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"Tora und Textilien" Die Villa ten Hompel gratuliert der Begegnungsstätte Alte Synagoge Wuppertal zur Herausgabe des neuen Ausstellungsbandes.

Verfasst am 27. September 2021

Die Kultur des europäischen Judentums in Geschichte und Gegenwart (besser) kennenlernen: Dazu trägt auch das Museum und die Arbeit der Begegnungsstätte Alte Synagoge Wuppertal einen Teil bei. Bewusst stellte die Gedenkstätte daher am Europäischen Tag der jüdischen Kultur ihren neuen Band „Tora und Textilien“ zur gleichnamigen Dauerausstellung des Museums vor. Pandemiebedingt konnte die Buchvorstellung nicht allein in Präsenz, sondern nur in begrenzter Personenanzahl stattfinden. Aber auch das Digitale habe seine Vorteile, wie Antonia Dicken-Begrich, Vorsitzende des Trägervereins der Alten Synagoge bekräftigte, denn so könnten Gäste aus aller Welt und insbesondere in größerer Distanz lebende Nachkommen der ehemaligen jüdischen Mitbürger*innen Wuppertals. In Anwesenheit u.a. des Bürgermeisters Heiner Fragemann, des Parlamentarischen Staatssekretärs im Ministerium für Kultur und Wirtschaft Klaus Kaiser und von Ralf Putsch (KNIPEX-Werk C. Gustav Putsch KG) als Vertreter von Förderern aus Industrie und Handel, präsentierten die Historikerinnen Ulrike Schrader und Christine Hartung die Idee, Entwicklung, Ergebnisse und Ziele ihrer Forschung. Das Anliegen könnte kaum deutlicher ausgedrückt werden als durch den Titel der neuen Veröffentlichung: Wie schon der erste, gleichnamige Band zur Ausstellung hebt sie die Bedeutung jüdischen Lebens und seiner Kultur – mit der Tora als religiöses Heiligtum – für die Stadtgesellschaft ab dem Beginn des 19. Jahrhunderts hervor – zu der Zeit, als sich jüdische Gemeinden in den Städten Barmen und Elberfeld etablierte und beim Aufstieg der Textilindustrie in der Region mitwirkte. So erzählen Ausstellung und Publikation Geschichten jüdischen Lebens im Bergischen Land: Geschichten von Individuen, die sich ein Leben und eine Gemeinde aufbauten und als Teil der Gesellschaft das kulturelle und wirtschaftliche Leben wesentlich mitgestalteten. Bis die wachsenden Ressentiments immer hörbarer und öffentliche Anfeindungen lauter wurden und sich die Grenzen des Sagbaren und schließlich des Handelns unter dem nationalsozialistischen Regime immer weiter verschoben: bis Einschüchterung und Ausgrenzung für die jüdische Bevölkerung zum Alltag wurden und sich die antijüdischen Maßnahmen Schritt für Schritt radikalisierten und auch vor Mord keinen Halt machten. So dienen die Recherchen der Alten Synagoge Wuppertal auch der Erinnerung und dem Gedenken; indem sie Opfern einen Namen geben, wie Christine Hartung und Ulrike Schrader hervorhoben. Doch die Geschichten bleiben nicht nur in der Historie. Gespräche mit jüdischen Frauen und Männern, vom Kindes- bis ins Erwachsenenalter, zeigen die Vielfalt jüdischer Kultur bis in die Gegenwart und den ganz persönlichen Umgang mit ihr, mit Religion, Tradition und Zugehörigkeit. Geschrieben wird auch über die Erinnerungskultur unserer Gesellschaft, indem auf Notizzetteln festgehaltene Eindrücke der Besucher*innen veröffentlicht werden, etwa ihre Gedanken zu unserer „Gesellschaft“ oder „Verfassung“. Neben der Erinnerung wird so auch Partizipation gestärkt. Gleichzeitig können die Recherchen der Alten Synagoge Wuppertal den Blick auch auf andere Städte lenken, in denen sich zur gleichen Zeit wie im Bergischen Land jüdische Menschen ansiedelten. Tora und Textilien in Wuppertal? Tora, Handwerk und Handel in Münster? Um immer weitere Städte ließe sich die Liste erweitern. Umso wertvoller ist die neue Herausgabe der Forschung und ihrer Ergebnisse, die in Zukunft um neue Erkenntnisse weitergeführt werden soll – und vielleicht einen Ansatz bieten können, auch anderswo den Einfluss jüdischer Kultur auf die gesamte Gesellschaft anzuerkennen und aktuellen fremdenfeindlichen und antisemitischen Tendenzen entgegenzuwirken. Die Villa ten Hompel gratuliert und dankt der Alten Synagoge Wuppertal für ihre Arbeit und ihr Engagement.

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