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Neue Dauerausstellung im Jüdischen Museum Westfalen eröffnet im Dezember 2018 Nach fast acht Monaten Umbauarbeiten und einer zweijährigen inhaltlichen Neukonzeption, stellt das Jüdische Museum Westfalen am 16.12.2018 seine neue Dauerausstellung der Öffentlichkeit vor.

Verfasst am 15. November 2018

Das Jüdische Museum Westfalen ist eine von 29 im Arbeitskreis NS-Gedenkstätten und Erinnerungsorte e.V. vernetzten Einrichtungen und beleuchtet die jüdische Geschichte Westfalens.

Seit nunmehr 26 Jahren gibt es am Standort Dorsten das Jüdische Museum Westfalen. Hervorgegangen aus einer engagierten Bürgerinitiative Ende der 1980er Jahre, entwickelte sich das Museum zunehmend zu dem heutigen Lern- und Lehrort. Die seit 2001 gezeigte Dauerausstellung mit ihren Schätzen aus der Judaica-Sammlung wurde nun aktuellen Präsentationsformen angepasst.

Bei der Neukonzeption spielten vor allem die Begriffe "Digitalisierung" und "Interaktion" eine Rolle und wurden von den Ausstellungsmacher*innen aufgegriffen und umgesetzt. Die bisher gezeigte, klassische Vitrinenausstellung weicht großteils einer Präsentation, die zum Mitmachen animiert. Den Besucher*innen wird es möglich sein, die vielfältige Geschichte und die Traditionen des Judentums aktiver als bisher zu entdecken.

Neben einer Ecke, in der die hebräische Sprache und Schrift kennengelernt und ausprobiert werden kann, sind an vielen Stationen Audiogeräte installiert, die Gebete, Lieder oder Erzählungen abspielen. Im Herzen des großen Ausstellungssaal befindet sich fortan ein spiralförmiger Tisch, der den jüdischen Kalender und seine Feiertage erläutert. Integrierte Objekte zum Anfassen und Durchblättern erleichtern den Zugang zum komplexen Kalendersystem und geben einen Eindruck vom alltäglich gelebten Judentum.

Wie vielfältig das Judentum ist, zeigt auch die Aufnahme von Themen wie der "Zedaka", ein Begriff aus der jüdischen Ethik, der Wohltätigkeit und Gerechtigkeit umfasst. Die neue Station "von hier" erzählt von Menschen jüdischen Glaubens aus Westfalen. Dabei steht nicht die gesamte Biographie im Fokus, sondern die kleine Geschichte "von nebenan". Unter anderem finden sich darunter die Geschichte eines jüdischen Viehhändlers, der 1894 im Kreis Borken zum Schützenkönig gewählt wurde oder die Geschichte des Dr. Paul Eichengrün, der bis 1933 als zweiter Vorsitzender des FC Schalke 04 tätig war.

Das Motto der neuen Dauerausstellung lautet "L´chaim"-Auf das Leben! Daher verwundert es nicht, dass die Lebenswege aus Westfalen um einige Biographien erweitert wurden. Zum Beispiel um die Geschichte des Joseph Dortort aus Bottrop, der sich als 16-Jähriger dem französischen Widerstand anschloss und als Einziger seiner Familie die Shoah überlebte. Seine Geschichte ist eng mit dem Fund des Bottroper Bücherkorbs verbunden und erfährt in der neuen Dauerausstellung anhand der Biografie eine detaillierte Aufarbeitung. Die bisherige Präsentationsform der Lebenswege aus Westfalen wurde weitgehend durch die digitale Beamerprojektion ersetzt. Exponate und Kurzinformationen, die an der Wand installiert sind, geben erste Einblicke in die individuellen Geschichten. Besucher*innen haben die Möglichkeit, vor einem großen Bildschirm Platz zu nehmen und nach Interesse einzelne oder alle Biografien auszuwählen, die nähere Informationen erhalten.

Die umfassenden Themen "Synagoge" und "Thora", bisher im großen Ausstellungssaal zu sehen, erhalten einen neuen Platz, in dem vormals die Lebenswege chronologisch begonnen haben. Dass eine Synagoge nicht zwingend ein Sakralbau sein muss oder welche Aufgaben Rabbiner*innen und Kantor*innen innerhalb einer Gemeinde haben, wird neben Erläuterungen zur Thora vermittelt. Auch der Talmud wird mittels einer farblich markierten Seite allgemein verständlich erklärt.

Unter dem Titel "Zeitenbruch. Die Jahre 1933-1945" steht die Zeit des Nationalsozialismus. Eine eingezogene Wand mit Spion richtet den Blick auf den Essener Synagogenbrand von 1938 aus der Perspektive der Zuschauenden. Zentrales Objekt bleibt der Bottroper Bücherkorb. Neben der gesellschaftlichen Ausgrenzung, die sich an der Entwicklung verschärfender antijüdischer Gesetze bis hin zur völligen Entrechtung zeigte, werden auch Geschichten zum jüdischen Widerstand, zur Selbsthilfe und zum jüdischen Zusammenhalt während des NS-Regimes vorgestellt. Eine Wandkonsole beinhaltet "Letzte Briefe", die Zeugnis über die Schrecken des Nationalsozialismus ablegen. 

Die Brücke, bislang als Durchgang zwischen Wander- und Dauerausstellung genutzt, ist in das neue Ausstellungskonzept integriert. Von der Migration im 19. Jahrhundert, über die Flucht aus Nazi-Deutschland, die Auswanderungen nach 1945, die Hoffnung auf einen israelischen Staat und die Migration der letzten 25 bis 30 Jahre, wird die unterschiedlich motivierte Migration durch die Jahrhunderte skizziert. Mit einer im Vergleich über die Gemeindemitgliederzahlen Westfalens und der Präsentation aktueller Projekte zur Stärkung der gesellschaftlichen Vielfalt und gegen Diskriminierung, wird der Bogen in die Gegenwart gespannt. 

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