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„Mehr als man kennt – näher als man denkt“ Virtuelle Eröffnung der Ausstellung im Düsseldorfer Landtag 29 Objekte porträtieren die NS-Gedenkstätten und Erinnerungsorte in ihrer Vielfalt und Einzigartigkeit. Gezeigt wird die Ausstellung seit dem 27. April im Landtag in Düsseldorf. Bei ihrer Eröffnung im Livestream erhielten die Zuschauenden Einblicke in Objektgeschichten und in Debatten zu Stand und Perspektiven der Erinnerungskultur.

Verfasst am 02. Mai 2021

In einem Rundgang durch die Ausstellung vermittelte der kulturpolitische Reporter und Moderator Peter Grabowski einen Eindruck von den Geschichten hinter den Objekten: vom Fahrrad Ernst Humbergs, das nach einer Flucht in die Niederlande und nach Kanada nun wieder in seinem Herkunftsort Dingden ist, über die Häftlingsjacke aus dem KZ Niedernhagen, eine der wenigen, deren ehemaliger Träger identifiziert werden konnte, bis zur Uhr eines der Opfer der Massenerschießungen von sowjetischen Zwangsarbeiter*innen im Polizeigefängnis Steinwache, dessen Name und Lebensgeschichte unbekannt bleiben.

André Kuper, Präsident des Landtags Nordrhein-Westfalen, betonte in seinem Grußwort, dass die Objektgeschichten auf beeindruckende und bedrückende Weise Geschichte greifbar machten. Besonderen Dank sprach er an die zahlreichen Ehrenamtlichen in Gedenkstätten und Erinnerungsorten aus, auf die insbesondere die kleinen Häuser angewiesen seien. Die Zuschauenden lud Kuper ein, sich über Gedenkorte in der eigenen Nachbarschaft zu informieren.

Mitarbeiter*innen aus mehreren Gedenkstätten und Erinnerungsorten gaben ganz persönliche Einblicke in „ihre“ Objektgeschichten: wie Krankenakten die Angst vor Stigmatisierung von Angehörigen von im Nationalsozialismus wegen angeblicher Erbkrankheiten Verfolgten widerspiegeln, oder, wie ein mohel-Buch (Buch eine Fachmanns der rituellen Beschneidung im Judentum) rückerstattet werden konnte und dann jedoch wieder dem jüdischen Museum Westfalen geschenkt wurde.

Die anschließende Talkrunde „Zwischen Routine und Innovation!“ ging auf aktuelle Debatten und Perspektiven der Vermittlung von NS-Geschichte in Gedenkstätten und Erinnerungsorten ein. Es diskutierten Klaus Kaiser, Parlamentarischer Staatssekretär im Ministerium für Kultur und Wissenschaft NRW, Dr. Stefan Mühlhofer, Vorsitzender des Arbeitskreises der NS-Gedenkstätten und -Erinnerungsorte NRW, Prof. Dr. Omar Kamil, Mitglied des Wissenschaftlichen Kuratoriums der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora und Professor für die Geschichte Westasiens an der Universität Erfurt und Prof. Dr. Christiane Kuller, Professorin für Neuere und Zeitgeschichte und Geschichtsdidaktik, ebenso an der Universität Erfurt.

Die Diskutant*innen widmeten sich zunächst dem Begriff des Erinnerns selbst. Klaus Kaiser stellte die Begriffe des Gedenkens und des Erinnerns gegenüber. Das Erinnern hänge unmittelbar mit dem eigenen Erleben zusammen oder werde von Menschen aus der Erlebensgeneration vermittelt. Nun stünden insbesondere kleine Gedenkstätten vor der Frage, wie das Erinnern in die Zukunft gebracht werden könne. Christiane Kuller entgegnete, ein generationeller Wandel finde schon seit mehreren Jahrzehnten statt. Gedenkstätten in der Bundesrepublik seien zunächst Orte der Mahnung und des Appells an die Generationen gewesen, die die nationalsozialistische Diktatur selbst erlebt und geduldet hatten. Eine Veränderung werde insofern deutlich, dass das Handeln von Tätern inzwischen genauer betrachtet werde und so Schuld und Verantwortung genauer benannt werden können.

