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Buchenwald ohne "verordnete Betroffenheit" begegnen Gedenkstättenfahrten in Münster

Verfasst am 23. Januar 2011

Wenn es Dienstagmorgen in der Friedensschule Münster zur ersten Stunde klingelt, beginnt für knapp 100 Neuntklässler ein langer, schwieriger Weg – ohne Unterricht, ohne Geschichtsbuch und ohne jegliche Schulatmosphäre: Kurz vor dem Holocaust-Gedenktag, der am Donnerstag, 27. Januar, international angesichts der Auschwitz-Befreiung 1945 begangen wird, fahren die Kerngruppen 9.4, 9.5 und 9.6 nach Buchenwald. Ihre drei Parallelklassen folgen im Februar - ebenfalls mit ihrenTutorinnen und Tutoren, also den Klassenleitungen. Daneben startet am Dienstag ein studentisches Team aus Münster, das den Jugendlichen die Kulturstadt Weimar, vor allem aber Buchenwald als Ort der KZ-Massenverbrechen und des NKWD-Unrechts zu sowjetischer Zeit im sogenannten "Speziallager Nr. 2" intensiv erörtern wird. "Hinsehen, Nachdenken, Sich Einmischen", so der Titel des historischen Großprojektes, das bewusst völlig außerhalb von Schule an den besonderen Orten angesiedelt ist und nur in Seminarform stattfindet: InThüringen und in Westfalen, in der Katholisch-sozialen Akademie Franz Hitze Haus des Bistums Münster sowie am Geschichtsort Villa ten Hompel der Stadt Münster.

Einfach alle Jugendlichen in die Busse, am Ziel dann Rundgang, Stille, Gedenken, quasi: "Augen auf" und durch?! So läuft’s nicht, nach dieser Devise hätte eine Exkursion nach Buchenwald weder Sinn noch Wert. Eine große Gedenkstätte zu besuchen, sei alles andere als eine einfache Klassenfahrt, aber eben auch "kein schnell wirksames Allheilmittel" gegen Rassismus und extrem rechtes Gedankengut, unterstreichen Sebastian Lanwer von der Jungen Akademie im Franz Hitze Haus und Stefan Querl vom Geschichtsort Villa ten Hompel in Münster, die mit Mario Breloh, Leander Vierschilling, Peter Dillschneider und etlichen weiteren beteiligten Personen aus der Bischöflichen Gesamtschule Friedensschule seit Wochen wegen der Projektplanungen in einem engen Austausch stehen: Eine Kooperation mit langjähriger Tradition. "NS-Verbrechen und vor allem der Opfer gedenken kann nur, wer nüchtern und genau hinsieht, analysiert, andererseits Gefühle zulässt und neben dem Geschichtlichen die Gegenwartsbezüge im Blick behält", lautet ihr Konsens, der Jahr um Jahr seine Kreise zieht.

Gezielt arbeite man gemeinsam an einem modernen und multiperspektivischen Ansatz, um jungen Generationen Geschichte nachhaltig zu vermitteln und Menschenrechtserziehung historisch zu fundieren: Durch die Gedenkstättenfahrten mit intensiver Vor- und Nachbereitung, mit altersgerechter Gesprächsführung, sinnvollen Strategien gegen Rechtsextremismus und einer fachlichen Begleitung, die sich konsequent abhebt von "Läuterungspädagogik" oder irgendeiner anderen Form von "verordneter Betroffenheit".

Ins Gespräch kommen die Jugendlichen durch eine unmittelbare Auseinandersetzung mit Opfern und Tätern, aber auch mit Mittätern, Mitläufern und Mitwissern, ohne die das verbrecherische System des Nationalsozialismus nicht hätte funktionieren können. Wer sah tatenlos zu, wer setzte sich zur Wehr, als die SA 1933 für den Boykott jüdische Geschäfte in der Münsteraner Salzstraße absperrte? Warum schwieg die große Mehrheit in Münster, als gut fünf Jahre später die Synagoge geschändet und zertrümmert wurde? Wusste im Reich wirklich niemand, dass Millionen Menschen hinter den Fronten im Ostkrieg und in den KZ ermordet oder "durch Arbeit vernichtet" wurden? Heikle Fragen, denen sich die Jugendlichen in ihrer Form und Sprache nähern – so wie an den Vorbereitungstagen, die in der vergangenen Woche in der Villa ten Hompel begannen und heute fortgesetzt werden. Besondere Herausforderung dabei: Durch den Kalten Krieg und den sowjetischen Geheimdienst NKWD hörte das Leiden von Verfolgten in Buchenwald auch nach Kriegsende keineswegs auf. Vielmehr wurde nach Befreiung der KZ-Häftlinge und nach unwürdiger "Um-nutzung" der Lagerrelikte unter anderen Vorzeichen weiter gequält, gefoltert, ausgehungert. Als Argument diente erst die Entnazifizierung, doch sehr bald landeten auch Andersdenkende im "Speziallager", also Menschen, die mit der kommunistischen Diktatur nicht einverstanden waren oder gegen Auswüchse des Besatzungsregimes in der sowjetischen Zone, die später zur DDR wurde, protestiert hatten. "Buchenwald ist ein Ort mit doppelter Vergangenheit und mit Erinnerungskonkurrenzen, die altersgerecht erklärt und entschlüsselt werden müssen", meint Stefan Querl, "Obwohl die Themen für junge Menschen recht mühsam zu verstehen und vorschnelle Vergleiche problematisch sind, dürfen wir diese Kapitel keineswegs aussparen." Schließlich habe auch die DDR Buchenwald instrumentalisiert und ihren Antifaschismus dort symbolstark aufgeladen – ohne viele Opfergruppen wirklich zu entschädigen, ohne über das 'Speziallager' zu sprechen. "Auch diese Grauzone deutsch-deutscher Geschichte kommt vor." 

Ermöglicht wird das Projekt u.a. mit Mitteln aus dem Kinder- und Jugendplan des Bundes über die Bonner Arbeitsgemeinschaft katholisch-sozialer Bildungswerke (aksb), mit Unterstützung der Stadt Münster, der Schule und des Fördervereins Villa ten Hompel, aber vor allem auch angesichts des Engagements von Lehrern, Jugendlichen und studentischen Mitwirkenden aus Münster, die sich ihrerseits noch in ihren Ferien intensiv auf dem Ettersberg und im Zentrum von Weimar als Team vorbereitet hatten. Am Holocaust-Gedenktag selbst werden sich alle Teilnehmenden u.a. im Franz Hitze Haus versammeln und den Besuch Buchenwalds nachbereiten.

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