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„Mehr als man kennt – näher als man denkt“ – Ausstellung der „anderen Art“ in der Bezirksregierung Münster eröffnet 29 Objekte erzählen ihre eigenen Geschichten. Die in der Ausstellung gezeigten Alltagsgegenstände waren für ihre Besitzer*innen einst von besonderer Bedeutung. In der Ausstellung entwickeln die Objekte einen unschätzbaren Wert und zeigen die vielfältigen und beeindruckenden Zugänge zum Erinnern in den NS-Gedenkstätten und Erinnerungsorten auf. 

Verfasst am 26. September 2021

Der kulturpolitische Journalist Peter Grabowski begrüßt die anwesenden Gäste, Interessierte und Freunde aus dem Umfeld der NS- Gedenkstätten und Erinnerungsorte in NRW. Vom Rednerpult aus blickt er in Richtung Ausstellung und hebt sein persönliches Lieblingsobjekt hervor: das Fahrrad von Ernst Humberg, welches seinen Platz heute in Dingenden gefunden hat. Es hatte seinen einstigen Besitzer auf der Flucht in die Niederlande und nach Kanada begleitet. Dieses Fahrrad ermögliche aufgrund seiner Geschichte auf beeindruckende Weise persönliche Zugänge zur Geschichte. So wie alle 29 dargestellte Objekte, die in dieser Ausstellung die Arbeit der Gedenkstätten und Erinnerungsorte in NRW darstelle.

Regierungspräsident Dorothee Feller hebt die Bedeutung der Ausstellung in ihrem folgenden Grußwort ebenfalls hervor. Sie spricht von einer „Ausstellung der etwas anderen Art“. So stelle diese Ausstellung nicht zuerst die Geschichten von Menschen in den Vordergrund, sondern stelle über die Darstellung von Alltagsgegenständen die beeindruckende Arbeit der Gedenkstätten und Erinnerungsorte in den Mittelpunkt, die auf ihre individuelle und einzigartige Weise und durch vielfältige Zugänge ihren Beitrag zur Erinnerung an die Geschichte leisten. Die in der Ausstellung präsentierten Alltagsgegenstände agieren dabei als Zeitzeugen und seien von unschätzbarem Wert. Sie würden nicht nur aufzeigen, dass die Entrechtung der Mitmenschen mitten in der Gesellschaft, unter den Augen vieler Bürgerinnen und Bürger, stattgefunden habe, sondern sie erzählen auch eine Geschichte des Loslassens. Überlebende und deren Angehörige hätten die Objekte bewusst in die Gedenkstätten gebracht, sich dazu entschieden, diese den Erinnerungsorten zu überlassen, um ihren Geschichten und vor allem auch den Personen hinter den Objekten zu gedenken. Dieses Bedürfnis nach Erinnern sei heute größer denn je. Aktuelle Entwicklungen wie u.a. vereitelte Anschlag auf die Synagoge in Hagen zeigen auf, dass Ausgrenzung und auch Gewaltbereitschaft, motiviert durch Hass, ihren Weg zurück in die Mitte der Gesellschaft finden. Diesen Entwicklungen müsse entgegengetreten werden. Die Gedenkstätten und Erinnerungsorte würden dabei einen unersetzbaren Beitrag zur Erinnerungskultur leisten, um über das Erinnern an die Geschichte für die Gegenwart zu mahnen.

Peter Grabowski schlägt einen Bogen zum Jubiläum „75 Jahre NRW“ und verortet die heutige Arbeit der Gedenkstätten und Erinnerungsorte, die noch bis in die 1970er Jahre aufgrund der gesellschaftlichen Tabuisierung und des Primats des Schweigens nicht denkbar gewesen sei. Umso beeindruckender sei es, wie diese kleinen fast unscheinbaren Objekte ihre ganz besondere Wirkungsmacht stellvertretend für die Erinnerungsarbeit in den Gedenkstätten entfalten würden. Sie stünden für die unermüdlich engagierte Arbeit aller Gedenkstättenmitarbeiterinnen und – Mitarbeiter sowie Ehrenamtliche, die sich für das Erinnern und gegen das Vergessen seit Jahrzehnten auf besondere Art und Weise einsetzen. Aus dieser Arbeit heraus stellen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in einem Einspielfilm ihre besonderen Momente dar. Sie berichten von der Arbeit und verschiedenen nachhaltigen Projekten mit Jugendlichen, von Objektschenkungen durch Angehörige und ungewöhnlich gedachten Recherchewegen.

