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„Auf Sie habe ich sechzig Jahre gewartet.“ Wenn die Polizei NS-Verbrechen aufklärt und hoch betagte Opferzeugen aus der Kriegszeit vernimmt, haben die Ermittlungen eine historisch ganz besondere Bedeutung. Junge Gäste aus der evangelischen Kirchengemeinde Dülmen befragten Hauptkommissar Rainer Stoye in der Villa ten Hompel zum Thema.

Verfasst am 13. Januar 2014

Eine Erkenntnis war wesentlich für Fritz Bauer, den Chefankläger im Strafprozess gegen Wachmannschaften des Konzentrationslagers Auschwitz: „Bewältigung unserer Vergangenheit heißt Gerichtstag halten über uns selbst.“ Das betonte der hessische Generalstaatsanwalt bewusst vor gut 50 Jahren, „Gerichtstag über die gefährlichen Faktoren unserer Geschichte.“ Er unterstrich diese Einsicht, während Details vieler Massenverbrechen des NS-Regimes nach und nach öffentlich wurden in Westdeutschland, als in Frankfurt am Main im Strafverfahren Opferzeugen zu Wort kamen und später Urteile gegen einige Henker, Aufseher, Befehlsempfänger fielen. In der Aufklärung sehe er, notierte Bauer weiter, „nicht die Beschmutzung des eigenen Nests. Nein, ich möchte meinen, das Nest werde dadurch gesäubert.“ Gerade mit dem Gedanken eckte er an, der jüdische Jurist, der selbst aus NS-Deutschland hatte fliehen müssen. Nach Kriegsende stemmte er sich mutig gegen das Schweigen, das Schönreden oder das Relativieren dieser Diktatur, das viele seiner Zeitgenossen in der jungen Bundesrepublik aus Scham oder Schuldabwehr praktizierten.

Inzwischen klären Polizei und Justiz in Nordrhein-Westfalen und in anderen Bundesländern des geeinten Deutschlands in einem völlig anderen gesellschaftlichen Klima NS-Massenverbrechen auf. Darüber berichtete jetzt in altersgerechter Form Polizeihauptkommissar Rainer Stoye (DirGE/BPH/III. Zug). Zu seiner vormaligen Tätigkeit während der Abordnung zur Ermittlungsgruppe „Nationalsozialistische Gewaltverbrechen“ (EG NSG) beim LKA in Düsseldorf stand der Beamte 90 jungen Leuten aus dem Münsterland in der Villa ten Hompel der Stadt Münster Rede und Antwort. Konkret diskutierte er mit Konfirmandinnen und Konfirmanden der Evangelischen Kirchengemeinde Dülmen aus dem Kreis Coesfeld. Aufgeteilt auf zwei Großgruppen hatten Peter Zarmann, Susanne Falcke und Gerd Oevermann als Pfarrteam ihr Projekt unter der Überschrift „Schuld und Versöhnung“ mit höchst aktuellen Brückenschlägen versehen: Eben keineswegs allein mit rein religiösen Vorstellungen. Lesen und Blättern in der Bibel sei natürlich stets ein Zugang im Unterricht, aber darüber hinaus gehe jede Begegnung mit Menschen, für die Schuld und der Umgang mit dieser eine regelrechte Aufgabe sei. Daher stehen im Projekt bewusst die Exkursionen, etwa zu einer Beratungsstelle, die Verschuldeten aus der Insolvenz hilft, oder zu einer Sitzung bei Gericht. Die Villa ten Hompel war ausgesucht worden wegen des geschichtlichen Blicks auf Verantwortung für die Gewaltherrschaft im Zweiten Weltkrieg.

So bitter und beunruhigend der historische Befund ist, so wichtig dessen Vermittlung an künftige Generationen, denn auch Polizeieinheiten mordeten hinter den Fronten, in jüdischen Ghettos oder außerhalb von den Lagern, die SS oder Wehrmacht befehligten. Viele westfälische Menschen jüdischer Herkunft wurden beispielsweise seit dem Winter 1941 nach Riga deportiert, dort durch Arbeit im Ghetto bei mangelhafter Versorgung vernichtet oder direkt erschossen. Die Ausstellung in der Villa ten Hompel dokumentiert umfassend Details, konkret unterstützt von Polizeipräsidien wie Münster, Bochum, Düsseldorf oder Dortmund, die mit zur (Selbst-) Aufklärung über die Rolle der so genannten „grünen“ Ordnungspolizei im braunen Regime beitrugen, gerade bei Übergriffen auf die oft hungernde Zivilbevölkerung in besetzten Ländern Osteuropas. Im Westen traten Deutsche als Besatzungsmacht meist weniger brutal in Erscheinung. Doch auch in den Niederlanden oder dem besetzten Teil von Frankreich kam es zu massiven „Vergeltungs“-Aktionen. In Italien beispielsweise nach dem Bruch aller Kriegsbündnisse der Diktatoren Mussolini und Hitler.

Für einige frühere Massaker konnte PHK Rainer Stoye seinerzeit von Düsseldorf aus helfen, Täter zu finden und zur Rechenschaft zu ziehen. „Mord verjährt im deutschen Strafrecht nicht“, unterstrich er, „aber die Beweisführung ist eben in der Rückschau schwierig und muss ausgesprochen genau erfolgen.“ Deshalb sei es so wichtig, auch in Italien selbst Opferzeugen, also Überlebende, zu finden und Tatorte exakt zu untersuchen, natürlich unter entsprechender Rechtshilfe und Kooperation mit dortigen Strafverfolgungsbehörden. Ob seine persönliche Sicht auf Schuld und Versöhnung verändert worden sei, seit er dort im Süden Europas ermittelt habe, wollten die jungen Leute im Interview in der Villa ten Hompel wissen. „Durchaus“, betonte Stoye, selbst Familienvater. Im Falle eines besonders grausamen NS-Verbrechens sei einer der wenigen Überlebenden ein Zeuge gewesen, seiner Zeit ein Kind, „zehn Jahre alt“. Er sei als inzwischen 71-jähriger betagter Mann richtig erleichtert gewesen, dass die Polizei zu ihm kam um zu ermitteln. Nämlich besser spät als nie. „Herr Kommissar, auf Sie habe ich sechzig Jahre gewartet! Vielen Dank, dass Sie gekommen sind."

Fotos und Text: Stefan Querl

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