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Wieder gut gemacht? Von der Geschichte der Verfolgung Ausstellung in der Villa ten Hompel widmet sich ab Oktober 2005 einem noch blinden Fleck in der Erinnerungskultur. Bund und Land fördern mit 170 000 Euro

Verfasst am 02. Februar 2005

(SMS) Bundesweit zum ersten Mal nimmt eine Ausstellung in Münster die Entschädigung von NS-Opfern in den Blick. „Wieder gut gemacht?“ – unter dieser Fragestellung steht die zweite große Dauerausstellung in der Villa ten Hompel ab Oktober 2005. Mit insgesamt 172 000 Euro fördern Bund und Land dieses Projekt in einem Haus, in dem sich in beklemmender Weise Täter- und Opfergeschichte verzahnen.

Die Villa ten Hompel, im Dritten Reich Schaltzentrale der Ordnungspolizei, beherbergte nach dem Krieg das Dezernat für die Entschädigung von NS-Verfolgten im Regierungsbezirk Münster. Wie geht ein Geschichtsort damit um, dass in seinem Haus nicht nur der Polizeieinsatz für die Vernichtung der Juden organisiert wurde, sondern auch die Anträge der Überlebenden auf Entschädigung gestellt wurden?

„Wir stellen uns dieser besonderen Herausforderung“, sagt Christoph Spieker, Leiter des Erinnerungs- und Bildungsortes. Einer größtmöglichen Öffentlichkeit neue Sichtweisen auf die Geschichte des NS-Unrechts zu erschließen sei zentrales Anliegen der Schau. „Sie will zur Auseinandersetzung mit den bis heute aktuellen Themen Verfolgung, Verwaltung und Verantwortung beitragen“. Schon mit der ersten Dauerausstellung zur Verantwortung der Schreibtischtäter im NS-Regime betraten die Historiker in der Villa ten Hompel weitgehend unerforschtes Terrain. Daran will die Folgepräsentation anknüpfen. Christoph Spieker: „Auch die so genannte `Wiedergutmachung` gleicht noch immer einem blinden Fleck in der öffentlichen Erinnerung der Deutschen“.

Wie verfuhr die westdeutsche Demokratie mit den Ansprüchen der vielen tausend Opfer aus dem In- und Ausland auf Entschädigung? Welche Erfahrungen machten die Überlebenden -Juden, Sinti und Roma, Zwangssterilisierte, verfolgte Sozialdemokraten, Kommunisten und Katholiken in der Nachkriegsgesellschaft? Wie reagierte die Verwaltung auf Entschädigunganträge? Und wie die Gerichte? Welches Bild hatte die Öffentlichkeit von den NS-Verbrechen? Diese erst in Ansätzen erforschten Aspekte des „Über- und Weiterlebens“ wird die Ausstellung in Münster aufarbeiten. Ihre Gestaltung mit interaktiven Medien und Rauminstallationen liegt bei Professor Norbert Nowotsch (Fachhochschule Münster).

Die Zeit stellt sich dem Erinnern immer mehr entgegen: „Die Ära der Zeitzeugen, die überlebt haben, neigt sich ihrem Ende entgegen. Es ist unsere Pflicht als Historiker, ihre Erfahrungen als Opfer und ihre Sicht auf die Geschichte für die Zukunft zu bewahren“, erläutert Professor Alfons Kenkmann (Leipzig/Münster) das Engagement von Stadt, Bund und Land.

Der 8. Mai 1945 habe für die Überlebenden in doppelter Hinsicht eine andere Dimension als für die Mehrheit der Deutschen, so der wissenschaftliche Berater der Villa ten Hompel zum 60. Jahrestag des Kriegsendes. Für die Opfer bedeutete der Tag die lang ersehnte Befreiung aus Konzentrationslagern, Gefängnissen und Verstecken. Das war die äußere Befreiung. „Die körperlichen und psychischen Leiden indes, die Erinnerung an ermordete Angehörige haben die Verfolgten ein Leben lang begleitet“, so Alfons Kenkmann.

Hinzu kamen die Folgen einer unterbrochenen Berufslaufbahn. Oder, insbesondere bei den jüdischen Verfolgten, der dauerhafte Verlust von Eigentum durch staatlich legalisierten Raub. Der finanziellen Entschädigung und Rückerstattung kam hier eine immense Bedeutung zu. Nicht minder wichtig war die öffentliche Anerkennung der Verfolgung. Auch das wird die Ausstellung an Beispielen der jüngeren Debatten über die Zwangsarbeiter und anderer so genannter „vergessener Opfer“ zeigen.

Im Ergebnis will die Ausstellung deutlich machen, dass die Beziehung zwischen Demokratie und Verfolgung voller Konflikte steckte. Und dass es nach wie vor mehr offene Fragen als Antworten gibt auf die Frage „Wieder gut gemacht?“

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