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"James Bond" der DDR? Stasi-Aktionen im Westen in Film und Wirklichkeit

Verfasst am 21. Dezember 2006

Susanne Muhle, eine ehemalige Mitarbeiterin des Hauses, die nun in Berlin tätig ist, referierte in der gut besuchten Villa ten Hompel über das Thema „Stasi-Aktionen im Westen in Film und Wirklichkeit“. Mit diesem Thema bot der Geschichtsort zum Jahresausklang etwas Besonderes, stand doch nicht der Nationalsozialismus, sondern die DDR-Diktatur im Mittelpunkt.

DDR – 007 Major Hansen

Agentenfilme spiegelten wie kaum ein anderes Filmgenre den Ost-West-Konflikt. Nirgendwo war der Kalte Krieg offenkundiger als in Deutschland, was das Land für Spionage und Filme darüber prädestinierte. Etwa zeitgleich zu dem ersten James-Bond-Film kam in der DDR der Spionage-Film „for eyes only“ in die Kinos, eine der erfolgreichsten DEFA-Produktionen. Der Held war Major Hansen, ein Agent des Ministeriums für Staatssicherheit, der in Würzburg in eine Abteilung des amerikanischen Geheimdienstes eingeschleust wurde. Er konnte den Plan der Amerikaner, die DDR zu okkupieren, vereiteln. Fiktion oder Realität?

Pannen statt Showdown

Grundlage des Films, der im Parteiauftrag entstand, ist eine tatsächliche Aktion der Staatssicherheit. In der Tat schleuste das Ministerium für Staatssicherheit einen als Flüchtling getarnten IM in eine amerikanische Spionageabteilung in Würzburg ein. Mit Hilfe zweier weiterer IMs gelang aber nicht die Verhinderung der Okkupation der DDR, sondern nur die Beschaffung einer Dienststellenkartei. Dennoch war es ein geheimdienstlicher Erfolg, denn durch die Kartei konnten zwischen 75 und 140 amerikanische Agenten in der DDR enttarnt werden, was sich auch zu Propagandazwecken nutzen ließ. In der Realität gab es auch keinen Showdown wie im Film, sondern einige Pannen. Einer der IMs trug keine Handschuhe und hinterließ Fingerabdrücke. Durch Unvorsichtigkeiten entstanden Lackschäden am Fluchtfahrzeug, weshalb es entgegen der Planung in die DDR eingeführt werden musste. Auch der entwendete Panzerschrank erwies sich als zu groß, so dass er aufgebrochen und in der Bundesrepublik zurückgelassen werden musste. Der Film diente der Propaganda und sollte in der Bevölkerung die Akzeptanz des "antifaschistischen Schutzwalls" vergrößern und Argwohn gegen den Westen schüren. Der Osten wird als friedfertig und Hansen als treusorgender Vater dargestellt, der Westen als imperialistisch und unmenschlich im Umgang mit ihren eigenen Leuten.

Agenten als „Kundschafter des Friedens“

Nicht nur in dem Film, dessen Wirkungsgeschichte sich in einem Jugendbuch und Lehrfilmen fortsetzte, wurde das Bild des sauberen Nachrichtendienstes gepflegt. Die Realität sah dagegen anders aus. Viele Agenten der Staatssicherheit, die im Westen agierten, waren Kriminelle, die gerade deswegen angeworben hatte. Auch die Methoden waren kriminell. Die Agenten begingen Einbrüche, Sabotageakte, Anschläge, verschleppten und entführten Personen, die als Gegner angesehen wurden. Alleine in den 50er Jahren waren es mehrere Hundert Menschen, die in DDR-Gefängnissen verschwanden. Unter dem Deckmantel des allgemeinen Spionageverdachts konnte jeder ins Visier der Agenten geraten, wenn es sich auch nur um eine politische Gegnerschaft handelte. Die Spionage wirkte damit, so Susanne Muhle, als Instrument der Herrschaftssicherung in den Westen hinein.

Nach dem kurzweiligen durch Filmausschnitte aufgelockerten Vortrag diskutierten die Zuhörer mit der Referentin unter anderem noch lebhaften in Zusammenhang mit dem Kohl-Urteil über den Umgang mit den Stasi-Akten, und in Zusammenhang mit der Rosenholz-Datei den Beschluss, nur noch Bewerber auf hohe Positionen auf IM-Tätigkeit zu prüfen, was von Susanne Muhle kritisch gesehen wird.

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