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Vor 75 Jahren: Deportationen aus dem Rheinland und Westfalen in Vernichtungslager Seit Mai 1942, vor allem aber im folgenden Sommer, wurden rheinische und westfälische Juden nicht mehr über Ghettos, sondern direkt in Vernichtungslager verschleppt. Am 20. Juli 1942 startete ein Deportationszug in Köln - nach vier Tagen Fahrt wurden die Gefangenen bei Minsk erschossen. Kürzlich hatten Delegierte des Arbeitskreises die Orte, die Stephan Lehnstaedt als „Kern des Holocaust“ bezeichnet, besucht. Einige dieser Orte, darunter auch das Vernichtungslager Malyj Trostenez bei Minsk, werden selbst von der Fachöffentlichkeit bis heute nur am Rande wahrgenommen und könnten nächstes Ziel des Austauschs werden.

Verfasst am 20. Juli 2017

Am 20. Juli 1942 wurden 1164 Juden aus Köln und benachbarten Städten, darunter auch Bonn, vom Bahnhof in Deutz Richtung Minsk deportiert. Vier Tage später wurden sie in Malyj Trostenez, einem Vorort der heutigen belarussischen Hauptstadt Minsk, ermordet. 75 Jahre später erinnern die Lern- und Gedenkstätte Jawne und das NS-Dokumentationszentrum Köln an die Ermordeten. Beide Einrichtungen sind Mitglieder im Arbeitskreis der NS-Gedenkstätten und -Erinnerungsorte in NRW.

Obwohl neben belarussischen, polnischen, österreichischen oder tschechischen Menschen in Malyi Trostenez auch viele rheinländische und westfälische Juden ermordet wurden, war der Ort selbst der Fachöffentlichkeit lange Jahre weitgehend unbekannt. Seit kurzem versuchen neue Initiativen und eine Wanderausstellung, die Vernichtungsstätte in das öffentliche Bewusstsein zurückzuholen.

Erstmals seit Mai 1942 und zunehmend ab Mitte Juni 1942 wurden Juden aus Deutschland wie mit dieser Kölner Deportation nicht mehr in osteuropäische Ghettos, sondern auch direkt oder über Theresienstadt in die Vernichtungslager verschleppt. So wurden am 21. Juli 1942 auch 965 Juden von Düsseldorf aus nach Theresienstadt deportiert, denen am 28. Juli eine Woche später 1165 Juden aus dem Kölner Raum folgten und am 29. und 30. Juli Deportationszüge aus Dortmund. Am 31. Juli 1942 kamen schließlich noch 901 Juden unter anderem aus Münster hinzu.

Etwa zeitgleich haben deutsche SS-Männer in Bełżec Gaskammern in Betrieb genommen, und auch in Treblinka wurde im Vernichtungslager seit Juli 1942 mit dem systematischen Massenmord begonnen. Innerhalb kürzester Zeit wurden unter anderen mehrere hunderttausend polnische Juden beispielsweise aus der Region um Lublin getötet. Die durch diese Mordaktionen "frei" gewordenen Ghettos wurden anschließend das Ziel einiger Deportationszüge, die im Westen des Reichs, beispielsweise im heutigen Regierungsbezirk Düsseldorf, starteten: Am 15. Juli 1942 ging eine Deportation von Düsseldorf Richtung Ghetto Izbica, bereits am 22. April wurden 1051 Juden aus dem Düsseldorfer Raum in das ostpolnische Städtchen südöstlich von Lublin deportiert. Bei Beginn der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg lebten rund 6000 Juden in dem Ort. 1942 wurde Izbica zum Ghetto und Durchgangslager für europäische Juden, die zu ihrer Ermordung nach Bełżec, Sobibór und Treblinka deportiert wurden. Darunter befanden sich rund 8000 Deutsche, die auch aus dem Rheinland und einigen Ruhrgebietsstädten stammten.

Heute sind an einigen dieser Schauplätze von grausamen Verbrechen Gedenkstätten eingerichtet, andere Orte fristen ein Dasein am Rand der öffentlichen Wahrnehmung. Mitglieder des Arbeitskreises der NS-Gedenkstätten und -Erinnerungsorte bereisten im Frühjahr 2017 gemeinsam mit der Landeszentrale für politische Bildung und der Staatskanzlei NRW diese Einrichtungen, um mit ihren polnischen Kolleginnen und Kollegen Möglichkeiten für zukünftige erinnerungskulturelle Kooperationen zu initiieren.

Wie das Schicksal der im Juli 1942 vor 75 Jahren deportierten Kölnerinnen und Kölner zeigt, sind auch die historischen Verbindungen zwischen Belarus und Nordrhein-Westfalen eng. Die Mitglieder des Arbeitskreises haben es sich nun zum Ziel gemacht, auch auf erinnerungskultureller Ebene den Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen beispielsweise in der Gedenkstätten Malyj Trostenez durch eine weitere Delegationsreise zu forcieren.

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