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Tagungsbericht zum 3. Studientag „Erziehung nach Auschwitz“ Zum dritten Studientag „Erziehung nach Auschwitz“ kamen in Köln die Mitglieder und Unterstützer der gleichnamigen Fortbildung zusammen. NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer lobte nicht nur die Arbeit der NS-Gedenkstätten im Land, sondern stellte auch die weitere Förderung von Gedenkstättenfahrten für Schülerinnen und Schüler in Aussicht. Neben erinnerungskulturellen Fragen standen gegenwärtige Herausforderungen wie zunehmender Antisemitismus auf dem Programm. Die Online-Redaktion des Arbeitskreises berichtet mit einem umfassenden Bericht vom international besetzten Studientag.

Verfasst am 02. Mai 2018

Ministerin Gebauer unterstreicht Bedeutung der Gedenkstättenarbeit in NRW

Yvonne Gebauer, Ministerin für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen, eröffnete den 3. Studientag „Erziehung nach Auschwitz“, zu dem am 11.April 2018 alle Mitglieder und Unterstützer des Netzwerks zur gleichnamigen Fortbildung der Bezirksregierung Münster eingeladen waren. Vor ca. 140 Teilnehmerinnen und Teilnehmern würdigte die Ministerin das bedeutende Engagement aller Anwesenden aus dem schulischen und außerschulischen Bildungskontext und hob die herausragende Arbeit der Gedenkstätten in NRW hervor. Die Zusammenarbeit zwischen Schulen und Gedenkstätten als Bildungspartnern habe sich in den vergangenen Jahren über das bereits bestehende Maß hinaus noch weiter intensiviert, so dass alle Beteiligten von dem intensiven Austausch über neue Anforderungen profitieren würden. Bezugnehmend auf das Tagungsthema „Pädagogische Konzepte für die aktuellen Herausforderungen der Erinnerungsarbeit“ appellierte sie an alle Anwesenden angesichts der sich verändernden Gesellschaftsstrukturen und den damit verbundenen Herausforderungen an die Bildungsarbeit das Engagement auch weiterhin beizubehalten. Die Ministerin sagte, dass jede Schülerin und jeder Schüler in NRW die Chance haben sollte, eine Gedenkstätte zu besuchen. Im Namen ihres Ministeriums stellte sie erstmals eine Fördersumme in Aussicht, die die Durchführung von Gedenkstättenfahrten unterstützen soll. In diesem Zusammenhang empfahl sie den Besuch der Gedenkstätten aus dem Arbeitskreises der Gedenkstätten und Erinnerungsorte NRW. Sie selbst habe zahlreiche Gedenkstätten in NRW privat und beruflich besuchen dürfen, um vor Ort jeweils Einblicke in die pädagogische Arbeit zu erhalten. Es müsse nicht zwangsläufig Auschwitz sein, gab sie auch zu bedenken und würdigte die hervorragenden pädagogischen Konzepte der Gedenkstätten des Arbeitskreises der Gedenkstätten und Erinnerungsorte NRW, die einen interessanten Zugang für die Schülerinnen und Schüler zur Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus aufgrund des lokalen Bezugs bieten würden.

Intensive Beziehungen zwischen Yad Vashem und NRW

Deborah Hartmann, Leiterin der Abteilung für die deutschsprachigen Länder innerhalb der International School for Holocaust Studies in Yad Vashem, blickte zu Beginn ihres mit Spannung erwarteten Vortrags „Antisemitismus heute“ auf die Entwicklung der Zusammenarbeit zwischen Yad Vashem und NRW. Die Beziehungen zwischen Yad Vashem und NRW seien besonders intensiv, da dieses Bundesland die „Vorreiterrolle“ im Aufbau einer (gemeinsamen) Erinnerungskultur für Deutschland übernommen habe. Es habe sich neben der seit 20 Jahren stattfindende Lehrerfortbildung „Erziehung nach Auschwitz“ (Bezirksregierung Münster) einen ein intensiver Austausch mit den Gedenkstätten in NRW entwickelt. Sie verwies dabei auf den Besuch einer Delegation aus Yad Vashem im Herbst des vergangenen Jahres, welche sich mit Mitgliedern des Arbeitskreises der NS-Gedenkstätten und Erinnerungsorte NRW getroffen habe, um Kooperationen zu intensivieren, Gedenkstätten zu besichtigen und sich vor Ort über die pädagogischen Konzepte auszutauschen.

