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Auf den Spuren der Vorfahren – Besuch aus den USA Großvater aus Los Angeles weiht Enkelin in deutsche Geschichte ein

Verfasst am 06. Juli 2006

In diesen Tagen besuchte Gary (Günter) Wolff aus Los Angeles zum dritten Mal das Aktive Museum Südwestfalen in Siegen am Obergraben. Doch dieses Mal kam er nicht allein. Er wollte seine 13-jährige Enkelin Danielle vor deren Bat Mitzwah (Feier zur religiösen Volljährigkeit jüdischer Mädchen) mit deren deutscher Familiengeschichte vertraut machen. Zum Einstieg in die Geschichte zeigte der Großvater seiner Enkelin am Modell des Lagers Auschwitz-Birkenau im Museum die Baracke, in der er Ende 1944 drei Monate als damals 16-Jähriger verbrachte. Klaus Dietermann, der Leiter des Museums, hörte bewegt zu, wie Gary Wolff seinen Weg von Auschwitz über Gleiwitz, Buchenwald und Theresienstadt schilderte. „Das waren Todesmärsche von einem Lager zum anderen, die nur wenige überlebten. Ich lief an der Spitze mit, setzte mich irgendwann hin, ruhte mich aus und wartete, bis dann das Ende der Kolonne auftauchte. Dann arbeitete ich mich wieder an die Spitze vor. So war mein Plan, diese Märsche zu überleben.“

Nach der Befreiung des Lagers Theresienstadt schloss er sich einer Familie an, die nach Siegen wollte. Dort kamen sie nach etwa drei Monaten an. „Ich hoffte“, so Gary Wolff, „dass meine Großeltern in der Wiesenstraße noch lebten.“ Doch im Haus der Großeltern wohnten fremde Menschen. Er kam für einige Wochen bei der Familie Albert Juncker in der Gläserstraße unter. Albert Juncker wurde nach dem Krieg erster Präsident der Industrie und Handelskammer in Siegen. Hier musste er erfahren, dass auch seine Großeltern Gustav und Rosa Jacob Opfer des Nationalsozialismus geworden waren. 1943 waren sie in ein jüdisches Altenheim nach Bielefeld „umgesiedelt“ worden. Ein Jahre später wurden die Großeltern nach Theresienstadt deportiert. Von dort gelangten sie im Oktober 1944 nach Auschwitz, wo sie getötet wurden. Zur selben Zeit hielt sich ihr Enkel Günter Wolff dort in der Kinderbaracke auf. Seine 1906 in Siegen geborene Mutter Johanna und sein Vater Eduard, der in Kobern an der Mosel geboren war, waren zu diesem Zeitpunkt bereits ermordet worden.

Vom Aktiven Museum Südwestfalen ging es sodann in die Wiesenstraße, wo die Großeltern Jacob einmal ihr Haus hatten: „Hier verbrachte ich bei meinen Großeltern in den 30er Jahren immer die Sommerferien. Meine Eltern wohnten damals in Düsseldorf, wo ich 1928 geboren bin, und weil sie ein Geschäft hatten, waren sie froh, wenn ich bei den Großeltern war. Ich spielte mit gleichaltrigen Jungen auf den Siegwiesen, am Wehr der Sieg, oder wir streiften durch das Schlachthofgelände. Es war immer eine schöne Zeit, in Siegen zu sein.“ So hörte Enkelin Danielle die Geschichten ihres Großvaters, die sich von dem, was sie in Los Angeles täglich erlebt, sehr unterscheiden.

Bevor sich die Großeltern Jacob in Siegen niederließen, hatten sie in Schwarzenau in Wittgenstein eine Metzgerei betrieben. Auch dieses Haus und den Ort wollte Gary Wolff seiner Enkelin zeigen. In Bad Beleburg wurden die Gäste aus den USA durch den Bürgermeister Bernd Fuhrmann bei einem Stück Kuchen in dessen Amtszimmer begrüßt. Und Enkelin Danielle war sich recht sicher: „I like Streuselkuchen“, stellte sie bald fest. Bürgermeister Fuhrmann überreichte den Besuchern einen Bildband mit alten Ansichten der Stadt. Danach übernahm die Stadtarchivarin Ricarde Riedesel die Führung durch Schwarzenau. Sie zeigte den Gästen, wo einmal nahe der Eder die Metzgerei des Gustav Jacob gestanden hatte. Anschließend gab es noch auf dem jüdischen Friedhof in Elsoff das Grab der Urgroßeltern von Gary Wolff zu besichtigen. Enkelin Danielle war beeindruckt, noch die Geburts- und Sterbedaten aus dem 19. Jahrhundert auf dem alten Grabstein ablesen zu können.

Am nächsten Tag fuhr Klaus Dietermann die Gäste des Aktiven Museums Südwestfalen nach Kobern an die Mosel. Dort sollte dann noch die Geschichte der Verwandtschaft der väterlichen Seite der Familie Wolff erzählt werden. Und der 77-jährige Gary Wolff hatte, nachdem er Klaus Dietermann zu sich nach LA eingeladen hatte, zum Schluss noch einen Wunsch an seinen Begleiter und Freund aus Siegen: „Kann ich in vier Jahren noch einmal kommen? Dann feiert mein Enkel Julian seine Bar Mitzwah. Auch ihm würde ich gerne die Geschichte unserer Familie näher bringen!“

Verfasser: Klaus Dietermann

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