 "Zwischen Innovation und Routine" - Eine Podiumsdiskussion

Im Anschluss begrüßt Peter Grabowski neben Regierungspräsidentin Dorothee Feller auch Klaus Kaiser, Parlamentarischer Staatssekretär im Ministerium für Kultur und Wissenschaft NRW und Dr. Axel Doßmann als neuen Leiter des Geschichtsortes Villa ten Hompel auf dem Podium, um mit ihnen über „Routine und Innovation!“ im Bereich der Gedenkstättenarbeit und Erinnerungskultur zu debattieren.  Er wendet sich Dr. Axel Doßmann zu, den er herzlich zu seiner neuen Leitungsfunktion in der Villa ten Hompel beglückwünscht und diesen nach seinen Erfahrungen hinsichtlich der routinierten Arbeit und Innovation in der Gedenkstättenarbeit befragt. Dr. Axel Doßmann nutzt den ersten öffentlichen Auftritt, um einleitend lobende, charmante Worte zum Verdienst des Ortes in Richtung Christoph Spieker als ehemaligem Leiter zu senden. Er habe einen Erinnerungsort vorgefunden, der stetig innovative Wege gehe.  Routinen würden sich in der souveränen, engagierten Arbeit des Teams mit Jugendlichen zeigen, die alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durch ihre Fragen und Haltungen zu innovativen Diskursen anregen würden. Gerade hinsichtlich der Aufarbeitung und Vermittlung der nationalsozialistischen Geschichte stünden die Erinnerungsorte, so auch die Villa, vor der immerwährenden Aufgabe, innovative Impulse in der Vermittlungsarbeit zu setzen.

Klaus Kaiser pflichtet seinem Vorredner bei. Er berichtet auf Nachfrage nach Routinen und Innovationen von seinen Besuchen in den Gedenkstätten und Erinnerungsorten in den vergangenen Jahren und seinen Wahrnehmungen. Routine habe auch er erkannt im Umgang mit der Vermittlungsarbeit. Routine trüge zur Verlässlichkeit in der Erinnerungsarbeit bei. Er stellt fest, dass den Objekten in den Ausstellungen bei der Vermittlung eine bedeutende Rolle zukommt. Sie würden vor allem jugendlichen Besuchern Zugänge zur Geschichte schaffen. Diese Zugänge seien innovativ zu gestalten, denn man müsse beispielsweise auffangen, dass Zeitzeugen nicht mehr zur Verfügung stehen. Generell habe er wahrgenommen, dass in 29 Gedenkstätten über das Maß hinaus engagierte Menschen arbeiten, die stetig neue Vermittlungsmaßstäbe setzen würden.  Dies sei der Verdienst von bürgerlichem Engagement, welches durch Neugierde und rege Fragen aus der Gesellschaft heraus entstanden sei und überhaupt zur Einrichtung von Erinnerungsorten geführt habe.

Peter Grabowski wendet sich an Dorothee Feller und fragt direkt, ob die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bezirksregierung eine Ausstellung wie diese überhaupt wahrnehmen würden oder ob dies schon Routine sei. Die Regierungspräsidentin stellt heraus, dass eine aktive, gelebte Erinnerungskultur durch enge Kontakte zu Kooperationspartnern wie den jüdischen Gemeinden in Münster, Recklinghausen und Gelsenkirchen bestehe. Auszubildende nehmen beispielsweise an Gedenktagen wie dem 09. November teil und pflegen die Tradition der aktiven Partizipation an der Gedenkkultur. Innovative Wege würden die Wettbewerbe für Schulen anregen, die auf verschiedenste Weise mit Jugendlichen neue Formate in der Vermittlung von Geschichte anstoßen würden. Sie verweist auf eine Skulptur im Hintergrund, die das Wort „Shalom“ inszeniert. Jugendliche hätten sich mit jüdischer Kultur, der Begegnung mit heutigem Leben und präventiv gegen Antisemitismus auseinandergesetzt. Die Skulptur sei das beeindruckende, künstlerische Ergebnis.

Angeregt durch die Anmerkung greift Peter Grabowski die innovative Chance von künstlerischen Auseinandersetzungen auf, wozu Klaus Kaiser ihm beipflichtet. Dieser berichtet über ein besonderes Projekt über die Erinnerung an Zwangsarbeiter, welches an dem ungewöhnlichen Ort einer Autobahnbrücke intensive Gespräche angeregt habe. Vor allem die künstlerische Ausgestaltung schaffe emotionale Zugänge zu einem Thema, welches zunehmend schwer zu vermitteln sei.

In einer Statementrunde heben alle Beteiligten noch einmal deutlich hervor, dass die Aufgabe der künftigen Landesregierungen sei, die notwendigen Rahmenbedingungen für eine innovative Entwicklung und Fortführung einer nachhaltigen Erinnerungskultur schaffen müsse. Der Stellenwert des Erinnerns und die Wertschätzung werde durch die finanzielle Unterstützung deutlich in der Gesellschaft gesteigert. Das Ziel müsse sein, dem Prozess des Erinnerns mehr Aufmerksamkeit zukommen zu lassen und die Erinnerung in die Gegenwart zu holen. Über Gedenktage hinaus müsse das Erinnern in den Alltag der Gesellschaft integriert werden, wie allgegenwärtige Alltagsgegenstände. Alle Anwesenden sind sich einig, dass es angesichts des Blickes, der sich auf Entwicklungen in ganz Europa richte, viel zu tun gebe.

Peter Grabowskis Blick richtet sich erneut über die Anwesenden in Richtung Ausstellung. Er verweist darauf, dass diese 29 Objektgeschichten einen bedeutenden Beitrag zur innovativen Erinnerungskultur leiste. „Man darf auch neu denken“, so der Moderator und bittet alle Anwesenden zum Rundgang.

Die Ausstellung entstand in Kooperation des Arbeitskreises mit der Landeszentrale für politische Bildung in NRW. Dauerhaft ist sie online auf der Webseite der Landeszentrale für politische Bildung zu sehen.

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