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Social Media in Gedenkstätten – Erfahrungen aus Krefeld und Dorsten Für viele Geschichts- und Erinnerungsorte sind soziale Medien aus der täglichen Arbeit nicht mehr wegzudenken. Der Einsatz reicht von der Öffentlichkeitsarbeit mit Facebook oder Twitter über die Aufbereitung von pädagogischen Materialien bis zu interaktiven Formaten der Führung. Wie setzen die Gedenkstätten in NRW soziale Medien ein? Sandra Franz (Leiterin der Villa Merländer, Krefeld) und Antje Thul (pädagogische Mitarbeiterin, Jüdisches Museum Westfalen in Dorsten) haben uns von ihren Erfahrungen berichtet.

Verfasst am 31. Oktober 2019

Die Villa Merländer ist seit mehreren Jahren auf Twitter und Facebook aktiv. Der Geschichtsort nutzt die Auftritte in sozialen Medien in erster Linie als Medium der Öffentlichkeitsarbeit – zur Bekanntgabe von Veranstaltungen oder für Berichte über das Geschehen im Haus. Aber auch zu aktuellen Geschehnissen bezieht die Villa Merländer online Stellung – etwa mit einer spontanen Kerzenaktion nach dem  Anschlag auf die Synagoge im Halle.

Mindestens alle zwei Tage sind Aktivitäten auf der Facebook-Seite sichtbar, so Sandra Franz, die als Leiterin des vergleichsweise kleinen Erinnerungsortes zuständig für die Arbeit mit sozialen Medien ist. Auf Twitter erscheinen ebenso Hinweise auf Veranstaltungen, der Facebook-Auftritt wird jedoch deutlich häufiger genutzt. Die Villa Merländer hat keine eigene Stelle für die Arbeit mit sozialen Medien, aber, so Sandra Franz: „Es gibt für uns nicht die Möglichkeit nicht auf social media aktiv zu sein. Für moderne Kultur- und Bildungseinrichtungen ist das unbedingt notwendig."

Hilfreich sei für sie, die nicht aus dem Bereich der Öffentlichkeitsarbeit komme, dass sie auch privat Facebook nutze und dadurch einen Zugang dazu habe, welche Sprache oder Visualisierung Nutzer*innen anspricht. Wenn Geschichtsorte mit sozialen Medien arbeiten, seien Kenntnisse über Bild- und Urheberrechte dringend erforderlich – das technische Know-How dagegen könne man sich an einem Nachmittag aneignen.

An manchen online-Veröffentlichungen arbeitet ein ganzes Team – etwa in der Veröffentlichung von Beiträgen zur Krefelder Geschichte 1933-45. Bei diesem Projekt recherchiert das Team der Villa Merländer gemeinsam mit dem Stadtarchiv Krefeld zu zentralen Ereignissen für jeden Monat und bringt sie in ein für soziale Medien geeignetes Format, so zum Beispiel am 18. August 2019 zur Eröffnung der Deutschen Funkausstellung 1933. Wichtig ist für Sandra Franz, über Twitter und Facebook an Debatten teilzuhaben, die Krefeld und die Umgebung betreffen.

Besonders gut funktionieren Aufrufe, die sonst in der Hauspresse veröffentlicht werden, so Sandra Franz: Wenn ein Aufruf zu einer Aktion in einer Pressemitteilung erscheine und auf Facebook, sei die Resonanz hoch. Auch Veranstaltungen mit Schulen werden breit wahrgenommen, ebenso wie Posts zu Gesprächen mit Zeitzeug*innen. Welche Beiträge häufig geteilt werden, hängt jedoch nicht nur von Inhalten ab, sondern auch vom Zeitpunkt der Veröffentlichung – unter der Woche tagsüber erhält die Facebook-Seite mehr Klicks als am Wochenende.

Auf dem Facebook-Profil muss ich Sandra Franz immer wieder mit rechtem Gedankengut und menschenfeindlichen Äußerungen auseinandersetzen, die als Kommentare unter den Beiträgen der Villa Merländer gepostet werden.

Bislang sei die Kommentarfunktion deswegen noch nie abgeschaltet worden. Stattdessen sei es wichtig, so Franz, auf solche Äußerungen schnell zu reagieren, damit diese nicht zu lange unwidersprochen im Netz stehen. Etwa nach dem Anschlag auf die Synagoge in Halle, als ein Nutzer den Angriff auf die jüdische Gemeinde mit den „deutschen Opfern“ islamistischer Terroranschläge aufwog. Sandra Franz antwortet direkt auf solche Kommentare, bezieht deutlich Position, stellt Gegenfragen und bleibt dabei höflich.

Sollte der Fall eintreten, dass wiederholt rechtes Gedankengut unter den Beiträgen der Villa Merländer gepostet wird, würde die Kommentarfunktion abgeschaltet – zunächst jedoch können alle Posts kommentiert werden.

Dass man über Smiley auf Facebook Emotionen zu einem Beitrag kundtun kann, habe sich als wirksam für die Arbeit der Villa Merländer erwiesen, erklärt Franz: Vielen Nutzer*innen falle es schwer, Posts, die NS-Geschichte erzählen, zu „liken“. Sie drücken stattdessen ihre Reaktion als Wut oder Traurigkeit aus.

Mit ihrer Präsenz in sozialen Netzwerken erreicht die Villa Merländer ein vielfältiges Publikum: Facebook spreche in erster Linie Personen ab Mitte 20 an, aber auch 60-70 Jährige werden über die Seite erreicht. Entscheidend für die Zahl der Follower sei unter anderem, wie viele Aktivitäten auf der Seite sichtbar seien.

