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Jüdische Familien schwer misshandelt Erinnerung an die Reichspogromnacht vor 70 Jahren / Übergriffe und Verwüstungen auch in Drensteinfurt

Verfasst am 08. November 2008

Drensteinfurt. Die Reichspogromnacht vom 9. November 1938 jährt sich am morgigen Sonntag zum 70. Mal. Auch den jüdischen Bürgern in Drensteinfurt wurde schreckliches Leid zugefügt. Die Drensteinfurterin Sabine Omland hat die Geschehnisse zusammengefasst:

Zu Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft waren die jüdischen Bürger Drensteinfurts relativ gut in das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben der kleinen Stadt integriert. Sie stammten aus alt eingesessenen Familien, die teilweise bereits seit 100 Jahren in Drensteinfurt wohnten. Durch den Besuch der christlichen Schulen, die Mitgliedschaft in Vereinen und durch den Textil- und Viehhandel waren inzwischen enge gesellschaftliche und wirtschaftliche Beziehungen geknüpft worden. Vor allem das soziale Engagement für das Marienhospital hatte den Juden die Achtung und Anerkennung der christlichen Mitbürger verschafft.

Mit dem Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft im Jahre 1933 begannen auch in Drensteinfurt Ausgrenzung und Verfolgung der Juden, die im Reichspogrom von 1938 einen schrecklichen Höhepunkt fanden. SA- und SS-Leute überfielen fast alle jüdischen Familien in ihren Häusern, misshandelten sie schwer und trieben sie in die Synagoge, wo sie einen „Gottesdienst“ abhalten mussten.

Die misshandelten Menschen suchten später Zuflucht im Marienhospital. Der Drensteinfurter Arzt Dr. Metzger behandelte dort ihre Verletzungen und schützte sie vor ihren Verfolgern. Diese verwüsteten das Innere der Synagoge. Die Thorarollen wurden geschändet, Bänke und Thoraschrein zerschlagen, die Kultgegenstände entwendet. Die Frauenempore blieb jedoch unversehrt.

Am nächsten Tag wurde ein Teil des zerbrochenen Mobiliars auf dem Marktplatz verbrannt. Dabei konnte von Drensteinfurter Bürgern ein Pentateuch heimlich beiseitegeschafft und versteckt werden. Er wurde erst in den 90-er Jahren wiederentdeckt.

Auch die Thorarollen wurden gerettet. Der Rabbiner Dr. Voos aus Münster ersuchte im September 1939 bei der Devisenstelle um die Genehmigung nach, die Drensteinfurter Thorarollen nach Buenos Aires an Dr. Steinthal, der einige Jahre zuvor emigriert war, zu schicken. Leider konnte bisher nicht geklärt werden, wie die Thorarollen nach Münster gelangt waren, und ob sie tatsächlich nach Argentinien geschickt worden sind.

Ende des Jahres wanderten die Familien Terhoch mit 14 Personen nach Uruguay aus. Die verbliebenen jüdischen Bürger waren einer zunehmenden Unterdrückung in allen Lebensbereichen ausgesetzt, so dass sie ihr Leben schließlich in fast vollkommener Isolierung und unter unerträglichen Bedingungen führten. Herta Salomon und ihre Cousine Fanny Irma mussten die Volksschule in Drensteinfurt verlassen und die jüdische Schule in Münster besuchen.

Im Zuge der „Arisierung“ jüdischen Vermögens waren die Familien Berta Terhoch und Johanna Salomon gezwungen, ihre Häuser zu verkaufen und unter zunehmend menschenunwürdigen Bedingungen zur Miete zu wohnen. Siegmund Salomon musste 1939 in Vertretung der jüdischen Gemeinde die Synagoge verkaufen. Man entzog ihm wie auch der Schneiderin Emma Terhoch die Gewerbeerlaubnis. Er wurde zur Zwangsarbeit beim Kanalbau in Hiltrup herangezogen. Auch Herta und Frieda Salomon wurden ab 1941 zu „kriegswichtiger Arbeit“ bei Winkhaus in Münster dienstverpflichtet.

Der Mangel an Erwerbsmöglichkeiten hatte zumindest bei den Familien Salomon eine weitere Verarmung zur Folge. Ständig gab es neue Anordnungen, die das Leben darüber hinaus unerträglich machten. So wurde der freundschaftliche Umgang mit Juden unter Strafe gestellt, eine Ausgangssperre ab 20 beziehungsweise 21 Uhr eingeführt, Radiogeräte konfisziert, das Tragen des Judensterns angeordnet und vieles mehr. Die Maßnahmen zur Isolierung der jüdischen Bürger waren so wirksam, dass viele Drensteinfurter später glaubten, nach dem 9. November 1938 habe es keine Juden mehr in Drensteinfurt gegeben. Ende 1941 erhielten die verbliebenen Drensteinfurter Juden den „Evakuierungsbefehl“.

Weitere Informationen zur Geschichte der Juden in Drensteinfurt gibt es unter www.ns-gedenkstaetten.de/nrw/drensteinfurt/index_2.php3.

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