Inhalt

Villa-Mitarbeiter Thomas Köhler ist zusammen mit Wolf Kaiser und Elke Gryglewski Autor eines neuen didaktischen Arbeitsbuches zur Geschichte der Polizei im Nationalsozialismus "Nicht durch formale Schranken gehemmt" ist nun über die Seiten der Bundeszentrale beziehbar.

Verfasst am 29. Januar 2013

Thomas Köhler, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Geschichtsort Villa ten Hompel, hat als Autor zusammen mit Wolf Kaiser und Elke Gryglewski von der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz in Berlin ein didaktisches Unterrichts- und Arbeitsbuch zur Geschichte der deutschen Polizei im Nationalsozialismus erarbeitet und geschrieben, das zudem einen Beitrag über Polizeikulturforschung von Rafael Behr, Professor an der Hochschule der Polizei in Hamburg, enthält.

Das multimediale Buch, das in Form einer Blattsammlung und einer beiliegenden DVD angelegt ist, wird von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegeben und vertrieben. Die Veröffentlichung ist der abschließende Baustein des Projekts „Die Polizei im NS-Staat“, das die Innenministerkonferenz des Bundes und der Länder 2008 initiiert hatte und das von der Deutschen Hochschule der Polizei umgesetzt wurde. So war bei der temporären Ausstellung „Ordnung und Vernichtung. Die deutsche Polizei im NS-Staat“ im Deutschen Historischen Museum in Berlin, die über 50.000 Besucher zählte, der Geschichtsort Villa ten Hompel Kooperationspartner.

Die gerade erschiene Publikation soll sowohl für die Aus- und Fortbildung von Polizisten an den Fachhochschulen und Fortbildungszentren der Länder als auch an Universitäten eingesetzt werden. Durch eine spezielle SchülerInnen-Perspektive ist der didaktische Band aber ebenso als innovatives Unterrichtsmaterial an Schulen einsetzbar.  

Die Kapitel des Buches bestehen jeweils aus einer historischen Einführung für Lehrende und Lernende, einem Materialteil mit Dokumenten und Fotos sowie einem Vorschlag zum möglichen Ablauf des Unterrichts mit Arbeitsaufträgen für Kleingruppen, Impulsen für Unterrichtsgespräche usw.

Nach einer didaktischen Einleitung und einem Beitrag von Rafael Behr, der als Gastautor die „Cop Culture“ als Rahmenbedingung historisch-politischen Lernens von Polizeibeamten beschreibt, thematisiert ein umfangreiches Kapitel den Wandlungsprozess der deutschen Polizei von der Weimarer Republik bis in die beiden deutschen Staaten hinein. Es verdeutlicht die tiefgreifenden strukturellen und personellen Veränderungen ebenso wie den Wandel des Selbstverständnisses der Polizei im Längsschnitt.

Diesem grundlegenden Kapitel folgen Abschnitte, die die Verfolgung politischer Gegner durch die Polizei, die sog. „vorbeugende Verbrechensbekämpfung“, die Mitwirkung der Polizei an der Ermordung der Sinti und Roma und der europäischen Juden und ihre Verbrechen an der sonstigen Bevölkerung in den besetzten Ländern Europas sowie die Verfolgungsmaßnahmen nach der Kriegswende in Deutschland zum Thema haben. Ein Kapitel mit beispielhaften Biografien, das die Handlungsspielräume von Polizisten im Nationalsozialismus ausleuchtet, und ein Kapitel zum Umgang der Polizei in der Bundesrepublik und der DDR mit ihrer Vergangenheit bilden den Abschluss.

Das Buch kostet 7 Euro und ist bei der Bundeszentrale für politische Bildung  bestellbar:

www.bpb.de/shop/lernen/themen-und-materialien/150604/nicht-durch-formale-schranken-gehemmt

Inhalt

Der NS-Staat konnte sich von der Machterringung im Januar 1933 bis in die letzten Kriegstage im April 1945 hinein auf die deutsche Polizei stützen. Nicht nur die Gestapo, wie immer wieder gerne behauptet wurde, sondern alle Sparten der deutschen Polizei waren am Terror und an den Verbrechen des NS-Staats beteiligt.

Während des Zweiten Weltkriegs war sie war maßgeblich an den Völkermorden gegen die europäischen Juden und gegen die als „Zigeuner“ stigmatisierten Gruppen der Sinti und Roma beteiligt. Vor allem in Mittel- und Osteuropa verübten Polizeisparten massenhaft Verbrechen gegen die dortige Zivilbevölkerung und verschleppten Zivilisten zur Zwangsarbeit für die deutsche Kriegswirtschaft. Innerhalb des damaligen Deutschen Reiches versuchte die Polizei jedwede Widerständigkeit gegen das Regime brutal zu unterdrücken. Ebenso gerieten Gruppen, die von der NS-Bewegung aus politischen, religiösen, ethnischen oder sozialen Gründen diskriminiert wurden, in den Verfolgungsfokus der Polizei.

Auf die Frage, warum und unter welchen Bedingungen Polizisten Unrechtstaten bis hin zum Massenmord begingen, gibt es verschiedene Antworten. Zwar betonen neue sozialpsychologische Erklärungsmodelle die jeweiligen gesellschaftlichen Normen und Werte und situative Aspekte des Mordens, in der geschichtswissenschaftlichen Forschung ist aber ein weltanschaulicher Hintergrund der Verbrechen des NS-Staates ebenso unbestritten. Die Konstellationen, in denen Menschen zu Massenmördern werden, sind - das zeigen vielfältige Beispiele auch aus der jüngsten Vergangenheit – durchaus wiederholbar.

Die Texte und Materialien des Bandes sollen Polizisten über die Geschichte ihres Berufsstands informieren. An der Geschichte der deutschen Polizei im 20. Jahrhundert soll gezeigt werden, dass Machtapparate ohne die strikte Verpflichtung auf den demokratischen Rechtsstaat unkontrollierbar sein können und so aus dem "Freund und Helfer" ein „Weltanschauungskrieger“ werden kann. Vermittelt werden soll, dass Polizisten grundsätzlich für ihr Handeln persönlich verantwortlich sind und waren und sich im Falle von strafbaren Anordnungen nicht auf Befehl und Gehorsam berufen können.

Diese Fragen sind jedoch nicht nur für die Aus- und Fortbildung von Polizisten relevant. Die Fallbeispiele sollen als „historisches Lernen“ für die gegenwartsorientierte politische Bildung innerhalb und außerhalb der Schule genutzt werden, um damit zum einen die organisatorischen und praxeologischen Strukturen eines komplexen Apparats im NS-Staat zu verdeutlichen und zugleich grundsätzliche Fragen nach dem Verhalten von Menschen in autoritären und diktatorischen Strukturen zu stellen, was auch eine praktische Hilfe bei der Auseinandersetzung mit aktuellen Erscheinungsformen des Rechtsextremismus sein kann.

Mit der vorliegenden Publikation in der Reihe “Themen und Materialien“ der Bundeszentrale für politische Bildung stellen die Autoren Thomas Köhler, Wolf Kaiser und Elke Gryglewski eine Text- und Materialsammlung zur Verfügung, die Lehrenden Anregungen und Hilfen für den Unterricht bietet und es ihnen erlaubt, fächerübergreifend und unter verschiedenen Blickwinkeln Zugänge zum Thema zu schaffen und Lernende unterschiedlichster Art dazu animiert, sich intensiv mit dem Nationalsozialismus und speziell den damaligen Aufgabenspektren der Polizei auseinanderzusetzen.

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