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Polnischer Historiker und Holocaust-Überlebender zu Besuch in Münster Prof. Dr. Feliks Tych spricht in der Villa ten Hompel über den Kriegsbeginn vor 70 Jahren

Verfasst am 28. September 2009

Anlässlich des siebzigsten Jahrestages des deutschen Überfalls auf Polen besuchte der Historiker und Holocaust-Überlebende Prof. Dr. Feliks Tych Anfang September die Stadt Münster. Im Friedenssaal des Rathauses begrüßte Bürgermeisterin Karin Reismann den langjährigen Direktor des Jüdischen Historischen Institutes in Warschau und betonte gegenüber dem Gast ausdrücklich das heutige Selbstverständnis Münsters als Stadt des Friedens und der europäischen Verständigung. Bei einer gemeinsamen Veranstaltung des Geschichtsorts Villa ten Hompel, des Evangelischen Forums, der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit und der Volkshochschule Münster widmete sich Professor Tych anschließend dem Thema „September 1939: Der deutsche Überfall aus polnischer Sicht.“

Zu Beginn seines Vortrags berichtete der polnische Historiker von einer Episode aus dem Herbst 1939. Bereits wenige Tage vor dem deutschen Überfall auf Polen habe Hitler den Wehrmachtsgenerälen eines unmissverständlich klar gemacht: Die später für ihre grausamen Verbrechen berüchtigten Verbände der SS sollten in den besetzten Gebieten von Beginn an rücksichtslos neuen „Lebensraum“ für die Deutschen schaffen. Erstes Opfer dieser Direktive wurden die polnischen Juden.

Bei einer kurzen Rückschau über die Ereignisse während des Zweiten Weltkriegs berichtete Tych dann auch von seinen eigenen Erfahrungen, die er als jüdisches Kind im besetzen Polen machen musste. Die Schilderungen von Vertreibung, Verfolgung und nahezu aussichtsloser Flucht, die so in keinem Handbuch zum Nationalsozialismus zu finden sind, berührten selbst die vielen historisch informierten Zuhörer.

Im Hauptteil seiner Rede bot der Historiker dann einen interessanten Einblick in das Geschichtsbewusstsein seiner Landsleute. Er beantwortete die Frage, wie derzeit in Polen die Rolle der eigenen Bevölkerung während und nach dem deutschen Überfall gesehen wird. Als Quelle bediente sich Tych dabei einer gerade erst veröffentlichten Umfrage in der „Gazeta Wyborcza“, der größten polnischen Tageszeitung. Ihr zufolge bewertet eine Mehrheit der Polen das Verhalten der älteren Generation als überwiegend positiv.

Die Befragten äußerten zum Beispiel die Ansicht, dass etwa 87 Prozent der Polinnen und Polen während der Besatzung aktiv im Widerstand gegen die Deutschen tätig gewesen seien. Diese Meinung entspricht nach Einschätzung des Historikers durchaus den Tatsachen. Allerdings handele es sich bei der Vermutung, 81 Prozent der polnischen Bevölkerung hätten häufig Juden geholfen, um eine krasse Fehleinschätzung. Als bedenklich beurteilte der Historiker zudem eine Aussage von 68 Prozent der Befragten: Sie gaben an, kein oder nur geringes Interesse an der Geschichte des Zweiten Weltkrieges zu haben.

Aufgrund von neuen Forschungsbemühungen und Forschungsergebnissen zeigte sich Tych abschließend aber optimistisch, dass vor allem die polnische Geschichtswissenschaft heute einen wichtigen Beitrag dazu leiste, ein exaktes Bild der Besatzungszeit zu zeichnen und somit auch die eigene Bevölkerung zu einem immer stärker differenzierten Umgang mit ihrer Geschichte bewege.

Eine sehr versöhnliche Geste gab der Gast zum Ende des Abends: Auf die Publikumsfrage, was die Deutschen zur weiteren Verbesserung der Beziehungen mit ihren polnischen Nachbarn beitragen könnten, riet der Historiker und Zeitzeuge: „Machen Sie einfach so weiter wie bisher.“

Feliks Tych

wurde 1929 als Kind jüdischer Eltern in Warschau geboren, wo er den Holocaust mit gefälschten Papieren überlebte. Nach dem Krieg studierte er Geschichtswissenschaft in Warschau und promovierte in Moskau. Er war Professor an der Polnischen Akademie der Wissenschaften und nahm seit 1990 zunehmend Gastprofessuren an deutschen Universitäten wahr. Von 1995 bis 2006 war er Direktor des Jüdischen Historischen Institutes in Warschau. Tych ist Initiator und Mitherausgeber des Buches „Kinder über den Holocaust“, das erstmals in deutscher Sprache die Erinnerungen von Kindern dokumentiert, die den Holocaust in Polen überlebt haben (siehe zum Buch den Literaturtipp in der Rubrik „Arbeitskreis“).

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