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Eine eindringliche Stimme, die Gehör findet Hermann Vinke, der Buchautor und langjährige Auslandskorrespondent der ARD, diskutiert mit Klassen seiner früheren Schule des Paulinum Gymnasiums in Münster.

Verfasst am 26. Mai 2019

Hermann Vinkes Reportage-Stil kennen viele Menschen aus den Medien. Bis heute findet seine markante Radiostimme großes Gehör. Aus Washington, Tokio und von den Philippinen berichtete der Journalist lange Zeit für die ARD. Er erlebte die "friedliche Revolution" 1989/90 in der DDR und den Wiedervereinigungs-Prozess als westlicher Korrespondent in Ost-Berlin. Der spätere Hörfunkdirektor bei Radio Bremen verfasste unermüdlich Bücher zu Fragen der Zeitgeschichte und Zivilcourage. Eine der bekanntesten Publikationen für junge Menschen unter dem Titel "Das kurze Leben der Sophie Scholl" brachte er jetzt den Paulinerinnen und Paulinern in Münster nahe, den Neuntklässlern seiner früheren Schule. 1961, im Jahre des Mauerbaus, hatte Hermann Vinke am Gymnasium Paulinum Münster sein Abitur abgelegt.

"Demokratie ist wichtig, aber alles andere als selbstverständlich", unterstrich ausdrücklich der prominente Gast beim Auftakt angesichts beider Diktatur-Erfahrungen auf deutschem Boden im 20. Jahrhundert. "In unserer Gesellschaft müssen die Generationen gemeinsam einstehen für Werte wie Freiheit und Achtung menschlicher Würde", appellierte der Autor vor den Klassen, die von Irmhild Baumeister und Margie Sandhäger aus dem Schulkollegium vorbereitet worden waren. Drei Tage lang widmete Vinke die Würdigung des Widerstands der "Weißen Rose" gegen das NS-Regime in der Villa ten Hompel dem Jahrgang der "alten Penne", die ihm bei Schulleiter Dr. Tobias Franke auch einen offiziellen Empfang bereitete.

Junge Menschen aktiv einzubeziehen, das ist ungemein wichtig.“

Die Gedenkkultur im Wandel: Im Interview spricht Hermann Vinke auch über heutige Protestformen und über Widerstand unter demokratischen, gewaltfreien Vorzeichen.

Hermann Vinke ist Journalist und Sachbuchautor. Als Korrespondent war er u.a. in Fernost, USA und Ost-Berlin tätig. Als Autor setzt er sich kritisch mit NS-Vergangenheit auseinander. Die Biografie „Das kurze Leben der Sophie Scholl“ zählt zu seinen wichtigsten Sach- und Jugendbüchern. Achim Conze aus der Regionalarbeitsgruppe (RAG) Münsterland befragte den Gast am Geschichtsort Villa ten Hompel.

Herr Vinke, Sie engagieren sich gegen Rechtsextremismus. In Münster sprechen zu Schülerinnen und Schülern des Gymnasiums Paulinum, Ihrer früheren Schule. Was ist dabei Ihr persönlicher Antrieb?

Ich versuche den Schülerinnen und Schülern einen Zugang, aber auch einen eigenen Umgang mit unserer jüngsten Geschichte zu vermitteln. Zwei Diktaturen und zwei Weltkriege in einem Jahrhundert – die Folgen wirken heute nach und haben Auswirkungen für die Zukunft.

Die Villa ten Hompel eröffnete ihre erste Polizeiausstellung 2001, die Gedenkstätte Esterwegen besteht seit 2011, davor gab es das DIZ in Papenburg. Sie selber haben sich allerdings schon in den 1960er-Jahren dafür eingesetzt, das Geschehen in den ehemaligen Emsland-Lagern des NS-Regimes wachzuhalten und aufzuarbeiten. Auf welche Hürden stießen Sie damals und wie sehen Sie die heutige Erinnerungskultur?

Zunächst: Die Villa ten Hompel ist ein Paradebeispiel für zeitgemäße Erinnerungsarbeit. Der Austausch mit Schulen und Universität, das aktive Einbeziehen junger Menschen in Projekte – vorbildlich und ungemein wichtig! - Das Emsland hat lange gebraucht, bis es die Geschichte der 15 Lager als Teil der Heimatgeschichte angenommen hat. Die Weigerung, sich überhaupt mit den KZ, den Kriegsgefangenen- und Arbeitslagern zu beschäftigen, war massiv. Mein Kollege Gerhard Kromschröder und ich haben als Redakteure das Thema damals auf die Tagesordnung gesetzt und dort ist es bis heute geblieben. Die Gedenkstätte Esterwegen leistet gute Arbeit. Angesichts der Tatsache, dass Neonazis und Rechtsextremisten immer unverhohlener auftreten, ist diese Arbeit heute wichtiger denn je.

In Ihrem Buch über Sophie Scholl schildern Sie den Widerstand der „Weißen Rose“. Wie bewerten Sie heutige, demokratische Protestformen wie „Fridays for Future“?

Widerstand gegen das NS-Regime und die SED-Diktatur ist mit heutigen Protestformen nicht vergleichbar. Gegnerschaft bedeutete damals Lebensgefahr bzw. in der DDR Verfolgung, Haft, auch Folter. Dass heute Jugendliche zu Zehntausenden gegen den Klimawandel demonstrieren, weil die Erwachsenen dieses Menschheitsproblem nicht in den Griff bekommen, das finde ich großartig, auch wenn damit oft ein Eintrag ins Klassenbuch verbunden ist. Die Schülerinnen und Schüler wollen ihre Lebensgrundlagen erhalten, und das ist ihr gutes Recht. Das Gleiche gilt für Aktionen von katholischen Frauen, die das Vertuschen von Missbrauchsfällen leid sind und mit „Maria 2.0“ ihren Dienst für und in der Kirche vorübergehend verweigern. Von solchen Protestformen brauchen wir noch mehr.

 

Achim Conze stammt aus Neustrelitz in Mecklenburg-Vorpommern und studiert Soziologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster, zuvor an der Philipps-Universität in Marburg. Er ist Mitglied der Regionalarbeitsgruppe Münsterland von ‚Gegen Vergessen – Für Demokratie‘. Er führte das Interview mit Hermann Vinke am Rande von dessen Lesereise.

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