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Ein Besuch auf dem Grebbeberg Ort einer Kindheit und des Überlebens. Versteck für eine jüdische Familie. Kriegsschauplatz, besetzte Zone und Friedhof. Das alles war und ist der Grebbeberg in der Nähe von Rhenen in den Niederlanden.

Verfasst am 17. März 2011

Von den Gegensätzen dieses Berges und ihrer Bedeutung berichtete Cor Crum am Dienstag, dem 8. März, Schülern der niederländischen CSG Het Nordik in Almelo und des Gymnasiums Johanneum in Ostbevern. Die Begegnung zwischen dem Zeitzeugen Cor Crum und den insgesamt acht Schülern der zwei Nationen wurde initiiert und begleitet von Horst Wiechers vom Verein „Gegen Vergessen Für Demokratie“ und Stefan Querl vom Geschichtsort Villa ten Hompel in Münster. Die Schüler lernten sich bei einem gemeinsamen Treffen im Februar kennen und gaben damit den Startschuss dieses Pilotprojekts.

Cor Crums Jugend am Grebbeberg während des Krieges

Cor Crum, geboren am 25. Juli 1933, wuchs am Fuße des Grebbebergs auf und erlebte dort die Invasion der deutschen Wehrmacht am 10. Mai 1940. Doch im Gegensatz zu den restlichen Teilen der Niederlande konnte die deutsche Wehrmacht den Grebbeberg nicht ohne weiteres einnehmen, sondern stieß auf einen erbitterten Widerstand der niederländischen Truppen. Mehrere Tage lang verteidigten die Niederländer unter großen Verlusten den Grebbeberg, der aufgrund seiner Nähe zum Rhein eine große strategische Bedeutung besaß. In diesen Tagen verließ die Familie Crum ihr Haus in Richtung Rotterdam, um bei Verwandten Unterschlupf zu finden. Dort erlebte der damals 7-jährige Cor Crum die Bombardierung der Stadt am 14. Mai 1940, die gleichzeitig auch die Pläne der Familie durchkreuzte in Rotterdam zu bleiben. So kehrten sie in das teilweise zerstörte Haus am Grebbeberg zurück. Damit begann das Leben unter den deutschen Besatzern.

Erlebte Geschichte am Grebbeberg: "Zerstörtes Idyll"

Bei einem Rundgang über den Grebbeberg berichtete Crum von seinen Erlebnissen während und nach der Invasion der deutschen Truppen. Bei strahlendem Sonnenschein und einem sagenhaften Ausblick wurde eins deutlich: Für den kleinen Cor Crum war der Grebbeberg ein idealer Spielort, an dem er – vor 1940 – ungestört spielen konnte. Der Berg war sein „Paradies“. Der Einfall der Deutschen zerstörte dieses Idyll. Nicht nur, dass sein Elternhaus durch die Kämpfe beschädigt wurde, sondern vor allem der Verlust der vielen Tiere der Familie – darunter die von Crum so geliebte Hausziege – schmerzte den Jungen. Anhand von Fotos aus den 40er Jahren illustrierte Crum seine Erzählungen. Die scheinbare Widersprüchlichkeit zwischen dem Grebbeberg als einem Kinderspielplatz einerseits, und einem Kriegsschauplatz andererseits, war für Crum und seine Familie kein Gegensatz, sondern tägliche Realität. Der heute 78-Jährige berichtete wie er heimlich die Beisetzungen der im Mai 1940 gefallenen deutschen Soldaten von einem Versteck aus beobachtete und über die Männer in Uniform und die gespielte Musik staunte. Die Gefahr, der er sich in dem Moment aussetzte, war ihm in diesem Augenblick nicht bewusst. Auch setzte er, trotz des Verbots durch die Deutschen, seine Streifzüge über den Grebbeberg fort und geriet damit in den Verdacht, zum Ausspähen der deutschen Anlagen ausgeschickt worden zu sein.