Umgang mit Antisemitismus – Anforderungen an Bildungsinitiativen

Die Vertreterin der deutschsprachigen Abteilung in Yad Vashem ist nicht nur für die Organisation und Durchführung von Lehrerfortbildungsseminaren zuständig, sondern auch für die Erstellung von Unterrichtsmaterialien. In ihrem Vortrag merkt sie u.a. an, dass die Nachfrage von Lehrerinnen und Lehrern bezüglich Materialien, die im Unterricht die Auseinandersetzung mit Formen von Antisemitismus in der gegenwärtigen Gesellschaft thematisieren, in kurzer Zeit stark angestiegen sei. Die Referentin bedauert, dass es derzeit keine ihr bekannten Online-Angebote gebe, die den Umgang mit Antisemitismus für Lehrerinnen und Lehrer hinsichtlich der Aktualität aufarbeite. Die gestiegene Nachfrage und die Präsenz von Formen von Antisemitismus in den Medien zeige den Bedarf nach einem dringenden intensiven Diskurs auf und mache die Sichtung und den Austausch von pädagogischen Handlungskonzepten notwendig, um die Lehrenden in der Thematik zu unterstützen. Oftmals könne in diesem Zusammenhang eine Form der Unsicherheit im Umgang mit der Differenzierung von antisemitischen Äußerungen und einer so genannten „Israel-Kritik“ wahrgenommen werden. Das grundlegende Problem sei dabei eine fehlende differenzierende Definition von Antisemitismus, die diesen von anderen Formen der Diskriminierung, der Ausgrenzung und auch von Formen von Rassismus abgrenzen müsse, um eine unbewusste Relativierung als Folge der Verknüpfung zu vermeiden. Spannend wäre es aus Sicht der Referentin, wenn sich jüdische und nichtjüdische Akteure zu Bildungsinitiativen zusammenschließen würden, um pädagogische Handlungskonzepte zu erarbeiten. Im Rahmen der Frage nach einer möglicherweise vorhandenen Hilflosigkeit im Umgang mit Antisemitismus verweist sie auf die mobilen Beratungsstellen in NRW, die individuell beratend und bei Unsicherheiten unterstützend auftreten. Die Beratungsstellen treten in diesem Zusammenhang vor allem als Experten im Umgang mit rechtsradikalen und rechtspopulistisch motivierten Strömungen auf.

Bildungsarbeit im Kontext einer Migrationsgesellschaft

Im Kontext der Auseinandersetzung mit Antisemitismus heute nehmen die Bildungsbeteiligten darüber hinaus sich verändernde gesellschaftliche Selbstbilder wahr, die in Zusammenhang stehen mit der sich durch Migration verändernden Gesellschaftsstruktur. Hierbei erhält das Thema „Geflüchtete, Erinnern an den Nationalsozialismus und Gedenkstätten“ eine besondere Aufmerksamkeit, u.a. werden mögliche Formen des „eingewanderten“ Antisemitismus diskutiert. Als Handlungskonzept gegen Antisemitismus wird teils vehement eine „Gedenkstättenpflicht“ als Integrationsvoraussetzung gefordert. Die pauschale Forderung, besonders präsent in medial stattfindenden Debatten, lässt einerseits völlig außer Acht, dass die Gedenkstätten in NRW bereits regelmäßig historisch-politische Bildungsangebote mit Geflüchteten als Besucher realisieren und setzt andererseits einen Erinnerungsimperativ fest, der den pädagogischen Konzepten der Gedenkstätten auch widerspricht.

