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Von der "West-Lounge" ein klarer Blick gen Osten und in alle Himmelsrichtungen Exkursion der Villa ten Hompel mit der Evangelischen Gemeinde aus Dülmen befasste sich in Berlin mit Mauerfall, Einigungsprozess und der Rolle beider Kirchen in der DDR.

Verfasst am 29. November 2019

"Wir müssen reden." Vor zehn Jahren war der Aufruf für ein Geschichtsforum "Europa zwischen Teilung und Aufbruch" in Berlin so humorig-pointiert überschrieben. Es ging um die Jahre 1989 und 1990. Den Appell nahmen 33 interessierte Erwachsene aus dem Münsterland auch jetzt bewusst ganz wörtlich: In Kooperation von Evangelischer Kirchengemeinde Dülmen, Geschichtsort Villa ten Hompel und "Gegen Vergessen - Für Demokratie" (GVFD) nahmen sie sich als religiöse Reisende kurz nach dem 30. Jahrestag der Maueröffnung Muße zum Reden. Über heikle Zeit- und Streitfragen, und das im Zuge einer Exkursion in die Bundeshauptstadt Berlin, die dort die Friedliche Revolution 1989, den Fall des "Eisernen Vorhangs" und auch den ebenso wichtigen wie schwierigen Einigungsprozess im Fokus hatte. Gemeinsam hielt die Gruppe Fürbitten, sang und betete. Sie scheute sich aber auch vor politischem "Zoff" nicht: So über die Rolle der christlichen Kirchen in den Jahren vor und nach der vermeintlichen "Wende".
Pfarrerin Susanne Falcke von der Gemeinde Dülmen und Stefan Querl aus der Regionalarbeitsgruppe Münsterland bei GVFD e.V., stellvertretender Leiter des Geschichtsortes Villa ten Hompel in Münster, gestalteten die Fahrt. Sie stellten den Kontakt her zu Zeitzeugen, zu Pfarrerinnen, Pfarrern und zu Esther Schabow, Beauftragte für Kultur und Öffentlichkeitsarbeit in der Versöhnungs-Kirchengemeinde, die in der gleichmamigen Kapelle am ehemaligen "Todesstreifen" eine der Andachten für Maueropfer hielt. Darüber hinaus auch zur Synagoge Rykestraße im Prenzlauer Berg, denn auch der Aspekt des christlich-jüdischen Dialogs im deutsch-deutschen Mit- und teils Gegeneinander der Nachkriegszeit wurde beleuchtet. Dazu gegenwärtige Kontroversen, etwa um Kirchenasyl, Sozialfürsorge oder den gesellschaftlichen Ruck in die Extreme, gegen den sich alle aus der Exkursionsrunde massiv verwahrten. Nur im Konsens lasse sich Kirche und Gesellschaft bauen, hieß es.
Besuche an verschiedenen Erinnerungsorten wie dem ehemaligen Notaufnahmelager Marienfelde, auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof und an der Gedenkstätte Berliner Mauer, Bernauer Straße 111, führten die Intensität des Kalten Krieges und seiner Folgen eindrucksvoll vor Augen. Ausgesprochen präzise, offen und fundiert benannte Dr. Helge Heidemeyer, Stiftungsvorstand der Gedenkstätte in Hohenschönhausen, an einem Gesprächsabend Herausforderungen und Probleme einer "gespaltenen Erinnerung" in der Nation. 
Dabei schaute er nicht allein nach Osten und Westen, sondern mit klarem Blick in alle Himmelsrichtungen und "unter deutsche Dächer". Schließlich verlaufe, so Heidemeyer, dieser Riss längst nicht nur entlang der früheren Grenzen. Er gehe mitten durch die jüngeren Bundesländer, und er mache auch vor der alten Binnenstruktur der früheren Bundesrepublik Bonner Prägung nicht Halt. Dr. Helge Heidemeyer stellte sich in der "West-Lounge" in der nordrhein-westfälischen Landesvertretung beim Bund den Fragen der Christinnen und Christen: Es entspann sich dort eine ebenso intensive wie heilsame Debatte gegen falsch verstandene, nämlich die Diktatur verklärende "Ostalgie". Dazu auch gegen gewisse Arroganz von "Besserwessis" und selbsternannten Ratgebern des rechten Spektrums, denen heute mehr an Spaltung statt Versöhnung gelegen sei. Das Spektrum an Themen sei mit der Fahrt nicht abgeschlossen, befanden alle, in Dülmen werde daran weiter gearbeitet unter dem Dach von Gemeinde, Villa ten Hompel und der RAG. Das nahmen sich Pfarrerin Susanne Falcke, die in Berlin ihr Vikariat absolviert hatte, und Stefan Querl und Mitstreiterinnen wie Simone Braun vor. Entsprechende Veranstaltungen sollen folgen.

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