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Kein Hochglanz, aber auch kein Abbügeln Andersdenkender Ein Jugendworkshop von "Gegen Vergessen - Für Demokratie" in Westfalen und Geschichtsort Villa ten Hompel nahm beim Berliner Geschichtsforum deutsche Demokratien und Diktaturen des 20. Jahrhunderts in den Blick

Verfasst am 11. August 2009

Satz für Satz hatten die Mitwirkenden die "Wolfsburger Erklärung" im Vorfeld analysiert, sich während einer Klausurtagung die Köpfe heiß geredet, Kompromisse geschmiedet und schließlich die Zielrichtung in eine ironisch-verfremdende Textform gegossen: "Niemand hat die Absicht, unsere Demokratie zu kritisieren", lautete der provokante Titel des Jugendworkshops beim Geschichtsforum zu Pfingsten in Berlin. Den humorig-historischen "Hausputz mit Gegenwartspolitur" für das große Gedenkjahr 2009 hatten Studierende, Schüler und Absolventen aus dem Münsterland in Eigenregie organisiert und süffisant dazu eingeladen: "Nation schmeckt schal nach Bier, die Deutsche Einheit eher nach Kohl, Spreewaldgurke und Banane. Doch zu viel Schwarz-Rot-Gold backt leicht bräunlich an und ist nicht spülmaschinenfest, denn Macht, Nationalbewusstsein und Meinungsmache scheinen oft nur schwer demokratisch abbaubar."

So frotzelnd und frech die Ausschreibung im Programmheft des Geschichtsforums vielleicht klang, so fundiert und umfassend waren zuvor die zeitgeschichtlichen Hintergründe im 20. Jahrhundert ausgeleuchtet worden: Gegen Vergessen – Für Demokratie in Westfalen, die Regionalarbeitsgruppe (RAG) mit ihrem Sprecher Horst Wiechers an der Spitze, und der Geschichtsort Villa ten Hompel der Stadt Münster hatten den engagierten Architekten und Planern des Jugendworkshops ein Vorbereitungswochenende im Tagungszentrum "Unperfekthaus" in Essen ermöglicht. Hier wählten die Anwesenden Themen und Quellen sorgsam aus: Biographien völlig unterschiedlicher Frauen unter dem Hakenkreuz beispielsweise – oder jüngere Kontroversen um Straßenbenennungen in der Heimat- oder Studienstadt Münster, in der seit Jahren um den Namen des früheren Neuplatzes am Schloss in der Innenstadt gerungen wird. Zum Befremden und Leidwesen vieler geschichtsbewusster Bürger und der RAG Westfalen trägt er bis heute den Namen Paul von Hindenburgs – ein Faktum, das die jungen Leute in Berlin extra ergebnisoffen in Form eines Pro- und Contra-Talks zur Debatte stellten. "Demokratie heißt Zuhören und Mindermeinungen respektieren können", darauf einigten sich die Mitwirkenden zwischen 18 und 34 Jahren nach ihrer Interpretation der "Wolfsburger Erklärung", die Gegen Vergessen – Für Demokratie während der Mitgliederversammlung im November 2008 auf Vorschlag des Vorstands verabschiedet hatte. Mehrfach inspirierte die Erklärung in der Essener Klausurtagung zu innovativen Denkanstößen, auch wenn nicht jede Passage in der Projektgruppe gleich auf Gegenliebe stieß.

Die vier besonderen Erinnerungsanlässe im Jahresverlauf, auf die die "Wolfsburger Erklärung" programmatisch verweist, bildeten die Leitlinien für freien Meinungsaustausch unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Workshops: die Geburtstage der Weimarer Verfassung (1919) und des Grundgesetzes (1949), aber eben auch der 70. Jahrestag des Kriegsbeginns während der NS-Gewaltherrschaft (1939) und das Ende des Kalten Kriegs und der deutschen Teilung, das die Massenproteste und der Mauerfall im Herbst 1989 mehr oder minder überraschend eingeleitet hatten.

Aber wo sind die Visionen vieler Demonstranten von damals geblieben? War es nun mehr als eine "Wende" in der DDR, nämlich die friedliche Revolution, deren Vermächtnis den Bürgerrechtlern und auch der offiziellen "Berliner Republik" am Herzen liegt? Welche Rolle spielten die Alliierten in der politischen Zwei-plus-Vier-Konstellation, wer bemüht sich aktuell um die Würdigung der anderen friedlichen Freiheitskämpfe in Mittel- und Osteuropa? Allein diese kleine Auswahl an brisanten Zeit- und Streitfragen aus der Vorbereitung zeigt, wie wichtig dem jungen Team eine plurale Projektarchitektur war. Die Ansätze für den "historischen Hausputz" waren einerseits "nicht unbedingt streifenfrei, hochglanzpoliert oder kuschelweich, bügelten aber auf der anderen Seite unterschiedliche Auffassungen nicht ab." Und genau darin liegt der Reiz des Workshops, der kein einmaliges Erlebnis für Diskussionsfreudige bleiben soll. Er kann nunmehr als Thementag für die Schul-, Jugend- oder Erwachsenenbildung in der Villa ten Hompel oder andernorts von Arbeitsgruppen des Vereins gebucht werden. Kontakt über die RAG unter Tel. 0251/1627115 (Horst Wiechers) oder direkt über das Büro des Geschichtsorts Villa ten Hompel: tenhomp@stadt-muenster.de

Das Vorbereitungsteam bildeten Klaus Brenken, Christian Büchter, Philipp Erdmann, Myriam Haddara, Jessica Kallhoff, Kim Keen, Sebastian Lanwer, Christoph Michel, Ursula Paul, Stefan Querl, Martin Richter, Dajana Ritz, Lisa Rodenhäuser, Simon Sawert, Heiko Schreckenberg, Jo Siemon und Ann-Katrin Thomm.

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