Den Gedenkstätten kommt eine bedeutende Rolle zu, da der Umgang von Jugendlichen mit Geschichte meist in der Schule und in Bildungseinrichtungen stattfindet. So kann die Erfahrung mit der Vermittlung von der Geschichte des Nationalsozialismus in der Schule und in Gedenkstätten für Jugendliche mit Migrationshintergrund prägend sein. Die Gedenkstätten fordern bei ihrer Arbeit mit Geflüchteten jedoch nicht die Identifikation mit der Geschichte des Holocausts als Integrationsvoraussetzung, sondern arbeiten mit den Jugendlichen über die Wissensvermittlung hinaus an der Frage „Was hat das mit mir zu tun?“, sprechen über die Verantwortung im Umgang mit dem Wissen und Formen des Gedenkens in der Öffentlichkeit. Das Projekt „Willkommensstätten“ hat die pädagogische Arbeit mit Geflüchteten intensiviert. Darüber hinaus gab es aber bereits vor den bildungspolitischen Initiativen in den Gedenkstätten pädagogische Konzepte zur Vermittlung der NS- Geschichte und der daraus folgenden Bedeutung für das politische und gesellschaftliche Handeln in Deutschland. So arbeitet zum Beispiel die Villa ten Hompel seit einigen Jahren mit Jugendlichen und Erwachsenen aus Sprach- und Integrationskursen zum Umgang mit dem Nationalsozialismus und entwickelt die auf Vertrauen basierenden Konzepte stetig weiter. Die Ausstellung der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf ermöglicht allen Jugendlichen, völlig unabhängig von ihren Migrationskontexten, die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nationalsozialismus, indem sich Jugendliche mit dem Leben von Jugendlichen, die während des Nationalsozialismus lebten, beschäftigen und über Alteritätserfahrungen die Bedeutung dieser Geschichte erfahren.

Den Ansatz, dass Jugendliche die Verantwortung eines Mitglieds einer demokratischen Gesellschaft über die Auseinandersetzung mit Geschichte erkennen sollen, auch unabhängig von ihrem Migrationskontext, unterstreicht in ihrem Vortrag an diesem Vormittag Frau Prof. Dr. Astrid Messerschmidt, Lehrende an der Bergischen Universität Wuppertal im Fachbereich Erziehungswissenschaft. Sie geht u.a. darauf ein, dass den Schulen und Bildungspartnern, also auch den Gedenkstätten, eine große Bedeutung zukomme, was die Begegnung mit Geschichte und Geschichtsbildern angehe. Sie stellt heraus, dass eine Unterscheidung der Jugendlichen nicht stark fokussiert werden dürfe, sondern eine Verantwortung im Umgang mit Geschichte zu lernen sei - über eine „nationale Identifikationsforderung“ hinaus. Im Rahmen ihres Vortrags stellt sie konkret zwei Literaturangebote für die Bildungsarbeit gegen Antisemitismus vor. Dabei verweist sie auf ein Handbuch zur antisemitischen Bildungsarbeit unter ihrer Mitwirkung mit dem Titel „Widerspruchstoleranz“ (Kiga) und benennt „Weltbild Antisemitismus“ von der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt am Main. Abschließend betont sie die Notwendigkeit mit Jugendlichen über die Gegenwart zu sprechen. Wichtig sei es, dass die Jugendlichen über ihre Erfahrungen sprechen und Raum erhielten, ihre Quellen zu benennen, um diese folgend kritisch zu hinterfragen. Dies solle unabhängig vom „Moment der Herkunft“ geschehen.

"Erziehung nach Auschwitz" - Die Fortbildung für Lehrerinnen und Lehrer 

Was 1998 als einmalige Studienreise einer überschaubaren Delegation von Lehrerinnen und Lehrern unter der Leitung von Theo Schwedmann nach Israel begann, hat sich bis 2018 zu einem beständigen Fortbildungsprogramm mit hoher Nachfrage entwickelt. Die Fortbildung „Erziehung nach Auschwitz“ als Anlass für diesen Studientag in Köln ist ein fester Bestandteil des intensiven Austauschs zwischen Yad Vashem als Erinnerungs- und Bildungsstätte und der Gedenkstättenlandschaft geworden. In diesem Zusammenhang nehmen die Gedenkstätten in NRW eine wichtige Bedeutung ein, da zahlreiche Bildungspartnerschaften zwischen Schulen und Gedenkstätten durch teilnehmende Lehrerinnen und Lehrer bzw. Ehemalige engagiert wahrgenommen werden. 

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