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Wissenswertes Ge-Denk-Zellen Altes Rathaus Lüdenscheid

Funktion des Polizeigefängnisses Lüdenscheid vor 1933

Zwei Jahre nach der Ausrufung des Zweiten Deutschen Reiches kam es zum Bau eines neuen Rathauses, das von 1873 bis 1964 die politische Zentrale der Stadt war. Da die Polizisten von der Stadt eingestellt wurden und der Bürgermeister Chef der Polizeibehörde war, wurde im Keller ein Gefängnis mit 7 Zellen eingerichtet. Ab 1933 verdoppelte sich die Zahl der Inhaftierten und nahm die Zahl der Polizisten von 31 auf 81 zu.

Während die Polizei in der Kaiserzeit im Dienst von Staatsordnung und Rechtsstaatlichkeit stand, hatte sie in der Weimarer Zeit die schwierige Aufgabe, die Eskalation der großen politischen und gesellschaftlichen Konflikte in Gewalt zu verhindern. Das gelang nur teilweise und zeitweise. Mit der Weltwirtschaftskrise und den immer schnelleren Wechsel der 20 Regierungen in den 14 Jahren Weimarer Republik verlor die Demokratie in der unüberschaubaren Vielfalt von 61 Parteien und Gruppen (Reichstagswahl 1932) ihr Ansehen und wurde der Ruf nach dem starken Mann immer lauter. Dr. Schneider war 1930 in Lüdenscheid zum neuen Oberbürgermeister gewählt worden, nachdem sein Vorgänger 32 Jahre im Amt gewesen war und es nie einen demokratischen Wechsel durch Wahlen in der Kaiserzeit und der Weimarer Republik gegeben hatte.  Obwohl Dr. Schneider als junger Verwaltungsjurist in den frühen 20er Jahren noch zur Deutschen Demokratischen Partei gehört hatte, musste der später  Parteilose im Mai 1933 der NSDAP beitreten, um im Amt zu blieben. Seinen demokratisch orientierten Polizeichef Rüdiger hatte er schon im Februar 1933 verloren, weil die NSDAP, die noch nicht im Stadtrat vertreten war, die Ablösung des Polizeichefs beim Polizeipräsidenten in Bochum erwirken konnte.  


Funktion ab 1933

Ab dem 28. Februar 1933 wurden Kommunisten und Kritiker im Polizeigefängnis inhaftiert. Viele kamen über die Steinwache in Dortmund in das KZ Benninghausen und dann in die Emslandlager. Da die Kapazität des Gefängnisses im Rathaus nicht ausreichte wurden auch  im Kellergeschoss des Stadtbauamts (Staberger Str.1), im Gerichtsgefängnis und später im Stadthaus (heute: Stadtbücherei) Lüdenscheider inhaftiert.

Die meisten kamen in Schutzhaft, wodurch alle Rechtswege des Bürgers ausgeschlossen waren und die Polizei willkürlich über die Haftzeit entschied. In Lüdenscheid wurde nach der Entlassung des demokratischen Polizeichefs der SA-Brigade-General Escher Polizeichef. Da er jedoch keine zureichende Kompetenz hatte, wurde 1934 Popp Jansen Polizeichef. Er stand dem Zentrum nahe und hatte als Polizeichef von Unna den Ärger der SA auf sich gezogen, die dafür sorgte, dass er dort sein Amt verlor. Die Polizei wurde durch Gesetze und Verordnungen der Nationalsozilisten immer mehr zu deren wichtigem politischen Instrument.

Rechnet man die teilweise bekannten Zahlen der Inhaftierungen zusammen, kommt man auf gut 100 pro Jahr, also mehr als 1 200 in 12 Jahren. Für ca. 350 gibt es Wiedergutmachungsanträge. Viele – z.B. inhaftierte Ostarbeiter – konnten keine Anträge stellen. Viele Personen wurden auch mehrfach verhaftet. So gehen wir heute von einer geschätzten Zahl von 700-800 politischen Häftlingen aus: Juden, Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter,  Helfer und Sympathisanten, Zeugen Jehovas, Zwangsarbeiter, „Arbeitsscheuen“ und Menschen mit psychosozialen Auffälligkeiten. Mehr als hundert von ihnen wurden ermordet.


Ort des Gedenkens, der Information und des Lernens für die Zukunft

Anhand von 14 biographischen Tafeln, Realien des jüdischen Lebens, einigen Audio- und Videostationen werden die Schicksale der verfolgten Lüdenscheider (Einwohner  40 000 in der Stadt und 17 000 im Amt) dokumentiert. Geöffnet ist mittwochs von 10 bis 17 Uhr. Auf Nachfragen sind andere Termine möglich. Für die Zukunft sind Unterrichtsmaterialien und ein Buch geplant. Auch passende digitale (Schüler-)Beiträge sind willkommen.  Leitmotto: Forschen -  Lernen - Gedenken für unsere Zukunft.