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Zwischen Hoffen und Bangen Neue DVD beleuchtet das Schicksal jüdischer Familien in Münster

Verfasst am 03. November 2010

Heile Welt?

Münster, Ende der 1930er Jahre. Filmaufnahmen in Schwarz-Weiß zeigen eine scheinbar unbeschwerte Zeit. Familien beim Spaziergang auf der Promenade, spielende Kinder im Garten, Erwachsene beim Tennisspiel. Hakenkreuzfahnen sucht man vergebens. Doch die Idylle trügt.

Gedreht hat die Aufnahmen der jüdische Kaufmann Siegfried Gumprich in den Jahren 1937 bis 1939. Zum diesem Zeitpunkt hatten die Gumprichs wie die übrigen Mitglieder der jüdischen Gemeinde schon mit schwersten Repressionen und Demütigungen zu kämpfen. Anders als viele Freunde und Verwandte entkam die Familie aber fast in letzter Minute dem Holocaust: Drei Tage vor Kriegsbeginn gelang ihnen die Flucht nach Großbritannien.

Die »wohl einmaligen Amateurfilmsequenzen aus dem Leben einer jüdischen Familie in Deutschland zur Zeit der Naziherrschaft«, so Dr. Markus Köster, Historiker und Leiter des LWL-Medienzentrums für Westfalen, vermitteln ein positives Selbstverständnis der Familie als Teil der deutschen Gesellschaft, fern der bekannten Opferperspektive. Die Historikerin Gisela Möllenhoff, die die Filmrollen von Gumprichs Sohn Walter bekommen hatte, stellte gestern beim Pressegespräch die Vermutung an, dass sich die Familie innerlich auf ihre Auswanderung eingestellt habe und nur »schöne Erinnerungen an das Leben in Münster dokumentieren wollte«.

Auf der Suche nach Antworten

Diese historischen Filmdokumente bilden den Mittelpunkt der neuen vom Medienzentrum für Westfalen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe mit Unterstützung des Geschichtsortes Villa ten Hompel/Münster produzierten DVD »Zwischen Hoffen und Bangen. Jüdische Schicksale im Münster der NS-Zeit«. Der Filmemacher Markus Schröder und die Historikerin Gisela Möllenhoff liefern in zwei dokumentarischen Filmteilen beispielhafte Antworten auf die Fragen, wie sich seit 1933 die Entrechtung der jüdischen Bevölkerung in einer ganz normalen deutschen Stadt vollzog, wie die Betroffenen den Prozess der Ausgrenzung und Verfolgung erlebten und wie sich die nichtjüdischen Nachbarn verhielten.

Neben den Gumprich-Aufnahmen dokumentiert Markus Schröder die Erinnerungen von Hans Kaufmann, der 1925 als Sohn eines angesehenen jüdischen Rechtsanwaltes in Münster geboren wurde. Der inzwischen 85-Jährige schildert ohne jedes Pathos, aber mit großer Eindringlichkeit, wie er als Kind die immer stärkere Verfemung und Isolierung der jüdischen Bevölkerung Münsters erlebte, aber auch, wie seine Eltern ihm 1939 zur Flucht nach Dänemark verhalfen. Von dort entkam Hans Kaufmann 1943 nach Schweden, seiner heutigen Heimat.

Ein dritter Teil, der insbesondere für die schulische und außerschulische Bildung konzipierten DVD, enthält filmanalytische Bausteine und umfangreiche Begleitmaterialien für einen methodisch-reflektierten Einsatz im Geschichtsunterricht und die Vermittlung kritischer Medienkompetenz. Komplementiert wird die DVD durch die Originalaufnahmen von Siegfried Gumprich.

Filmpremiere

Am Mittwoch, 10. November, um 20 Uhr wird die DVD »Zwischen Hoffen und Bangen« im Geschichtsort Villa ten Hompel, Kaiser-Wilhelm-Ring 28 in Münster erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Der Eintritt ist frei. Im Anschluss an die Präsentation findet ein von Andreas Determann (Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Münster e.V.) moderiertes Podiumsgespräch mit dem Filmemacher Markus Schröder, der Historikerin Gisela Möllenhoff und dem Medienpädagogen Jan Telgkamp statt. Im Anschluss besteht Gelegenheit zum Gespräch und zum Erwerb der DVD.

»Zwischen Hoffen und Bangen. Jüdische Schicksale im Münster der NS-Zeit«

DVD mit Begleitheft

Spielzeit ca. 90 Minuten, s/w und Farbe, Preis 14,90 Euro.

Bezug: LWL-Medienzentrum für Westfalen, Fürstenbergstraße 14, 48147 Münster, E-Mail: medienzentrum@lwl.org, Fax: 0251-591-3982, www.westfalen-medien.lwl.org

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