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Menschenwürde wahren – auch in Grenzsituationen des Lebens Marienschülerinnen forschten zu Medizinverbrechen im NS-Staat, sparten dabei auch ethische Zeit- und Streitfragen heute nicht aus.

Verfasst am 05. Februar 2006

Münster. Tiergartenstraße 4 – eine Adresse mitten in Berlin, die nach den Vorstellungen Hitlers zum Schreibtisch-Tatort und Tarnbegriff für ein geheimes Mordprogramm des NS-Staates wurde. So stand „T4“ für das Erfassen von Patienten, Anstaltsbewohnern und Behinderten, die ein Apparat aus eigens ausgewählten Ärzten und braunen Bürokraten zu „unnützen Essern“ erklärt hatte. Der Abtransport aus Kliniken, „Irrenhäusern“, Heimen und die Ermordung in entlegenen Anstalten wie Hadamar oder Grafeneck folgten innerhalb kürzester Zeit. Mindestens 70.000 Opfer sind zu beklagen. Und dabei ist „T4“ längst nicht die einzige Aktion, die angeblich den „Gnadentod“ herbeiführte, in Wirklichkeit aber einem kalten Kostenkalkül im Krieg und einem zutiefst menschenverachtenden Rassedenken entsprang.

Auf die Spur dieser „Medizin ohne Menschlichkeit“ begab sich jetzt die 10d der Marienschule in Münster mit der Geschichtslehrerin Gerburg Harenbrock. Auf Einladung des Geschichtsortes Villa ten Hompel der Stadt Münster und des Westfälischen Landesmedienzentrums (Landschaftsverband Westfalen-Lippe) setzten sich die Jugendlichen intensiv mit Opfern, Tätern und den NS-Medizinverbrechen auseinander. Sie erforschten eigenständig Quellen, historische Hintergründe und fragten vor allem nach Vordenkern dieser Vernichtungspolitik, die ihre Theorien und Taten für Wissenschaft hielten.

Christine Schmidt, Nicole Heimsoth, Hanne Kemna und Stefan Querl von der Villa ten Hompel gestalteten das Sonderprojekt. Sie erinnerten dabei ausdrücklich auch an die Wortführer des Protestes. Waren doch die Mordaktionen im „Dritten Reich“ alles andere als geheim geblieben, zumal etwa von Galen in Aufsehen erregenden Predigten 1941 anklagte, was Nationalsozialisten „würdiges Sterben“ oder „Euthanasie“ nannten. Andere - wie der evangelische Bischof Wurm in Württemberg - versuchten durch Eingaben, Briefe oder Strafanzeigen die Transporte in den Tod zu verhindern. „Von oben“ wurden die Verlegungen schließlich gestoppt; das Sterben und Vernachlässigen ging jedoch im Verborgenen weiter.

Was die Marienschülerinnen neben den Quellen aus der Zeit der Diktatur besonders beeindruckte, war das junge filmische Porträt des Überlebenden Paul Brune, der als Waise massiv unter der NS-Psychiatrie gelitten hatte. In westfälischen Anstalten hatte er miterleben müssen, wie Gleichaltrige verschwanden oder - weil angeblich liederlich oder „lebensunwert“ - gequält wurden. Paul Brune entging der „Kindereuthanasie“, hat sich aber auch nach 1945 kaum aus den Fängen seiner „Kranken“-Akte befreien können. Das Stigma begleitete ihn über Jahrzehnte, was in der Diskussion unter den Schülerinnen schnell die Frage nach dem Menschenbild der Gesellschaft, nach dem Umgang mit Krankheit, Leiden und Tod heute aufwarf. Wenn es um Schwächere, Unangepasste oder um Bedürftige gehe, gelte es, Achtung und Würde zu wahren, forderte die enorm engagierte Gruppe im Projekt mit Nachdruck – gerade für Grenzsituationen menschlichen Lebens.

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