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Generationswechsel im Umgang mit Geschichte. Internationale Tagung in Jerusalem Auch Münsteraner Projekte und Positionen stießen bei dem Symposium der Gedenkstätte Yad Vashem auf großes Interesse

Verfasst am 05. Oktober 2004

„In meinem Hause will ich ihnen Denkmal und Namen geben. Einen ewigen Namen, der nicht getilgt werden soll.“ Biblisch zielt das Versprechen aus dem dritten Teil des Buches Jesaja auf Ermutigung und Trost für diejenigen auf Erden, die glauben und Gott vertrauen. Für das Team der zentralen israelischen Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem beschreiben die Prophetenworte auf Hebräisch das tagtägliche Pensum und pädagogische Programm: Yad Vashem forscht weltweit, um möglichst vielen der noch immer unbekannten Opfer von NS-Verbrechen ihre Namen und damit auch ein Stück ihrer Identität und Würde zurückzugeben. Und Yad Vashem fragt kritisch nach Ursachen von Gewalt und Völkermord, nach Strategien gegen Fremdenhass und Intoleranz. Dies geschah umfassend im Rahmen der internationalen Tagung „Teaching the Holocaust to future generations“, zu der mehr als 300 Wissenschaftler, Zeitzeugen, Lehrer und andere Bildungsexperten aus 31 Nationen eingeladen worden waren. Im Blickpunkt standen während des Symposiums auch innovative Projekte und Positionen aus Münster, denn mit Theo Schwedmann vom Dezernat für Lehrerfortbildung der Bezirksregierung und Stefan Querl, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Geschichtsort Villa ten Hompel der Stadt Münster, lieferten auch zwei Deutsche in Israel Beiträge zur aktuellen Diskussion. Zu einer Debatte, die sich gegen „verordnete Betroffenheit“ und überkommene Läuterungspädagogik, aber mit Nachdruck auch gegen „Schlussstrich“-Rufe oder Verharmlosungstendenzen wendet.

„Die Fragen junger Menschen an die Geschichte sind heute völlig andere als noch vor zehn, 20 oder 30 Jahren“, beschreibt Theo Schwedmann einen Generationswechsel, der sich längst nicht nur in europäischen oder gar nur in deutschen Schulen abspielt. Vor allem amerikanische und israelische Kollegen des Hauptschullehrers aus Dülmen bestätigten diese Beobachtung auf der Konferenz in Yad Vashem. Vom 9. bis 23. Oktober wird Fachleiter Theo Schwedmann in Jerusalem seine neunte Lehrerfortbildung für die fünf Regierungsbezirke des Landes Nordrhein-Westfalen anbieten. Dabei wird er als erfahrener Referent und Gast der internationalen Schule für Holocaust-Studien, die bei der Gedenkstätte angesiedelt ist, an Fragestellungen des großen Symposiums anknüpfen. Was lernen zum Beispiel Klassen und Kurse, die multikulturell zusammengesetzt sind, in der Rückschau auf das Genozid-Geschehen im Zweiten Weltkrieg, das eben nicht nur das Projekt eines kleinen verbrecherischen Zirkels um Adolf Hitler war? Was lernen Schüler gar aus dem schwierigen Verhältnis, das heute Menschen in einigen Ländern mit christlicher, jüdischer oder islamischer Tradition zueinander haben? Wie passen authentische Aussagen und historische Befunde zu bestimmten „Untergangs“-Szenarien und zur Wirklichkeit, die Massenmedien in ihren Worten und Bildern wiedergeben?

Ganz konkret erfuhr Stefan Querl in Israel in dem von ihm gestalteten Tagungsworkshop „Zeitgeschichte und Zivilcourage“, wie sich der gesellschaftliche Wandel, den Globalisierung und virtuelle Vernetzung mit sich bringen, auf Erinnerungskultur und Menschenrechtserziehung auswirkt. Stieß doch das Konzept des Geschichtsortes Villa ten Hompel, das der 30-jährige Doktorand der Universität Münster anhand von Quellen, Multimedia-Anwendungen und Beispielen aus der Bildungsarbeit mit Polizei- und Finanzbeamten skizzierte, auf großes Interesse und rege Resonanz. Beispielsweise bei der Vertreterin eines historischen Dokumentationszentrums in Kapstadt. Dort setzen sich Polizisten unterschiedlicher ethnischer Herkunft mit dem Erbe des Regimes zur „Rassentrennung“ auseinander. Nach Worten der südafrikanischen Seminarleiterin häufig ein sehr heikles Unterfangen – und andererseits nie und nimmer ein Forum, um gesellschaftliche Probleme der Gegenwart einseitig aus der Vergangenheit heraus zu deuten.

Wer etwa „platte Vergleiche“ zwischen Apartheit, Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit, zwischen dem NS-Vernichtungskrieg oder dem Nahost-Konflikt ziehe, damit alte Gräben aufreiße und neue Vorurteile schüre, argumentiere nicht nur absolut unwissenschaftlich, sondern gebrauche Geschichte eher wie eine gefährliche Waffe, lautete das warnende Votum aller im Workshop. „Die Deutschen unter der Diktatur waren weder willige Vollstrecker noch unschuldige Verführte“, wandte sich Querl in seinem Referat entschieden gegen allzu einseitige Geschichtsbilder zum Nationalsozialismus. „Differenziert und fair zu diskutieren, Widersprüche zuzulassen und so eine kritische Wahrheitssuche anzustoßen: das ist unser Hauptanliegen“, umschrieb er Zielsetzungen am Geschichtsort Villa ten Hompel, die bei den Zuhörern in Yad Vashem auf viel Zustimmung stießen. Die Frage nach dem Handeln „Im Auftrag“, nach „Polizei, Verwaltung und Verantwortung“, die in Münster aufgeworfen werde, lasse sich eben nicht in irgendein abgeschlossenes Kapitel der Geschichtsbücher sortieren, sondern sei ja in etlichen Staaten „existenziell wichtig“ und „berufsethisch brisant“, meinte eine ungarische Teilnehmerin.

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