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Viele dachten, ich sei stumm“ Tamar Dreifuss, Holocaust-Überlebende, schildert Schülern ihre

Verfasst am 12. Februar 2008

DRENSTEINFURT J „Auch wenn die Rollläden schon lange geschlossen

blieben, wurden die Schreie von Frauen und Kindern immer stärker. 70 000

Menschen wurden in Ponar erschossen. Sie mussten ihr eigenes Grab

schaufeln, wir konnten die Salven mitzählen, wenn sie erschossen

wurden“, ließ Tamar Dreifuss, eine von knapp 200 Holocaust-Überlebenden

des Wilnaer Ghettos, ihre jugendliche Zuhörerschaft an ihren

Kindheitserlebnissen teilhaben. Die 70-Jährige las den Schülern der

Klasse 9 b der Städtischen Realschule im Rahmen der aktuellen

Ausstellung in der Alten Synagoge aus dem Buch ihrer Mutter „Sag

niemals, das ist dein letzter Weg“ vor.

Dass unter Hitler unzählige Menschen umgekommen sind, war für die

Schüler nicht neu. Über die Verfolgung von Juden hatten die 28 Mädchen

und Jungen nicht zuletzt bei der Besprechung von Max Frischs „Andorra“

im Deutschunterricht gesprochen. Dies aber aus dem Mund einer Person zu

hören, die die Verfolgungen selbst miterlebt hat, ist ein anderes

Kaliber. Eine Erfahrung, die Katharina Schratz, Schülerin der 9b der

Städtischen Realschule, nach eigener Aussage noch etwas länger

beschäftigen wird. „Dass die Juden einfach geblieben sind und dachten,

dass wird schon wieder alles gut, finde ich erschreckend“, sagte Carolin

Salomon nach der Lesung. Beeindruckt hat die Neuntklässlerin vor allem

die Erzählung, wie Tamar Dreifuss auf dem Weg zum Konzentrationslager

mit ihrer Mutter vor den Augen der Soldaten geflüchtet war.

Sparsam gingen die Jugendlichen allerdings nach der Lesung mit

persönlichen Fragen an die Zeitzeugin um. „Das muss sich erstmal

setzen“, erklärte Carolin Salomon die Zurückhaltung. Ob man als Kind die

Angst der Erwachsenen gemerkt habe, wollte eine Klassenkameradin dann

wissen. „Klar, ich durfte zum Beispiel mit niemandem sprechen. Viele

dachten, ich sei stumm. Es hat lange gedauert, bis ich wieder

kontaktfreudig war. Richtig verstanden habe ich das aber nicht“, so

Dreifuss. Sie hatte bereits am Sonntag vor einem 15-köpfigen Publikum in

der Alten Synagoge auf Einladung der VHS, des Fördervereins „Alte

Synagoge“ und des Kulturamtes der Stadt gelesen. J sud

Jana Sudhoff

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