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Die Beatles, Obama und globale Erinnerungskultur

Verfasst am 18. Dezember 2009

Warum anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Geschichtsortes Villa ten Hompel eine Beatles-Coverband auftrat, konnte erst Christoph Spieker als Leiter der Einrichtung in seiner Begrüßung erklären. Die „Quarrymen Beatles“ spielten nach herzlichen Glückwünschen des münsterschen Oberbürgermeisters Markus Lewe „all you need is love“. Denn folgt man den Aussagen vieler Jugendlicher, die im Laufe des letzten Jahres Veranstaltungen der jüngsten Institution unter dem Dach der Villa ten Hompel, der mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus für Demokratie (mobim), besuchten, ist Liebe das effektivste Mittel im Kampf gegen Fremdenhass und Intoleranz. Gleichzeitig könne man, fügte Spieker hinzu, die weltweite Satelliten-Übertragung der Aufnahme eben dieses Titels am 25.6.1967 mit ungefähr 350 Millionen Zuschauern genauso gut als einen Anfangspunkt der Globalisierung interpretieren.

Genau diese globalisierte Welt stelle Erinnerungsorte nun vor neue Herausforderungen, waren sich die Mitarbeiter der Villa ten Hompel und die Gäste Prof. Dr. Alfons Kenkmann als Vorsitzender des Arbeitskreises der NS-Gedenkstätten in NRW und Gründungsdirektor des Geschichtsortes sowie Prof. Dr. Volkhard Knigge von der Universität Jena / Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau- Dora einig. Sie würdigten genauso wie die zahlreichen Besucher, die zum Teil per Videokonferenz eine Etage tiefer den Diskussionen unter dem Titel „Obama in Buchenwald – Erinnerungskultur als globaler Auftrag?“ folgten, die Forschungs- und Bildungsarbeit des Geschichtsortes an dessen zehntem Geburtstag am Sonntag, dem 13. Dezember 2009.

Drei Tage zuvor nahm der US-amerikanische Präsident Barack Obama in seiner Rede anlässlich der Friedensnobelpreisverleihung Bezug zu seinem Besuch in Buchenwald im Juni diesen Jahres und der Befreiung Deutschlands vom Nationalsozialismus durch die Alliierten, auch um militärische Einsätze in Afghanistan zu rechtfertigen. Mit der Frage, ob global gewordene Geschichte auch eine weltweite Ethik und Erinnerungskultur benötige, leitete Christoph Spieker die Diskussion ein. Daraufhin berichtete Prof. Dr. Knigge von seinen Erfahrungen mit Obama, als er diesen als Leiter der Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora auf dem Gelände eines ehemaligen Konzentrationslagers empfangen konnte. Dabei sei Prof. Dr. Knigge deutlich geworden, dass zum einen eine ursprünglich sehr private Form des Gedenkens durch die weltweite Übertragung des Besuchs öffentlich gemacht wurde. Zum anderen habe nicht zuletzt eine Diskussion mit Obama die Notwendigkeit einer kritischen Selbstreflexion aufgezeigt. Für einen amerikanischen Präsidenten etwa bedeute das, sich Gedanken über die Konzeption eines Museums der Sklaverei in den USA zu machen. Die Gedenkstättenmitarbeiter müssten sich der Frage stellen, wie eine selbstkritische Erinnerungskultur innerhalb der Politik und Gesellschaft im Rahmen einer immer breiter werdenden Demokratisierung etablieren werden kann. Gerade weil nicht nur Menschenrechte oder deren Verletzungen sondern auch Gedenkstätten als Erinnerungsorte an diese Verbrechen instrumentalisiert werden können, sei ein selbstkritischer Umgang unbedingt erforderlich. Des Weiteren zeige sich die Globalisierung noch an ganz anderer Stelle: „in anderen postdiktatorischen Staaten gibt es ein großes Interesse und Bedürfnis nach Lernen-wollen von deutscher Aufarbeitung und selbstkritischer Reflexion“, merkt Prof. Dr. Knigge an, doch müsse ein Erfahrungsaustausch auch hier immer auf Augenhöhe gestaltet werden, da er wechselseitig sei.

