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Späte Anerkennung für ein NS-Opfer im Beisein des Bundespräsidenten Doßmann, designierter Leiter Villa ten Hompel, hält Gedenkrede bei Stolpersteinverlegung für Bruno Lüdke / Kulturdezernentin Wilkens: „Über das Handeln rassistischer Weltanschauungstäter vor und nach 1945 aufklären“

Verfasst am 30. August 2021

Münster (SMS) Im Zentrum von Münster verankert die Skulptur von Paul Wulf seit 2007 ein Opfer der nationalsozialistischen Zwangssterilisation unübersehbar ins Stadtgedächtnis. Wulf wurde 1938 sterilisiert, der Berliner Kutscher Bruno Lüdke 1940. Lüdke und Wulf sind zwei von über 400.000 Menschen, denen Ärzte und Juristen im Nationalsozialismus das Recht auf Fortpflanzung nahmen.

Am Samstag, 28. August, ist schließlich ein Stolperstein für Bruno Lüdke im Berliner Stadtteil Köpenick verlegt worden. Der anwesende Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sagte: "Bruno Lüdke war kein Täter, er war ein Opfer. Er ist im Gewahrsam der Nazis gestorben nach einer Reihe von pseudomedizinischen Menschenversuchen, die an ihm verübt worden sind." Mit dem Gedanken an Lüdke werde auch an die vielen Menschen gedacht, "die mit Behinderung von den Nazis verfolgt, missbraucht und ermordet worden sind".  Er dankte der Initiative der Stolpersteine, "weil sie eben auch jüngere Leute, jüngere Generationen über unsere eigene Geschichte stolpern lässt, nachdenken lässt darüber, was an Unrecht geschehen ist und mithelfen lässt, dass solches nie wieder geschieht."
Der Historiker Axel Doßmann, der designierte Leiter der Villa ten Hompel in Münster, hielt mit der Kulturwissenschaftlerin Susanne Regener die Gedenkrede.
Auch Münsters Kulturdezernentin Cornelia Wilkens war nach Berlin gereist. "Mit Bruno Lüdke vergegenwärtigen wir heute auch ein Opfer polizeilicher Gewalt", betonte Wilkens. "Viele Deutsche wissen heute noch gar nicht, in welchem Ausmaß die NS-Polizei rassistische Verbrechen vorbereitet und exekutiert hat. Mit der Villa ten Hompel in Münster werden wir auch darum weiterhin viel dafür tun, über das Handeln rassistischer Weltanschauungstäter vor und nach 1945 aufzuklären." 
Bruno Lüdkes Leben war kurz. Im April 1944, im Alter von 36 Jahren, ermordeten ihn Kriminalpolizisten aus dem Reichssicherheitshauptamt. Der Fall blieb "Geheime Reichssache". Ein Jahr zuvor war der Kutscher wegen Mordverdacht in die Fänge der Berliner Kripo geraten. Man fotografierte Lüdke an Tatorten, machte falsche Versprechungen, erpresste Geständnisse. Diese polizeiliche "Fabrikation eines Verbrechers" (Spector Books 2018), so die Medienwissenschaftlerin Susanne Regener und der Historiker Axel Doßmann, hatte Methode. Der ahnungslose, geistig eingeschränkte Mann wurde zu einem 50-fachen Mörder stilisiert, passend gemacht für das politische Zerrbild vom Triebtäter, der als "Gemeinschaftsfremder" aus der "Volksgemeinschaft" ausgestoßen werden müsse.
Falsche Dokumente der Kripo im "Spiegel"
Das Ende der NS-Herrschaft brachte für diesen Fall keine Aufklärung. Im Gegenteil: die Fake-Dokumente der Kripo wurden im "Spiegel" und in der "Münchner Illustrierten" als True Crime vermarktet. Lüdke galt öffentlich bis in die 1990er Jahre hinein als größter deutscher Serienmörder – so ließ sich über die wahren deutschen Massenmörder im Nationalsozialismus, auch die aus der Polizei, wortreich schweigen. Regisseur Robert Siodmak entwickelt 1957 aus dem perfiden Stoff eine filmische Parabel auf die Gestapo und SS. Sein Spielfilm, "Nachts, wenn der Teufel kam", erhielt viele Bundesfilmpreise. Mit der Rolle des geisteskranken Mörders begründete der Schauspieler Mario Adorf seine Filmkarriere.


Heute ist klar: Lüdke war kein Mörder. Schauspieler Adorf bedauert inzwischen, unwissentlich an der Legendenbildung über Lüdke mitgewirkt zu haben. Adorf regte für den Kutscher eine öffentliche Würdigung an, wandte sich an das Bundespräsidialamt. Adorfs Nachdenklichkeit verdankt sich auch seinem Austausch mit Susanne Regener und Axel Doßmann.
Die beiden Wissenschaftler zitierten in ihrer Gedenkrede aus einem Brief der Nichte von Bruno Lüdke: "Auch eine späte Gerechtigkeit ist Gerechtigkeit und für uns Nachkommen eine Genugtuung." Sie und ihre Familie haben mit dem Stolperstein endlich einen Ort, an dem sie "gedenken und eine Blume niederlegen können."

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