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"Wenn wir unsere eigene Geschichte vergessen, spricht irgendwann niemand mehr darüber."

Verfasst am 23. November 2014

Heute vor 22 Jahren kam es im schleswig-holsteinischen Mölln zu dem rechtsextremen Anschlag auf ein Mietshaus, der drei Frauen das Leben kostete. Ein Verwandter dieser drei Umgekommenen, der aus dem brennenden Haus gerettet worden war, erinnert unermüdlich an die grausame Gewalttat und an die Opfer. Ibrahim Arslan stand dem Team der Villa ten Hompel und der Regionalarbeitsgruppe von Gegen Vergessen - Für Demokratie deshalb Rede und Antwort. Regionalsprecher Horst Wiechers und Stefan Querl von der Villa ten Hompel hatten ihn mit Unterstützung der Berliner Bundesgeschäftsstelle von Gegen Vergessen - Für Demokratie eingeladen. Von dem Abend berichtet Journalist Willi Haentjes, Mitglied bei GVFD:
 

Der Junge, der überlebt hat, ist heute ein Mann. Ein Mann, der als Opfer rechtsextremer Gewalt kein Blatt vor den Mund nimmt und klare Forderungen stellt. Ibrahim Arslan war sieben Jahre alt, als in der Nacht zum 23. November 1992 das Wohnhaus der Familie im schleswig-holsteinischen Mölln von den Rechtsradikalen Michael P. und Lars C. mit Brandsätzen angezündet wurde. Eng an den Kühlschrank in der Küche gekauert wird er von einem Feuerwehrmann gerettet – seine Großmutter Bahide (51), die Cousine Ayşe (14) und seine Schwester Yeliz (10) sterben in den Flammen.

Noch in der Tatnacht rufen die Neonazis selbst bei der Polizei an: „Wir haben ein Haus in der Mühlenstraße angezündet. Heil Hitler!“ Dennoch kursieren Gerüchte im Ort, Ibrahims Vater Faruk hätte seine Familie in der Wohnung eingesperrt und dann das Haus angezündet. „Diese Umkehrung von Täter- und Opferperspektive ist keine Erfindung der NSU-Morde“, sagt Ibrahim. Es sei ein gesellschaftlicher Reflex, der immer wieder bei Anschlägen mit rassistischen Motiven auftrete. Die Täter wurden später zu langen Freiheitsstrafen verurteilt, sind aber längst wieder auf freiem Fuß. Die Opfer sind weiter gefangen in ihrer Geschichte.

Häufig, wenn Ibrahim über die Geschehnisse dieser Nacht redet, stellt sich Husten ein. Das dumpfe, trockene Geräusch aus seiner Kehle ist traumabedingt. Seine Frau, seine zwei Söhne, er selbst – alle haben sich daran gewöhnt. Je näher der Jahrestag rückt, desto heftiger wird es. „Die Stadt Mölln hat uns dann immer formell und steril zu einer Gedenkveranstaltung eingeladen. Reden waren unerwünscht. Das ist respektlos – ich lade mich ja auch nicht in meine eigene Wohnung zum Essen ein und spreche dabei nicht.“ Ibrahim ist wütend auf Politiker, die 364 Tage im Jahr schweigen, auf einer Gedenkveranstaltung sprechen und diese dann verlassen, bevor die Opfer zu Wort gekommen sind.
Mittlerweile organisieren die Arslans ihre eigene Gedenkveranstaltung. „Wir sind die Hauptzeugen. Es ist unsere Geschichte.“ Und die zu erzählen, fällt ihm nicht leicht. Jedes Jahr zwingt er sich am 23. November dazu, nicht zu verdrängen und nicht zu vergessen. „Aber wenn wir unsere eigene Geschichte vergessen, spricht irgendwann niemand mehr darüber. Das darf nie geschehen. Nie.“

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