Durch Impulse aus dem Publikum wurde deutlich, dass nicht nur weltweites Erinnern, sondern auch „eine neue Generation“ von Jugendlichen die Bildungsarbeit vor neue Herausforderungen stellt. „Gedenkstätten sind für Schüler zuerst einmal langweilig, weil sie zu unblutig und eben kein Lager-Live sind“, nahm Prof. Dr. Knigge Bezug auf eine medialisierte und in den Medien Gewalt verherrlichende Erfahrungswelt vieler Jugendlicher. Gleichzeitig liefe gegenwärtige Erinnerungskultur zu oft in einer „historisch entkernten Pietät“ ab, in welcher gerade junge Gedenkstättenbesucher nur aufgrund sozialer Konformität trauern und dabei vergessen würden, Fragen zu stellen. Dabei seien gerade Fragen wie „was macht den Menschen zum Täter und wie generiert eine Gesellschaft Täter?“ die wichtigen und auch für Jugendliche spannenden Fragen bei der Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus. Dabei dürfe an einer Gedenkstätte die Erinnerung an die Opfer nicht an zentraler Bedeutung verlieren. Diese Feststellung wiederum habe Auswirkungen auf die Gedenkstättenarbeit. So müsse man Besuchern auch deutlich machen, dass die Mitarbeit in einer Gedenkstätte nicht immer schreckerstarrt und trauernd stattfindet, sondern auch Erfahrungen sammeln und austauschen oder Freundschaften schließen bedeutet. Sichtlich erfreut zeigte sich der Gast deshalb über die Begrüßung mit einem Beatles-Coverstück. Dass durch Schrecken als noch nie sinnvoll gewesen historische Vorstellungskraft gefördert werden konnte, zeige schon der Blick in die unmittelbare Nachkriegsgesellschaft.

Daneben habe man eine wichtige Entscheidung getroffen, Menschenrechtsbildung in die Erinnerungsarbeit einfließen zu lassen. Denn „Geschichtsvermittlung gelingt nur, wenn gegenwärtige politische Debatten zum Thema gemacht werden“, äußert sich der Leiter der Gedenkstätten in Thüringen, und weiter: „dabei reichen moralische Antworten oft nicht aus. Denn auch das aktuelle Gesellschaftsbild muss in die Gedenkstättenarbeit mit aufgenommen werden“. Wegen einer Grundhaltung vieler Jugendlicher, warum man sich ausgerechnet mit den Verlierern der Geschichte identifizieren solle, müsse die Gesellschaft jungen Menschen zeigen, dass es sich lohnt, skeptisch zu sein.

„Seit der Wiedervereinigung gibt es eine Tendenz zu glauben, in einer vollkommenen deutschen Gesellschaft zu leben, weshalb man auch in der Erinnerungsarbeit schwerer Jugendliche erreicht“, stellt Prof. Knigge fest. So lässt zum einen Routine Jugendliche weglaufen lässt, und zum anderen stellt sich ihnen die Frage nach dem Sinn von Gedenkstättenbesuchen, da „sich ja schon genug andere damit auseinandergesetzt haben“. Um diesen Einstellungen entgegen treten zu können, bedürfe es sowohl Wissen, mit dem nicht nur Fakten, sondern auch Erkenntnis und Gewissen gemeint sind, als auch Methodenkompetenz: Forschendes Lernen hat sich hier als besonders effektiv erwiesen, doch dazu müssten Archive und wissenschaftliche Einrichtungen geöffnet werden.

Genauso wichtig sei die persönliche Glaubwürdigkeit der Vermittler von Geschichte, die neben der Überzeugungskraft authentischer Orte Lernen auch nachhaltig machen würden. Abschließend gab Prof. Dr. Knigge noch einen Hoffnungen für die Zukunft weckenden Ausblick, da es „zum Glück eine Tendenz gibt, dass sich Fragen nach pädagogischen Angeboten an Erinnerungsorten intensivieren“.