Durch den Facebook-Auftritt erreicht die Villa Merländer deutlich mehr Menschen als offline – allein, weil viele Leute, die die Arbeit des Ortes online verfolgen, nicht in Krefeld wohnen. Die Reichweite der Villa Merländer hat sich dadurch erweitert. Die Aktivitäten in sozialen Netzwerken zeigen konkret Wirkung: Viele Menschen äußern auf Veranstaltungen, sie seien erst dadurch auf die Villa Merländer aufmerksam geworden.

Wenn eine Gedenkstätte in sozialen Netzwerken präsent ist, weckt das die Aufmerksamkeit jüngerer Menschen, darüber sind sich auch die Praktikant*innen Lena Linder und Fabian Schmitz einig. Dennoch bedeutet das nicht, dass automatisch mehr junge Menschen die Gedenkstätten besuchen, sagt Sandra Franz: „Es geht auch viel darum, welche Veranstaltungen angeboten werden – wenn ich nur ein Programm für Oberstudienräte anbiete, hilft die beste social media Arbeit nichts, jüngere Menschen in die Gedenkstätten zu holen.“

Als Weiterentwicklung der Präsenz in sozialen Netzwerken ist eine Instagram-Seite ist seit Ende Oktober die Instagram-Seite der Villa Merländer online. Das Konzept dafür entwickelt eine studentische Praktikantin. Auf Instagram soll in erster Linie auf Veranstaltungen hingewiesen und visuelle Eindrücke aus dem Haus veröffentlicht werden, erklärt Fabian Schmitz. Außerdem ist geplant, dass Praktikant*innen auf der Plattform von ihrer Arbeit berichten.

Das Jüdische Museum Westfalen in Dorsten ist seit einem Jahr auf Instagram präsent. Ursprünglich zur Bewerbung der neuen Dauerausstellung eingerichtet, ist Instagram inzwischen integraler Bestandteil der Öffentlichkeitsarbeit des Hauses, neben einer Facebookseite, einem Newsletter und der Museumszeitung Schalom.

Wie die Villa Merländer hat auch das Jüdische Museum keine eigene Stelle für die Öffentlichkeitsarbeit. Zuständig für den Instagram-Account ist Antje Thul, pädagogische Mitarbeiterin im Jüdischen Museum.

Die Idee hinter dem Instagram-Auftritt war, präsenter und transparenter zu werden, erklärt Antje Thul. Sie nimmt immer wieder Hemmschwellen in der lokalen Bevölkerung gegenüber dem Museum wahr – sei es auf Vorurteilen beruhend oder, weil das Thema Judentum schnell mit dem Nationalsozialismus in Verbindung gebracht wird und so mit Ängsten und Tabus besetzt wird.

Dabei ist das Jüdische Museum Westfalen ein Ort, der sich mit dem lebendigen vielfältigen Judentum in der Region und darüber hinaus befasst. Auf Instagram finden sich darum zahlreiche Bilder aus dem Alltag des Museums: Eindrücke aus der Dauerausstellung, Instagram-Stories aus dem Alltag, Fotos von einzelnen Exponaten (wie dem Chanukkaleuchter aus Lego), aus dem Garten oder von Veranstaltungen.

Ebenso wie das Jüdische Museum sich als Ort für alle Altersgruppen versteht, sei auch der Instagram-Auftritt nicht auf eine bestimmte Zielgruppe zugeschnitten, so Thul. Immer wieder fragen sie Jugendliche bei Workshops nach dem Instragram-Account, die Follower seien jedoch vor allem Menschen von Mitte 20 bis Mitte 40. Unter ihnen sind „Stammgäste“ des Museums aus Dorsten, aber aus Interessierte aus den USA.

Instagram ermöglicht andere Zugänge als Facebook. So konzentriert sich der Facebook-Auftritt des Jüdischen Museums auf inhaltliche Arbeit, etwa durch das Verlinken von Artikeln, und trägt so zu einer Debatte bei. Wie eine Gedenkstätte oder ein Museum soziale Medien nutzen kann, ist häufig eine Frage der personellen Kapazitäten – in Häusern, die eine Stelle allein für social media besetzen können, sind beispielsweise auch interaktive pädagogische Formate möglich.

Die Zahl der Follower der Instagramseite steigt kontinuierlich, allerdings findet auf Instagram kaum eine Debatte über Kommentare statt, so Antje Thul. Während die Villa Merländer in Krefeld über Facebook immer wieder rechte Kommentare erhält, sei das im Jüdischen Museum Westfalen weniger ein Thema: Beleidigungen und antisemitische Kommentare erreichen das Museum häufiger per Mail oder Post.

Positive Erfahrungen macht das Jüdische Museum mit der Verknüpfung von online- und offline- Zugängen, beispielsweise mit Feedback-Postkarten. Die Postkarten zeigen die Portraits jüdischer Menschen aus der Region, gestaltet von Schüler*innen aus Dorsten. Sie können als Grußkarten verschickt werden, oder um wie in einem Gästebuch, eine Rückmeldung an das Museum zu hinterlassen. Auf den Karten findet sich der Hinweis auf den Facebook- und Instagram-Auftritt des Museums, mit der Bitte auch dort Feedback und Bilder zu posten. Die Postkarten werden sehr gut angenommen, erklärt Antje Thul. Regelmäßig erhält das Museum auf diesem Weg Briefe und wird gleichzeitig online präsenter.

Links:

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