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Gedenkstätten NRW bei den jüdischen Kulturtagen - "Ans Licht gebracht! Die Briefe der Familie Heimann" Die fünften jüdischen Kulturtage Rhein-Ruhr stellen das <em>Zuhause</em> in den Mittelpunkt. Auch mehrere Gedenkstätten und Erinnerungsorte beteiligen sich mit Veranstaltungen. In der Begegnungsstätte Alte Synagoge Wuppertal wurden am 7. April die Briefe der Familie Heimann aus den Jahren 1939-1945 „ans Licht gebracht“ - so der Titel der Reihe, die mit dieser Veranstaltung ihren Auftakt nahm. Ein besonderer Gast an diesem Nachmittag war Margaret Gordon, die Tochter von Lore Heimann.

Verfasst am 12. April 2019

Die Reihe gibt Einblicke in die Sammlung des Wuppertaler Historikers Ulrich Föhse. Föhse knüpfte Kontakte zu jüdischen Menschen aus Wuppertal, die in der NS-Zeit emigrierten oder vertrieben wurden.

Im letzten Jahr begann das Team der Alten Synagoge gemeinsam mit Ehrenamtlichen die Sammlung zu sichten und zu ordnen. Die Ehrenamtlichen Dr. Marianne Kieper-Wellmer und Dr. Matthias Wellmer stellten Briefe der Familie Heimann vor und lasen abwechselnd daraus. Josef und Karoline Heimann schrieben an ihre Kinder Albert, Lore und Ursula (Ulla). Albert konnte 1939 nach England auswandern, Lore und Ulla gelangten mit einem „Kindertransport“ im gleichen Jahr dorthin. Josef Heimann stammte aus einer jüdischen Familie, seine Frau Karoline war Christin – ein Umstand, der ihn einige Zeit vor der Deportation bewahrte.

Marianne Kieper-Wellmer und Matthias Wellmer berichteten aus ihrer Arbeit mit den 55 Briefen der Familie, die sie bereits 2013 begonnen hatten. Das Transkribieren, also Abschreiben, der Briefe war immer wieder eine Herausforderung, berichten sie: viele der Briefe sind Kopien aus den 1980er Jahren, auf dünnem, durchscheinenden Papier in kleiner enger Schrift geschrieben. Die Briefe aus Wuppertal mussten über die Niederlande geschickt werden, teilweise über die USA und wurden von dort an die Kinder in England weitergeleitet oder an Albert, der zeitweise in Australien interniert war.

Margaret Gordon berichtete aus den Erzählungen ihrer Mutter: von einer behüteten Kindheit in einer bürgerlichen Familie, davon wie sie in der Schule durch antisemitische Vorschriften eingeschränkt wurde, und wie trotzdem der Kontakt zu einer Schulfreundin aus Wuppertal bis ins hohe Alter bestehen blieb.

Ab 1938 ging Lore Heimann nicht mehr auf die Schule, sie machte eine Ausbildung zur Schneiderin und durfte, auf Anweisung ihrer Mutter, bald nur noch zu Hause arbeiten, ebenso wie ihr Bruder Albert.

Die ersten Briefe der Eltern Heimann nach der Emigration ihrer Kinder handeln von Alltäglichem aus der Nachbarschaft, es schwingt der Wunsch mit, die Kinder nicht zu beunruhigen.

Josef und Karoline Heimann schreiben beide jeweils einen Teil des Briefes, wollen den Kontakt zu den Kindern halten und schreiben: „ich möchte mich mit dir unterhalten“.

Immer wieder sprechen sie ihr sehnsüchtiges Warten auf eine Antwort an. Josef Heimann muss im Herbst 1939 Zwangsarbeit in einer Fabrik leisten – sobald ein Brief eintraf, rief Karoline Heimann ihn dort an. Sie schreiben jedoch auch: „Sollte einmal die Post ausbleiben, so macht euch bitte keine Sorgen.“ Josef und Karoline Heimann geben sich Mühe, die Kinder nicht zu beunruhigen – etwa, wenn sie ab 1941 einen Teil des Hauses aufgrund antisemitischer Vorschriften für Untermieter räumen müssen, oder wenn Josef über seine Arbeit als „Hilfsarbeiter“ schreibt.

Das Jahr 1941 markiert eine Veränderung in den Themen und auch im Tonfall der Briefe. Josef und Karoline Heimann bemühen sich, ebenso NS-Deutschland verlassen zu können. Visa, Bürgschaften und Papiere stehen nun im Zentrum der Briefe und verdrängen die Alltagsgeschichten aus Wuppertal.

Obwohl den Briefen anzumerken ist, dass die Eltern ihre Entmutigung verstecken wollen, spricht ihre Bedrängnis deutlich aus den Zeilen. Sie bitten ihre Kinder um Hilfe, Lore, Albert und Ulla Heimann sollen Behördengänge erledigen, sie sollen, so der Plan ihren Eltern in die USA folgen.

Karoline und Josef Heimann können nicht rechtzeitig das Land verlassen. Darüber, dass Josef Heimann im September 1944 deportiert wird, und im Baracken- und Bunkerbau Zwangsarbeit leisten muss, findet sich nur eine kurze Notiz in den Briefen. Karoline Heimann schreibt hier über sich in der dritten Person und mit ihrem Spitznamen – möglicherweise aus Sorge vor der Überwachung der Briefe.

Einige Briefe verschickt die Familie Heimann über das Rote Kreuz. Die Briefe brauchen manchmal Monate, bis sie ihren Bestimmungsort erreichen. Dies verstärkt die Ungewissheit auf beiden Seiten.

Die Nachricht, dass Lore im Sommer 1942 den ebenfalls aus Wuppertal stammenden Alfred Auerbach heiratet, erreicht ihre Mutter mehrere Monate später.

Der letzte Brief stammt vom September 1945. Noch hatte sich die Familie Heimann nicht vollständig wiedergesehen. Josef und Karoline vergewissern sich, dass es ihren überlebenden Verwandten gut geht. Gleichzeitig spricht aus den Briefen die Trauer über die in der Shoah ermordeten Angehörigen, Freunde und Freundinnen.

Durch das wechselseitige Lesen aus den Briefen und die Erzählungen von Margaret Gordon entstand nach und nach ein eindrückliches Bild der Beziehung von Karoline und Josef Heimann zu ihren Kindern im Exil.

Ende des Jahres sollen die Dokumente einer weiteren Wuppertaler Familie aus der Sammlung Löhse in der Reihe „Ans Licht gebracht!“ vorgestellt werden.

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