Hier merkte Christoph Spieker mit Zustimmung seiner Gäste an, dass diese Herausforderungen auch in der Villa ten Hompel im täglichen Umgang mit Jugendlichen deutlich würden und einige der Erkenntnisse in der pädagogischen Arbeit schon erfolgreich umgesetzt werden. Diese Feststellung konnte der Gast aus Jena als Mitglied im Beratungsgremium des Beauftragten für Kultur und Medien der Bundesregierung nur bekräftigen: So sei ihm der Geschichtsort insbesondere durch innovative Konzepte bekannt, deren Anträge bei der Vergabe von Bundeszuschüssen immer unstrittig waren.

An diesem Punkt resümierte Prof. Dr. Alfons Kenkmann als Vorsitzender des Arbeitskreises der NS-Gedenkstätten und Gründungsdirektor des Geschichtsortes mit einem Perspektivwechsel hin zu den globalen Herausforderungen im lokalen Umfeld die Entwicklung der Gedenkstätten in NRW. An vielen Orten, darunter auch Münster, habe eine Reihe von Initiativen und Privatpersonen das lokale Erforschen und Erinnern initiiert, sodass auch heute die Erinnerungslandschaft in Nordrhein-Westfalen dezentral organisiert und weit über das gesamte Bundesland verstreut sei. Dennoch gebe es eine rege und kontinuierliche regionale Zusammenarbeit, gerade seit der Gründung des Arbeitskreises der NS- Gedenkstätten in NRW 1994. In Hinblick auf die Entstehung vieler hier organisierten Erinnerungsorte könne man heute feststellen, dass innovative Konzepte oft eben nicht an institutionellen Tischen, sondern vor Ort mit viel Engagement entstehen.

Auch Prof. Dr. Kenkmann sieht für die Gegenwart und Zukunft neue Herausforderungen an Erinnerungsorten, da nun eine neue Generation von Schülern auf eine „Generation von Gedenkstättenmitarbeitern, die mit ihren Einrichtungen alt werden“, trifft. Zudem müssten Geschichtsorte unterschiedlichste Besuchergruppen zufrieden stellen, wodurch neue didaktische Aufgaben entstünden. Hier sei die Arbeit zum einen routiniert, doch würde diese Erfahrung gleichzeitig zur Gefahr, wenn kein Raum mehr für alternative Offerten bliebe.

Aufgrund der neuen Herausforderungen „befinden sich nun viele Einrichtungen in einer Phase der Selbstreflexion und Standortbestimmung. Dabei muss eine Verunsicherung hergestellt werden, um sich selbst hinterfragen zu können“, schlägt der Arbeitskreis-Vorsitzende einen ähnlichen Weg ein wie Prof. Dr. Knigge. Doch dürfe diese kritische Selbstreflexion eben nicht „durch eine Normierung von Oben“ geschehen, sondern müsse durch eine Selbstvergewisserung der eigenen Arbeit vollzogen werden. Wie auch die Erfahrungen in der Villa ten Hompel gezeigt hätten, ist Geschichtsvermittlung nur durch persönliche Verbindungen möglich. Dabei sei es die Aufgabe der Gedenkstätten, die Gespräche mit persönlichem Bezug herzustellen. Diese sollen die in der Matinee thematisierte Erinnerungskultur mit der „Bewusstmachung von Geschichte als Konstrukt aus Vergangenheitsdeutungen, Gegenwartserfahrungen und Zukunftserwartungen verbinden“, forderte Prof. Dr. Kenkmann abschließend für eine an die globale Erinnerungskultur angepasste regionale Gedenkstättenarbeit und ist unter diesen Betrachtungen gespannt auf die nächsten zehn Jahre Erinnern, Forschen und Bilden am Geschichtsort Villa ten Hompel.

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