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Die Arbeiterstadt Solingen kennenlernen: 360-Grad-Rundgang des Max-Leven-Zentrums Solingen sollte eigentlich Ziel der Werkstatt-Tagung von dem HU-Bildungswerk in NRW und dem Arbeitskreis „Verfolgung und Widerstand in Solingen 1933-1945“ werden. Im vergangenen Herbst und jetzt im Mai verhinderte jedoch der Infektionsschutz die Treffen in Präsenz. Nicht aber die innovative Arbeit des Vereins Max-Leven-Zentrums vor Ort. Corinna Koselleck, Freiwillige im FSJ-Kultur an der Villa ten Hompel Münster, stellt dessen neues Digitalangebot vor.

Verfasst am 19. April 2021

Allerorts hat nicht erst mit dem Lockdown das Gedenken angefangen. Lange vorher schon im bergischen Solingen gab es den Plan, eine Gedenkstätte zu errichten, die sich thematisch mit der Arbeiterbewegung und dem Widerstand im Nationalsozialismus auseinandersetzt. Im Dezember ist auf der Website des Max-Leven-Zentrums ein neuer 360-Grad-Rundgang online gegangen.

Ich bin aus den Wolken gefallen, als ich mir die Ausstellung des Max-Leven-Zentrums in Solingen angeguckt habe: Aus den Wolken zur ersten Station in der Birkerstraße. Der 360-Grad-Rundgang durch die „Arbeiterstadt Solingen“ ist Anfang Dezember online gegangen – als erste Ausstellung des Max-Leven-Zentrums. Solingen als sozialdemokratische Hochburg vor dem ersten Weltkrieg und kommunistische in der Weimarer Zeit und Heimat vieler durch die Nationalsozialisten in der ersten Stunde verfolgten politisch Oppositionellen bietet viele Geschichten, von denen ich einen Teil in dem virtuellen Rundgang entdecken konnte.

Nach dem Fall wurde ich direkt mitgenommen auf einen Rundgang durch die Stadt Solingen anhand von den zentralen Gebäuden der Arbeiterbewegung. Begleitet durch Stimmen von Schülern und Schülerinnen des Humboldt Gymnasiums Solingen stand ich direkt vor dem Gebäude des Spar- und Bauvereins Solingen und des Sozialdemokratischen Vereins. Oder eher vor seinen Umrissen. Denn einige der Häuser, die eine Rolle in der roten Stadt gespielt haben, existieren schon nicht mehr. Aber auch das hat in die Erstellung dieses Rundganges reingespielt, denn er dient unter anderem zur Erhaltung: Gebäude, die einst Funktionen in der Arbeiterbewegung getragen haben, Redaktionen beherbergten oder unter den Nationalsozialisten ein Treffpunkt der politisch Verfolgten waren, müssen bald weichen. Es wird ein großes Sparkassen Gebäude entstehen, das auch dem Max-Leven-Zentrum Räumlichkeiten geben wird, damit die Stadt, die noch 1929 einen kommunistischen Bürgermeister gewählt hat, eine Bildungs- und Gedenkstätte bekommt.

Anhand einiger historischer Gebäude und den Umrissen von weiteren konnte ich im Rundgang ein Einblick in die bunte, verschiedene, auch ineinander konkurrierende Welt der Hochburg der Kommunisten, Sozialisten und Sozialdemokraten erhalten. Bei jeder Station wird etwas erzählt, aber man kann sich auch kleine Beschreibungen durchlesen und historische Ansichten des Ortes anschauen. Wer noch mehr lesen will, findet auch ausführlichere Texte des Max-Leven-Zentrums. Besonders schön ist auch eine Station am Ende: Die Redaktion der „Bergischen Arbeiterstimme“, das „Organ für das arbeitende Volk Solingen“, eine Tageszeitung über Politik, Kunst und Kultur, wurde virtuell rekonstruiert.

Aber wer war eigentlich Max Leven, nach dem die Gedenkstätte benannt ist? Max Levy, genannt Leven, war ein jüdischer Einwohner der Stadt Solingen, der für die „Bergische Arbeiterstimme“ Rezensionen schrieb. Er war verheiratet und hatte drei Kinder. In der Pogromnacht 1938 wurde er von NSDAP-Mitgliedern erschossen. Neben seiner Tätigkeit als Kulturkritiker war der gelernte Kaufmann für verschiedene Unternehmen tätig, um sein Lebensunterhalt zu verdienen. Die jüdische Gemeinde verließ er 1919 aus kommunistisch-religionskritischen Ansichten, trat ihr aber wieder bei, als 1933 die Judenverfolgung begann.

Die kombinierte Struktur aus 360-Grad Technik, Bildern, Texten, Stimmen und der Rekonstruktion der Redaktion machen das Kennenlernen der Solinger Arbeiterstadt deutlich aufregender als wenn man sich nur eine Website durchlesen würde. „Die unkomplizierte Zusammenarbeit mit Excit3D hat uns sehr geholfen, das Projekt so schnell zu entwickeln“, freut sich Daniela Tobias, Vorsitzende des aus dem Arbeitskreis „Verfolgung und Widerstand in Solingen 1933-1945“ hervorgegangenen Verein „Max-Leven-Zentrum Solingen e.V.“. „Etwas länger hat die inhaltliche Recherche gebraucht. Obwohl wir auf verschiedene Veröffentlichungen aufbauen konnten, haben mein Kollege Armin Schulte und ich gemerkt, dass noch einige Wissenslücken zu füllen waren, die bisher wenig Aufmerksamkeit in der Forschung erfahren haben“, berichtet sie über den Prozess des Erstellens.

Mit dem Leben und dem Zusammenhalt sowie auch den Konflikten innerhalb eines so engen Milieus wie der Arbeiterschaft dieser Zeit konnte ich mit meinen bisherigen Erfahrungen nicht viel anfangen. Besonders deshalb war es spannend, sich den Rundgang anzuschauen. Allerdings steht fest, dass auch ein virtueller Stadtrundgang die Möglichkeit gibt, sich zu verlaufen, wie ich in einem verwirrten Moment feststellte. Kinderkrankheiten sind aber normal.

Apropos normal: Die erste „normale“ Ausstellung des Max-Leven-Zentrums muss leider wegen Corona digital stattfinden. Aber auch hier hat sich das Zentrum eine Alternative überlegt, die Ausstellung lebendiger zu gestalten. Nicht auf einmal, sondern jeden Samstag wird ein Teil der Ausstellung „…und laut zu sagen: Nein!“ veröffentlicht und gibt so Eindrücke in die Strategien, Formen und Bedingungen des Solinger Widerstandes.

Corona zwingt uns zu Behelfslösungen, aber genau das ist der Rundgang des Max-Leven-Zentrums Solingen nicht. Er bietet einen faszinierenden Einblick und ist auch als Bewahrung für kommende Generationen wichtig.

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