburtstag. Die Eltern wurden im Oktober 1938 als Staatenlose nach Polen abgeschoben. Abraham Rosenblum starb am 8. Mai 1942 in Lodz. Das Todesdatum von Estera Rosenblum ist nicht bekannt.

 

Die Geschwister Löwenstein waren gebürtig aus Bochum. Das Kurz-, Weiß- und Wollwarengeschäft führten sie mindestens seit 1930, da die Schwester Selma Steinberg, USA, 1958 im Rahmen des Entschädigungsverfahrens Angaben zum Reinerlös des Geschäftes für die Jahre 1930 bis 1935 machen konnte. Nach dem Pogrom im November 1938 hatten die Schwestern nach Aussagen der Mitbewohnerin im Haus Untere Kaiserstraße 54, Frau Frieda Speck, kein Einkommen mehr und lebten von ihren Rücklagen. Ein Teil des Warenlagers sei an die Bevölkerung verteilt worden. Ladeneinrichtung und den restlichen Warenbestand habe der Kaufmann Karl Sonneborn übernommen. Bereits vor der Deportation am 28. April 1942 seien von der Gestapo Geld und Wertgegenstände beschlagnahmt worden. Nachbarin Elfriede Jung geb. Heinrich habe nach Aussagen einer Zeitzeugin die Schwestern wochenlang abends heimlich, ständig in der Gefahr erwischt oder verpetzt zu werden, mit den wichtigsten Grundnahrungsmitteln versorgt. Sie habe nicht mit ansehen können, wie die Nachbarn langsam verhungerten! Julius Löwenstein wurde am 27. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert. Er lernte dort seine Frau Alma (geb. Löwenstein, * 1901 in Dortmund, … 1976 in Siegen) kennen. Sie überlebten das KZ und heirateten Ende 1945 in Siegen. Sie lebten ab 1947 in der Unteren Kaiserstraße 54. Karl Sonneborn hat 10.000 Reichsmark Entschädigung an Julius Löwenstein nach seiner Rückkehr aus dem KZ gezahlt. Julius Löwenstein starb am 17. Jan. 1951 in Klafeld.

 

Jenny Salomon (1880-1941), eine der fünf Schwestern von Samuel Frank, war in erster Ehe mit Moses Frenkel verheiratet. Er fiel im Ersten Weltkrieg. Mit ihrem zweiten Ehemann David Salomon (1883-1931) hatte sie die beiden Töchter Ilse (1921-1941) und Doris (1926-1943). 1938 ging ihr Schuhgeschäft mit notariellem Vertrag an den Frisör Erich Wagner über. Die jüdischen Kinder – so auch Doris – durften im Zuge des Novembererlasses 1938 die Schulen nicht mehr besuchen. Die noch lebenden Mitschüler (u. a. Ilse Felten, Ernst Pauschert und Ilse Otto) bedauerten das sehr und behielten Doris in guter Erinnerung. Nach dem Tod der Mutter Ende März 1941 lebte Doris bei Onkel Salomon in Weidenau. Ihre Schwester hatte den Düsseldorfer Emil Haimann geheiratet und wurde mit ihm und den Düsseldorfer Juden am 10. November 1941 nach Minsk deportiert. Sie war hochschwanger. Wann sie dort umgekommen ist, ist nicht bekannt. Doris wurde mit Familie Frank und weiteren Siegerländer und Wittgensteiner Juden am 28. April 1942 nach Zamosc in Polen deportiert. Das letzte Lebenszeichen stammt aus einem Brief vom 18. Januar 1943. Die vorgenannte Deportation hat niemand überlebt.

 

Klaus Dietermann las den Bericht von Gustav Busch über die Familie Schatzki aus dem Heft von Pastor Walter Thiemann „Von den Juden im Siegerland“ von 1968 vor. Er ergänzte die Ausführungen um die Lebensläufe der Söhne der Familie Schatzki. Der Diplom-Ingenieur Ferdinand Schatzki (1857-1910) war als Oberingenieur bei der Siegener Verzinkerei AG in Klafeld-Geisweid tätig. Mit seiner Frau Beate geb. Stern aus Schmallenberg hatte er fünf Söhne, die alle im Hause des Schreinermeisters Julius Busch, Schulstraße 14 (heute Röntgenstraße), geboren wurden. Später lebte die Familie in Weidenau. Alle Jungen besuchten das Siegener Gymnasium und anschließend verschiedene Universitäten. Herbert Schatzki war Textilkaufmann und hatte bis zur Emigration eine Trikotagenfabrik mit 200 Mitarbeitern in Balingen (Württemberg). Dr. Erich Schatzki war u. a. Chefingenieur bei der Lufthansa. Er arbeitete, als er als Jude nicht mehr in Berlin bleiben konnte, für die „Swiss Air“, die Fokkerwerke und anschließend in den USA. Im „jungen“ Israel hat er als Flugzeugkonstrukteur die zivile und militärische Luftfahrt beraten. Ein Weg auf dem Lufthansa-Gelände in Frankfurt erinnert heute an ihn. Walter Schatzki hatte in Frankfurt eine bedeutende Buchhandlung mit Antiquariat, die Treffpunkt namhafter Journalisten, Literaten und Künstler war. Mehrere Brüder der Musiker-Familie Busch verkehrten dort und besuchten ihn nach seiner Emigration in die USA auch in der dortigen Buchhandlung. Er hatte u. a. eine Originalhandschrift des „Struwwelpeter“. Dr. Richard Schatzki war bis 1933 am Röntgenologischen Institut in Leipzig und danach im Röntgeninstitut der Harvard-Universität in Boston tätig. Der Jüngste, Dr. Paul Schatzki, war ebenfalls Arzt, zunächst als Schiffsarzt und später als praktischer Arzt in Melbourne (Australien). Nach dem Krieg haben alle „Schatzki-Jungen“ die alte Heimat besucht. Sie tauchten unverhofft bei der Familie Busch auf, ein Teil ihrer Kinder ebenfalls. Klaus Dietermann betonte zum Abschluss, dass es wichtig sei, neben den traurigen auch die positiven Erinnerungen wach zu halten.

 

tf, Jan. 2011

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