Omar Kamil ergänzte das Gedenken und die Erinnerung als zentrale Funktionen der Gedenkstätten und Erinnerungsorte um den Begriff der Vermittlung. Die Orte stünden heute vor der Aufgabe, die nationalsozialistischen Verbrechen an Menschen zu vermitteln, die Flucht und Migration aus ehemals kolonialisierten Regionen erlebt haben. Objekten, wie sie in der Ausstellung gezeigt werden, komme dabei eine wichtige Rolle zu. Ihre Alltäglichkeit ermögliche einen Zugang zur Geschichte. „Objekte sprechen keine nationale, sondern eine globale Sprache“, so Kamil.

Moderator Peter Grabowski ging auf den Begriff der „moralisch-historischen Bildung“ ein. Diese sei, so Klaus Kaiser im Leitartikel zum Begleitband zur Ausstellung, über die Vermittlung historischer Abläufe hinaus, ein wesentliches Ziel der Arbeit von NS-Gedenkstätten und -Erinnerungsorten. Kaiser erläuterte, die Orte vermittelten Wertmaßstäbe, indem sie die Besucher*innen fragen lassen: „Wie hätte ich gehandelt?“ oder aber auch „Wie konnte jemand so handeln?“

Christiane Kuller entgegnete, die Auseinandersetzung dürfe nicht bedeuten, dass den Besucher*innen Überzeugungen „übergestülpt“ werden. Stattdessen bildeten lokale Fallbeispiele eine wertvolle Grundlage, um ein kritisches Geschichtsbild zu entwickeln. Objekte seien dabei wie eine „Zeitmaschine“. Sie ermöglichten jungen Menschen, selbst Geschichte zu erforschen. Die Geschichte des „Dritten Reichs“ sei dabei nicht nur für Menschen mit Migrationserfahrungen, sondern insbesondere für alle Jugendlichen weit entfernt, so Kuller und Stefan Mühlhofer. Eine Chance seien lokale Anknüpfungspunkte, für die die Gedenkstätten in Nordrhein-Westfalen sehr gute Möglichkeiten bieten. Mühlhofer nannte als Beispiel Stolpersteinprojekte in Dortmund, bei denen Jugendliche, von denen viele eine Zuwanderungsgeschichte haben, anhand der Stolpersteine Lebens- und Verfolgungsgeschichten wortwörtlich vor ihrer Haustür erkunden. Die Auseinandersetzung mit Kolonialgeschichte und die Erinnerung an koloniale Verbrechen sei jedoch eine ganz aktuelle Aufgabe. Omar Kamil ergänzte, in aktuellen Debatten sei wahrnehmbar, dass Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen und Hintergründen gesellschaftliche Anerkennung einforderten. Längerfristig sei es eine gesellschaftliche Aufgabe, eine gemeinsame Erinnerung zu entwickeln.

Klaus Kaiser pflichtete Kamil bei, die vielen dezentralen, aus bürgerschaftlichem Engagement entstandenen Gedenkstätten und Erinnerungsorte in Nordrhein-Westfalen könnten den Ausgangspunkt für eine Vernetzung zwischen NS-Gedenkstätten und Orten, die an koloniale Verbrechen erinnern, darstellen. Er schlug eine gemeinsame Arbeitstagung als Rahmen vor, die Verständigung über Erinnerungskulturen zu vertiefen.

Die Ausstellung „Mehr als man kennt – näher als man denkt“ entstand in Kooperation des Arbeitskreises mit der Landeszentrale für politische Bildung in NRW. Nach dem Landtag wirdsie in Detmold, Köln und in Münster zu sehen sein – und dauerhaft online auf der Website der Landeszentrale für politische Bildung.

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