Doch Cor Crums Kindheit wurde nicht nur durch die Anwesenheit der Deutschen geprägt: Mitten im besetzten Gebiet versteckte sich die jüdische Familie Cohen Paraira im Haus der Crums. Ein Freund der Familie fragte 1942 an, ob es möglich wäre zwei Bekannte von ihm für zwei Tage zu beherbergen. Aus den zwei Tagen wurden zwei Jahre und zu den anfänglichen zwei Bekannten, Vater und Sohn, stießen bald auch Mutter und Tochter zu. Aus Sicherheitsgründen waren nicht immer alle Mitglieder der Familie Cohen Paraira gleichzeitig im Hause Crum, dennoch stellte die Versorgung der Versteckten Lambartha Crum, Cors Mutter, vor eine große Herausforderung: „Wir haben von allem Nichts“ mit diesen Worten beschrieb sie ihre damalige Situation. Eine weitere Herausforderung war es das Versteck geheim zu halten. Dabei war ein Kind immer eine Gefahr. Doch Cor Crum verriet kein Wort. Im Rückblick berichtet Crum, dass in dieser Zeit der Grebbeberg für ihn ein Rückzugsort war. Schulfreunde hatte er nicht viele, denn er sprach kaum. Er war der Junge, der schwieg. Und rettete auch damit der Familie Cohen Paraira das Leben.

Für die Schülerinnen und Schüler eine beeindruckende Darstellung

Beeindruckt von dem lebhaften Bericht Cor Crums an den Orten seiner Kindheit, fanden sich Schüler und Begleiter zu einer Gesprächsrunde zusammen. Neben dem Zeitzeugen Crum war nun auch Hans Brons, Mitglied der „Stichting De Greb“ (www.grebbeberg.nl), die sich um die Aufarbeitung der regionalen Geschichte bemüht, anwesend. Beide standen den Schülern Rede und Antwort.

Dabei hatten die Schüler einmal mehr die Chance einen Eindruck vom Leben auf dem Grebbeberg in den 1940er Jahren zu gewinnen. Während Hans Brons die geschichtlichen Hintergründe zu dem Angriff der Deutschen und dem Widerstand der niederländischen Truppen liefern konnte, ergänzte Crum dieses Geschichtswissen um seine persönlichen Erfahrungen. In seinem familiären Umkreis konnten zwölf niederländische Juden versteckt werden, von denen zehn überlebten - so auch die Familie Cohen Paraira. Zu den beiden Kindern der Familie, Ellis und Bob, suchte Cor Crum später den Kontakt und es entwickelte sich Jahrzehnte nach Kriegsende eine freundschaftliche Beziehung zwischen ihnen.

"Schlechte Menschen gibt es überall"

Schließlich antwortete Crum auf die Frage welches Bild er damals und heute von „den Deutschen“ hatte bzw. hat: „Schlechte Menschen gibt es überall“ und natürlich seien die Deutschen während des Krieges keine Freunde gewesen. Hans Brons berichtet von einer anti-deutschen Erziehung, die er aufgrund der schlechten Erfahrungen seines Vaters im Krieg erfahren hat. Doch auch er betont „nicht die Menschen sind schlecht, sondern das System“. Dennoch weiß er zu berichten, dass ein gemeinsames Gedenken von Niederländern und Deutschen an die Opfer des Zweiten Weltkrieges, z.B. am 4. Mai, dem Jahrestag der Befreiung der Niederlande, nicht möglich sei. Damit war das Treffen der niederländischen und deutschen Schüler auch „ein Stück Pionierarbeit“, so Horst Wiechers.

Der Grebbeberg und seine besondere Geschichte zog die Schüler in den Bann. Ein gemeinsames Erinnern an die Schrecken der deutschen Besatzungszeit ist an diesem Tag, der gleichzeitig auch Auftakt für weitere gemeinsame Veranstaltungen zwischen den beiden Schulen war, gelungen.

Mitwirkende

An dem Projekt wirkten mit: Paula Bisshop, Liset Schiphorst, Tamara Tijuis und Bert-Jan Letink aus den Niederlanden mit den Deutschlehrern Erik Haandrikman und Stef Hudepohl. Aus Ostbevern waren mit dabei: Victoria Füssel, Judith Peters, Lea Stein und Moritz Schlingmann mit ihren Lehrern Uta Webbeler und Ulrich Lunkebein.

Fotos und weitere Informationen

Fotos des Besuchs auf dem Grebbeberg sind auf der Internetseite der CSG Het Nordik zu finden: http://www.noordik.nl/Noordikslaan/Fotos/tabid/144/AlbumID/957-847/Default.aspx

(Lea Stöver)

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