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Geschichte einmal anders: zu Gast an Hitlers Tisch

Verfasst am 01. Oktober 2004

Seit einigen Wochen läuft „Der Untergang“ in den deutschen Kinos. Teil der Diskussion um den Film ist die Darstellung der Person Hitlers. Eine andere Art der Auseinandersetzung mit Hitler ermöglicht die Veranstaltungsreihe „Hitlers Tischgespräche“ in der Villa ten Hompel. An vier weiteren Abenden tritt Andreas Breiing (Die Buschtrommel, Münster) als Hitler auf.

Abwartende Stille. Die Stühle am Tisch sind alle besetzt. Der Mann, auf den die Runde wartet, öffnet die Tür und betritt den Raum. Beobachtend schaut er sich um. Seine Haare liegen streng am Kopf, auf der Lippe prangt ein schmaler Bart. Eine Hakenkreuznadel steckt an der linken Seite des klassischen Sakkos. Bevor er die Stimme rollend und laut erhebt, trinkt er einen Schluck Wasser. Der Sprechende am anderen Ende des Tisches könnte Adolf Hitler sein. Aber er ist es nicht, er spielt ihn. Die Zuhörer im Raum übernehmen dabei die Rolle der Gäste und Vertrauten, die seinem Vortrag am Tisch folgen. Aktives Handeln beinhaltet dieser Part nicht. Grund dafür ist die monologische Vortragsweise, die keine Interaktion mit dem Sprechenden vorsieht. Hier und dort wird von den Zuhörern spöttisch-belustigt oder fassungslos der Kopf geschüttelt, sonst gibt es kaum Reaktionen.

Fünfundvierzig Minuten redet „der Führer“ über Gott und die Welt, über seine persönliche Einstellung, Wahrnehmungen und Erlebnisse, die gepaart mit anderem Wissen oder Nicht-Wissen an einigen Stellen seine Lebensphilosophie durchscheinen lassen und zu „Weltverbesserungsideen“ ausgebaut werden. „Hitler“ erläutert unter anderem die Vorzüge vegetarischer Kost und kurzer Lederhosen. Er erörtert die Themen: Ehe und Scheidung, Judentum und Bolschewismus. Daneben geht es um Kunst, Staatsführung, Wohnungsbau, Familie, Rauchen und Gewaltlegitimation.

Andreas Breiing, der in die Rolle Hitlers schlüpft, rezitiert nicht etwa ein fiktives literarisches Werk, sondern eine Textcollage, die auf Zitaten aus Protokollen basiert. In den Jahren 1941 bis 1944 (mit einer Unterbrechung 1942) sprach Hitler regelmäßig im Führerhauptquartier vor seinen engen Mitarbeitern. Sein Sekretär Martin Bormann ließ die Tischgespräche mitstenografieren.

Das Konzept der Veranstaltung stützt sich auf die Idee einen alternativen Zugang zur Geschichte zu bietet und eine emotionale Auseinandersetzung mit dieser zu ermöglichen. Die „Macher“ des Abends möchten Hitler quasi „nackt“, außerhalb der Propagandapositur zeigen, die er in der Öffentlichkeit einnahm. Dabei soll der Abend ein Gegengewicht zu bekannten Fernsehdokumentationen von Guido Knopp setzen, die Hitler immer wieder vor der Kulisse der Parteitage und Paraden zeigen. Einer Mystifizierung der Person Hitler, die diesen Bildern entspringen kann, soll so entgegen gewirkt werden.

Für den Zuhörer ist es sicher interessant heraus zu finden wie weit er bereit ist Hitlers Gedankenwelt zu folgen und ob das Zuhören irgendwann zu einer Zumutung wird. Die Frage, ob Hitler als Kultfigur (der Faszination oder des Grauens) in den Köpfen der Menschen herumgeistert, die sich das Stück anschauen, bleibt offen. Es wird nicht geklärt, ob sie dieses Bild anhand der Darbietung des Abends überprüfen möchten und können.

Die Veranstaltung findet erneut Mittwoch, 13.Oktober, 10. November, 24. November und Samstag, 11. Dezember 2004 jeweils um 20 Uhr statt. Der Eintritt kostet 10 Euro. Eine Teilnahme ist nur nach vorheriger Anmeldung unter der Telefonnummer 0251/492-7101 möglich. Der Einlass beginnt um 19.30 Uhr.

(Jessica Bönsch)

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